Montag, 03.08.2026 17:27 Uhr

Le Souffle

Verantwortlicher Autor: Prof Dr Peter Schroeder Royan, 03.08.2026, 16:23 Uhr
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Le Souffle in der Abendsonne
Le Souffle in der Abendsonne  Bild: Schroeder

Royan [ENA] Wer den ersten Kilometer des schönen gewundenen Küstenwanderweges von Royan ausgehend Richtung Norden absolviert hat, trifft kurz vor der Plage du Chay auf die Überreste des gleichnamigen Forts, gekrönt durch das luftige Monument „Le Souffle“, dessen Leichtigkeit im

im Gegensatz zu den Überresten der schweren Bunkeranlagen des Atlantikwalles steht. Royan wie das Fort haben eine lange Geschichte. In der historischen Aquitaine, im heutigen Nouvelle-Aquitaine gelegen, war der Ort schon vor Jahrhunderten Ort kriegerischer Auseinandersetzungen: Frankreich wie England beanspruchten Aquitanien jeweils für sich: kriegerischer Auseinandersetzungen folgten, die letztlich in den Hundertjährigen Krieg (1337–1453) mündeten. In dieser Zeit wechselte Royan mehrmals den Regenten, die Zeit war geprägt durch schwere Verwüstungen, bis der Ort 1451 an die französische Krone fiel.

Die Belagerung von Royan 1622
Pablo Picassos Café à Royan
Mémorial LeSouffle

Gut hundert Jahre später hatte sich eine protestantische Gemeinde in Royan etabliert. Der Hugenottenkrieg festigte den Ort als „Befestigten Platz“. Burg und Zitadelle von Royan 1622 wurden während dieser Kriege bei einer Belagerung durch die Truppen von König Ludwig XIII. erneut zerstört. Armand-Jean du Plessis, 1er Duc de Richelieu, besser bekannt als Kardinal Richelieu, befahl 1631 die endgültige Schleifung und Niederbrennung der verbliebenen Befestigungsanlagen und untersagte den Einwohnern von Royan, die Befestigungsanlagen wieder aufzubauen.

Die zeitgenössischen Militärbehörden waren sich jedoch der strategischen Lage an der Mündung der Gironde bewusst und begannen, ein System von Artilleriestellungen zu errichten, von denen eine 1757 an der Pointe de Chay errichtet wurde, gegenüber der Pointe de Grave, die sich heute in einer halbstündigen Fahrt mit der Fähre ab Royan erreichen lässt. Eine 1811 gegen die Engländer verlorene Schlacht verdeutlichte die Schwächen dieser Verteidigungsanlage, so dass Napoleon an derselben Stelle eine Festung errichten ließ.

Zwischen 1860 und 1870 wurde sie fertiggestellt: Zwei Bastionen mit Graben, die durch eine Redoute und Kasernen miteinander verbunden waren, dazu Artilleriestellungen und Munitionsdepots. Nach dem Grande Guerre erfuhr das Fort eine schrittweise Modernisierung und Befestigungen aus Beton. Samuel de Champlain, Begründer von la Nouvelle-France im heutigen Kanada, wurde Namensgeber einer Kaserne, die das 14. Festungsbataillon beherbergte. Schließlich wurden zwischen 1927 und 1940 Bunker und ein Beobachtungsposten errichtet. Mit der Besetzung Frankreichs lag Royan in der Zone occupée. Nach dem Waffenstillstand im Juni 1940 wurde die Küstenstadt am Atlantik von deutschen Truppen besetzt.

Reste der alten Bunkeranlagen, vom Strand aus gesehen
Reste der alten Bunkeranlagen
Rest einer alten Geschützstellung

1942 wurden die ersten Bunker des Atlantikwalls nach Plänen der Organisation Todt errichtet. So entstanden die beiden deutschen Festungen „Gironde-Mündung Nord“ (Royan und Umgebung) und „Gironde-Mündung Süd“ (Pointe de Grave) zu beiden Seiten der Gironde-Mündung. Die Festungen von Royan-Grave bildeten somit ein strategisches Bollwerk, das insbesondere Bordeaux schützte.

Als im August 1944 Bordeaux befreit wurde, zogen sich die am Atlantik stehenden Verbände in die küstennahen Bunkerstellungen zurück. Der Hafen von Bordeaux war vollständig intakt unter alliierte[s] Kommando gekommen, konnte jedoch wegen der starken befestigten deutschen Stellungen beidseits der Gironde-Mündung für Nachschubzwecke nicht genutzt werden. Eine darüber hinausgehende militärische Bedeutung hatten diese Stellungen nicht. Insbesondere konnten von hier aus keine militärischen Offensiven gestartet werden.

Nicht akzeptabel schien zu dieser Zeit für die Franzosen die Tatsache, dass hier immer noch deutsche Truppen auf französischem Boden standen. Vorbereitungen zur Eroberung wurden getroffen, die auch dadurch geleitet wurden, ein militärischer Erfolg mit der Eroberung dieser Festungszonen durch französische[n] Kräfte[n] das nationale Prestige wachsen würde. Die neu gebildeten französischen Kampfverbände schienen aber noch zu schwach, um diese Angriffe starten zu können. Ohne alliierte Luftunterstützung wären Risiken und Verluste der Angreifer zu groß.

Da nur Amerikaner und Engländer diese Luftangriffe fliegen konnten, kam es zu Verhandlungen zwischen hohen französischen Offizieren und dem Oberkommando der alliierten Luftstreitkräfte, in denen Royan auf die Liste der alliierten Ziele gesetzt wurde. Am 10. Dezember 1944 trafen sich die französischen und amerikanischen Generalstäbe unter der Leitung von Edouard Corniglion-Molinier und Ralph Royce im 70 Kilometer von Royan entfernten Ort Cognac, um die militärischen Ziele festzulegen für einen Angriff, der wegen der deutschen Ardennen-Offensive zunächst verschoben wurde.

Die deutsche Besatzung hatte die Zivilbevölkerung Royans, jetzt eine „Rote Zone“, am 21. Oktober 1941 zum Verlassen der Stadt aufgefordert. Bleiben durften nur die, die für das Funktionieren der Stadt notwendig waren. Es blieben auch die, die nicht gehen wollten, weil sie Plünderungen fürchteten. Anfang 1945 wuchs zudem die Ansicht, dass die Stadt zu unbedeutend für den weiteren Verlauf des Krieges sei. Allerdings entstand auch der Gedanke auf alliierter Seite, dass die Verbliebenen Kollaborateure sein könnten mit dem Ergebnis, dass man sich auf französischer Seite wenig Gedanken um die verbliebene Zivilbevölkerung machte.

Hinzu kam ein verhängnisvoller Irrtum. Die Franzosen gingen von einem Bombardement der militärischen Ziele im „Gebiet von Royan“ aus, dem sogenannten „Poche“-Bereich zwischen La Coubre und Médis. Für die Amerikaner bedeutete „Gebiet von Royan“ „Royan Area“ und damit nur das Stadtgebiet von Royan. General Royce ging davon aus, dass die Stadt vollständig evakuiert sei. Der Einsatzbefehl lautete: „Die vom Feind stark verteidigte und ausschließlich von deutschen Truppen besetzte Stadt zerstören.“ Vergeblich war durch die Royal Air Force versucht worden, einen französischen Militärverantwortlichen zu kontaktieren, um die Evakuierung bestätigen zu lassen.

Ein erster Angriff, bereits im November 1944, wurde verworfen, weil es aus Sicht der Alliierten vordringlichere Ziele gab. Dennoch blieb Royan auf der Liste der Ziele mit verheerenden Folgen für die Stadt. Am frühen Morgen des 5. Januar 1945 schliesslich erfolgten um 4:10 und um 5:20 Uhr zwei Angriffe der Royal Air Force mit Lancaster-Bombern und dem erklärten Ziel des Stadtzentrums, auch daran erkennbar, dass die militärischen Einrichtungen nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden. Von den 5000 Gebäuden des Stadtzentrums, eines war Wohnort Pablos Picassos zwischen September 1939 und August 1940, blieben 200 unbeschädigt.

Alle anderen waren zerstört oder unbewohnbar geworden. Von den noch im Ort lebenden 2223 lebenden Franzosen starben 442, eine etwa gleichgroße Zahl wurde verwundet. Auf deutscher Seite gab es 47 Gefallene. Eine erwartete Bodenoffensive erfolgte nicht. Die wurde erst im April 1945, drei Wochen vor Kriegsende, gestartet. Der von General de Larminat geleiteten Operation „Vénérable“ sind mehr als 30 000 Soldaten beteiligt, die mit Panzern, Flugzeugen und Artilleriegeschützen ausgerüstet sind und von der Marine unterstützt werden. Diese erdrückende Mehrheit an Mann und Material zu Lande wurde von mehr Luftwaffenpersonal der USAAF unterstützt als noch in der Festung an deutschen Besatzungssoldaten vorhanden war.

Auch diesmal, am 13. April 1945 und bis zum 16. April 1945, war das Stadtzentrum in der Operation „Vénérable“ Ziel der Angriffe von 1200 Bombenflugzeugen mit 4000 Tonnen Bomben und erstmals Napalm in großem Stil. Die Schlacht um Royan endete am 18. April 1945 durch die Kapitulation der deutschen Besatzer und die Gefangennahme ihres Kommandanten, Konteradmiral Hans Michahelles. 479 gefallene deutsche Soldaten hatten den Angriff nicht überlebt. 4600, darunter 200 Verwundete, wurden in Kriegsgefangenschaft genommen. Die Verluste unter den Franzosen wurden mit 154 Gefallenen und 700 Verwundeten beziffert.

Der amerikanische Hochschullehrer, Historiker und politische Aktivist Howard Zinn, an der Columbia University promoviert, der viele Jahre am Spelman-College in Atlanta lehrte, beschreibt in seinem Buch „The Zinn Reader: Writings on Disobedience and Democracy“ die Angriffe und deren Notwendigkeit: „Im Fall von Royan war es praktisch unmöglich, den Angriff auch nur mit militärischer Notwendigkeit zu rechtfertigen. Es handelte sich um eine Kleinstadt an der Atlantikküste, weit entfernt von der Front. Zwar kontrollierte sie den Seezugang nach Bordeaux, einem großen Hafen.

Doch dies war nicht unbedingt notwendig. Auch ohne Bordeaux und später ohne dessen Hafenanlagen waren die Alliierten in der Normandie gelandet, hatten Paris eingenommen, den Rhein überquert und waren bereits tief in Deutschland eingedrungen. Darüber hinaus fand der allgemeine Luft-Boden-Angriff auf Royan drei Wochen vor Kriegsende in Europa statt, zu einer Zeit, als jeder wusste, dass bald alles vorbei sein würde und man die Kapitulation der deutschen Garnison in diesem Gebiet nur noch abwarten musste.“

Von der einst blühenden Stadt, einst und heute wieder als Perle de l’Atlantique bezeichnet, blieben 15 % unzerstört. Die Bombardements löschten eine Zeit aus, die durch die Belle Époque und die Goldenen Zwanziger geprägt waren. Nach Kriegsende erklärte das französische Ministerium für Wiederaufbau die Stadt zu einem „Laboratorium städtebaulicher Forschung“. Nach Regeln moderner Architektur und geprägt von internationalen Architekten entsteht das neue Royan mit einem veränderten Stadtplan. Die aus Sichtbeton gebaute Kirche Notre-Dame ist der markante Punkt.

Langgeschwungene Kolonnadenbauten säumen stadtseitig die Promenade. Die Markthalle, deren Dach einem großen Schirm nachempfunden ist, der Kongresspalast, der Stil privater Häuser sind Ausdruck einer leichten Architektur, gestaltet von Architekten und Baumeistern wie Guillaume Gillet, Bernard Laffaille und René Sarger (Notre-Dame), Claude Ferret (Kongresspalast). 75 Jahre nach den Angriffen entschloss sich die Stadt, an diese Kriegsereignisse zu erinnern und diejenigen zu ehren, die während der Kämpfe ihr Leben verloren hatten, und wählte als Standort das Fort du Chay aus. Der ausgeschriebene Wettbewerb wurde durch die Pandemie verzögert.

Ein Pfad zum Mahnmal
Eine Tafel des Lehrpfades
Oeuvre Memorrielle

Die Wahl fiel schliesslich auf den Künstler und Designer Luc Richard, der eine kleine offene Kapelle schuf, deren 86 vertikale Rohre die zerstörerische Kraft der Bomben repräsentieren. Die Vertikalität des Designs soll für die Kraft stehen, die die Wiedergeburt der Stadt ermöglicht haben. Ihr kreisförmiger Charakter erinnert als Symbol der Solidarität an die gegenseitige Hilfe nach den verheerenden Bombardements. Kombiniert mit diesem Werk ist ein Lehrpfad, um Bevölkerung und Besucher an diesen schmerzhaften Teil der Geschichte Royans zu erinnern.

„Der Zweck heiligt die Mittel“ besagt, dass ein gutes und wichtiges Ziel den Einsatz fragwürdiger, unmoralischer oder unethischer Mittel rechtfertigen kann. Dieser dem Philosophen Niccolò Machiavelli zugeschriebene Satz mag die Alliierten dazu bewogen haben, ihre Kriegsführung so zu gestalten, dass sie ihre Hauptziele erreichten: die bedingungslose Kapitulation der Achsenmächte, die Zerschlagung des Nationalsozialismus und Faschismus sowie die Wiederherstellung von Frieden und Demokratie.

„Le Souffle“ regt heute auch dazu an, darüber nachzudenken, dass wir bereits etwa 80 Jahre europäischen Friedens hinter uns haben. Der Zweite Weltkrieg endete mit der Niederlage der Angreifer und der Bestrafung seiner Verantwortlichen in öffentlichen Gerichtsverfahren. Ob das Ziel, die Ideologie dauerhaft vollständig zu beseitigen, tatsächlich erreicht wurde, ist heute erneut Gegenstand von Diskussionen. Zudem lässt das Mahnmal auch Gedanken an die aktuellen Kriege zu, bei denen keines der damals geltenden hehren alliierten Motive für die Kriegsführung als Grundlage dienen kann.

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