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Klassentreffen in Kambodscha

Verantwortlicher Autor: Prof Dr Peter Schroeder Wesel/Koh Kong/Thanjavur, 16.02.2026, 17:21 Uhr
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Gerd Petzinna ,Thomas Malten, Peter Schroeder (v.li.n.re.) über den Dächern von Phnom Penh
Gerd Petzinna ,Thomas Malten, Peter Schroeder (v.li.n.re.) über den Dächern von Phnom Penh  Bild: Schroeder

Wesel/Koh Kong/Thanjavur [ENA] „Ein Klassentreffen ist ein organisiertes Treffen ehemaliger Mitglieder einer Schulklasse nach einer variablen Zeitspanne“. So lautet der Beginn eines Wikipedia-Eintrages. Der Grund sei oft die Neugier, was aus den ehemaligen Gefährten aus der Schulzeit wurde.

Klassentreffen sind dann auch oft einen Bericht in der jeweiligen Lokalpresse wert. Die Hanse- und Kreisstadt Wesel liegt am unteren Niederrhein an der Mündung der Lippe in den Rhein und hatte zur Zeit der gemeinsamen Schulzeit in den 1960er Jahren 35.000 Einwohner. Mädchen und Jungs gingen damals getrennte Schulwege in ihre Gymnasien. Hier in Wesel hatten Gerd Petzinna (79), Thomas Malten (78) und Peter Schroeder (76), der Autor des Beitrages, ihr letztes gemeinsame Pils Anfang der 1970er Jahre bei Hermann Himpfen in seiner Kneipe nahe der Kreuzung Hohe-/Kreuzstrasse getrunken.

Die Überschrift Klassentreffen ist nicht ganz korrekt, denn nur zwei waren im Staatl. Gymnasium am Herzogenring eine Weile Klassenkameraden, der dritte dort nur kurz Gymnasiast gewesen. Die damalige Freundschaft vertiefte sich im Ev. Jugendhaus am Willibrordiplatz, seiner Zeit ein Zentrum jugendlicher Sozialisation, mit Möglichkeiten, die das Elternhaus nicht bieten konnte oder wollte.

Das Abitur, letztlich in verschiedenen Wegen und schulischen Einrichtungen absolviert, hatte für die drei mit Positionen im mittleren bis unteren Drittel der Abitur-Erfolgsskala geendet. Aber sie hatten fürs Leben und nicht für die Schule gelernt, im Sinne Senecas „Non vitae sed scholae discimus“, womit er doch den Auftrag der Schule meinte, eine Bildung zu vermitteln, die über reine Prüfungen hinausgeht und auf die Praxis und die Herausforderungen des Lebens vorbereitet.

Reisepläne waren die Folge von Abitur, Himpfen und Jugendhaus. Per Anhalter (für die Jüngeren: per Anhalter reisen heisst, an der Straße stehen, einen Arm mit erhobenen Daumen herauszustrecken und hoffen, dass jemand hält und der Lift dann weit über die nächste Abzweigung hinausgeht) ging es nicht bis in die Galaxis, auch wenn die Destinationen in der Türkei, in Griechenland oder im Iran für die noch nicht oder gerade volljährigen Weselaner galaktisch anmuteten (die Volljährigkeit von 21 Jahren zum 18.Geburtstag änderte sich erst zum 1. Januar 1975).

Es war dies die Zeit von Sweet Smoke-Just-a-Poke-Konzerten in Birten, LSD, Gras, der Kriege in Indochina, der Demonstrationen gegen Wiederbewaffnung und Schneller Brüter, der RAF und erste erfolgreiche Versuche der SPD, eine Regierung zu stellen. Die Reiseziele damals, Türkei, Griechenland, Persien, Afghanistan, riefen bei den Müttern beim Abschied keine Freudentränen über ihre unternehmungslustigen Söhne hervor. Familien und Freundeskreis vergossen dann doch Freudentränen über den weiteren Lebensweg der drei, die sich schliesslich über Jahrzehnte aus den Augen verloren:

Thomas Malten arbeitete an den Universitäten Köln und Heidelberg als Indologe, Gerd Petzinna, der Ingenieur, überlebte das traditionsreiche Klöckner-Humboldt-Deutz, das ihn zum Industrie-Anlagenbau weltweit eingesetzt hatte. Der Autor dieses Beitrages wurde an der Kieler Christian-Albrechts-Universität Chirurg, sah die Kongresssäle dieser Welt und Teile davon als Visiting Surgeon. So war, zumeist beruflich,die Wanderlust der frühen Lebensjahre geblieben. Petzinna und Schroeder trafen sich erstmals wieder Jahrzehnte nach den gemeinsamen Unternehmungen bei einem Treffen ehemaliger RTGW-Cracks und überlegten, ihren alten Kumpel, der jetzt nahe des kambodschanischen Koh Kongs ein paar Kilometer südlich der Grenze zu Thailand lebt,zu besuchen.

Die Altersweisheit, das ein oder andere Zipperlein sowie militärische Auseinandersetzungen an der kambodschanisch-thailändischen Grenze erforderten Zeit, den Entschluss reifen zu lassen. Schliesslich wurden die Tickets gebucht, bei den Anträgen für die Visa und Immigration-Cards glaubhaft versichert, dass auch die Großeltern Weselaner waren (für die geplante Weitereise nach Indien) und sich die Gedanken noch einmal in die Vergangenheit richteten, denn damals reichte ein Pass und ein Stempel des Grenzbeamten für einen spontanen Grenzübertritt.

Via Bangkok und Phnom Penh nach Koh Kong, dann über Madras/Chennai nach Mahabalipuram, über Pondicherry weiter in den Süden Indiens nach Thanjavur. Airlines, natürlich für die richtig langen Strecken - im Alter ist die vor einem liegende Zeit doch überschaubar, dann Bus, Eisenbahn oder Tuk Tuk, lokal Moped, alle pünktlich - die Anreise zum Frankfurter Flughafen per DB wollen wir nicht erwähnen. Es wurden keine „Weisse noch, wie dat in Wesel…“ Gespräche. Dazu hatten die Lebenswege zu viele Erlebnisse geboten und über die jeweiligen beruflichen Felder zu sprechen, war interessant und spannend, weil sie so unterschiedlich sind.

10 Tage in Kambodscha, gefolgt von 10 in Indien, wo in Pondicherry südlich von Madras/Chennai Thomas Malten weiterhin an Projekten zur Erforschung und Digitalisierung indischer Sprachen beteiligt ist. Flora und Fauna der Mangroven, ein Strand am Golf von Thailand, die geschlossene Straßengrenze zu Thailand, deren Umgebung sich in der Hand chinesischer Entrepreneurs befindet, das Treiben mit Gerüchen und Bildern lokaler Märkte - es ist nie zu spät, die Welt, so wie sie sich heute darstellt, noch einmal persönlich und ortsnah zu erleben.

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