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Ein altes Symbol mit neuer Bedeutung

Verantwortlicher Autor: Sharon Oppenheimer Tel Aviv, 15.03.2026, 08:14 Uhr
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Derafš-e Kāviān
Derafš-e Kāviān  Bild: Sharon Oppenheimer

Tel Aviv [ENA] Eine mythische Figur erlebt ein Comeback in der Gegenwart: Kaveh, der Schmied. Er gehört zu den eindrucksvollsten Gestalten altiranischer Mythologie. Seine Geschichte, überliefert im Schāhnāme des Dichters Ferdowsi aus dem 10.–11. Jahrhundert, erzählt nicht von einem König oder Krieger.

Was einst als Epos begann, taucht heute wieder auf: in kulturellen Debatten, in künstlerischen Darstellungen und in der Suche nach vorislamischen Identitätsankern. Die Fahne, die Kaveh aus seiner Schmiedeschürze formte, ist erneut zu einem Symbol geworden. Der Mythos beschreibt Zahhāk als dämonischen Herrscher, der das Land mit Gewalt, Täuschung und Menschenopfern überzieht. Als Kaveh mehrere seiner Söhne verliert und schließlich gezwungen werden soll, ein Loyalitätsdokument zu unterschreiben, verweigert er sich. In einem Akt radikaler Selbstbehauptung reißt er seine lederne Schmiedeschürze vom Körper, befestigt sie an einer Lanze und erklärt sie zur Fahne des Widerstands.

Diese improvisierte Fahne – roh, schlicht, aus dem Alltag eines Handwerkers - wird später als Derafš-e Kāviān bekannt, das Banner des Kaveh. Obwohl Kaveh selbst nicht ausdrücklich als Zoroastrier bezeichnet wird, ist die gesamte Erzählwelt Ferdowsis von zoroastrianischen Vorstellungen geprägt. Der zentrale zoroastrische Dualismus zwischen Aša (Wahrheit, Ordnung) und Druj (Lüge, Chaos) spiegelt sich in der Konfrontation zwischen Kaveh und Zahāk. Kavehs Weigerung, die Lüge zu unterschreiben, ist ein moralischer Akt. Der einfache Mensch als moralischer Akteur: Der Zoroastrianismus betont die Verantwortung jedes Einzelnen für die Welt. Kaveh ist kein Herrscher und gerade dadurch verkörpert er ethische Handlungskraft aus der Mitte des Volkes.

Schmiede arbeiten mit dem heiligen Element Feuer. Kavehs Beruf ist damit nicht zufällig: Er ist jemand, der Chaos formt, reinigt und ordnet und deshalb ein zutiefst zoroastrianisches Motiv. Die Derafš-e Kāviān wurde später zum Reichsbanner der Sassaniden, jener Dynastie, die den Zoroastrianismus zur Staatsreligion machte. Aus der einfachen Schürze wurde ein prunkvolles Banner aus Brokat und Edelsteinen – ein Symbol für Schutz, kosmische Ordnung und staatliche Legitimität. Die historische Fahne gilt seit dem 7. Jahrhundert als verloren. Nach der Niederlage der Sassaniden in der Schlacht von al‑Qādisiyya fiel die Standarte in die Hände der Araber. Quellen berichten, dass die Fahne geplündert wurde und danach verbrannt.

In der Gegenwart erlebt die Figur Kavehs und seine Fahne eine bemerkenswerte Renaissance. Für viele Iraner ist es eine Rückbesinnung auf vorislamische Kultur: Viele Menschen suchen nach kulturellen Wurzeln, die älter sind als die islamische Geschichte des Iran. Neues Interesse am Zoroastrianismus ist erwacht: Die Religion wird zunehmend als ethische und philosophische Quelle wahrgenommen, die Klarheit und Orientierung bietet.

Kaveh der Schmied ist mehr als eine Figur aus einem Epos. Er ist ein Archetyp des widerständigen Menschen, der sich weigert, die Lüge zu akzeptieren. Seine Fahne, einst eine einfache Schürze, ist zu einem Zeichen geworden, das über Jahrhunderte hinweg Bedeutung trägt. Ihre Wiederkehr heute zeigt, wie lebendig Mythen sein können und wie stark die Sehnsucht nach Wahrheit, Gerechtigkeit und kultureller Kontinuität bleibt.

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