Samstag, 04.04.2026 02:35 Uhr

RWE und Behörde würden Mehlschwalbenkolonie gefährden

Verantwortlicher Autor: Sergej Perelman Biblis, 13.02.2026, 12:22 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 6156x gelesen
Mehlschwalbe beim Nestbau. Foto: Dr. Christoph Moning (NABU e.V.)

Biblis [ENA] Nach dem kürzlich erfolgten Abbruch des letzten von vier Kühltürmen auf dem Gelände des Kernkraftwerks Biblis wurden durch 'RWE Nuclear' die Nistplätze für 800 Mehlschwalben in 80 Meter Höhe endgültig zerstört. Aufgrund nicht funktionierender Ausgleichsmaßnahmen drohe die Vernichtung der bedeutendsten Mehlschwalben-Kolonie in Hessen. RWE und Umweltdezernat signalisieren Kooperationsbereitschaft.

Als Grundlage des vorliegenden Artikels dient die Pressemitteilung von 'Wildtierschutz Deutschland e. V.' vom 9. Februar 2026 und ein Telefonat mit dem Dezernenten der Unteren Naturschutzbehörde Heppenheim am 10.02.2026 und ein Austausch mit dem Pressesprecher von RWE Nuclear GmbH.

Die Mehlschwalben würden aus Afrika nach einem tausende Kilometer langen Flug an ihrer ehemaligen Brut- und Lebensstätte ankommen und nichts vorfinden, prognostiziert 'Wildtierschutz Deutschland'. Die von RWE bereitgestellten Ausgleichsmaßnahmen (8 Schwalbentürme mit 430 Nestern außerhalb der Bebauung) seien seit 2023 gemäß der jährlichen Monitoring-Berichte nicht von den Schwalben angenommen. Dass diese Maßnahme von vornherein nur eine geringe Erfolgsaussicht hatte, sei auch den Behörden in Heppenheim bekannt gewesen, wie aus einem den Tierschützern vorliegenden umfangreichen Schriftwechsel zwischen den Behörden des Kreistags, der RWE und dem Umweltministerium Hessen hervorgehe.

Mit Schreiben vom 3. Februar habe das Naturschutzbündnis aus MUNA, BUND Kreis Bergstraße und Wildtierschutz Deutschland den Kreis Bergstraße mit Frist zum 13. Februar aufgefordert, dem Widerspruch zur Abbruchgenehmigung abzuhelfen. „Der Widerspruch gegen die Abbruchgenehmigung ist mit dem Abbruch nicht erledigt“, so der von den Naturschützern beauftragte Anwalt. Es sei nicht ausreichend, dass vorgezogene Ausgleichsmaßnahmen (hier: 8 Schwalben- türme) existieren, sondern sie müssten auch funktionieren, damit kein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz vorliegt, betont 'Wildtierschutz Deutschland'. Dafür zu sorgen, sei Aufgabe der zuständigen Kreistagsbehörde in Heppenheim.

Dazu seien die Änderungen der Nebenbestimmungen zur Abbruchgenehmigung und die Festlegung wirksamer CEF-Maßnahmen zwingend erforderlich. „Ziel muss es sein, bis zur Ankunft der Mehlschwalben ab Mitte März ausreichende Brutmöglichkeiten an den höchsten Gebäuden der Anlage in Biblis zu schaffen. Das Bündnis hat dazu einen konkreten Maßnahmenplan vorgelegt, bietet an beratend zu unterstützen und warnt davor einen jetzt noch abwendbaren Umweltschaden durch entschiedenes Handeln nicht abzuwehren“, erläutert Florinde Stürmer von 'Wildtierschutz Deutschland'.

Das Angebot, gemeinsam mit den Naturschutzorganisationen noch vor der Ankunft der Rückkehrer aus den Überwinterungsgebieten an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten, sei von RWE mehrfach abgelehnt worden, behauptet 'Wildtierschutz Deutschland'.

Stattdessen habe das Unternehmen, spätestens nachdem am 13. Januar der Widerspruch gegen die Abbruchgenehmigung einging, vollendete Tatsachen in Angriff genommen. Die Umweltschützer konnten vor Ort am AKW beobachten, wie seitdem Tag und Nacht daran gearbeitet wurde, den verbliebenen 80 Meter hohen Kühlturm mit etwa 130 von ehemals 430 Schwalbennestern zu destabilisieren. Als zwei Tage später die Bauaufsicht den Widerspruch der Tierschützer bewilligte und RWE entsprechend informierte, hieß es, der Kühlturm sei nun derart instabil, dass aus Gründen der Gefahrenabwehr am nächsten Tag ein kontrollierter Einsturz vorgenommen werden müsse – dem Vernehmen nach 10 Tage vor dem ursprünglich geplanten Abriss.

Der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde Heppenheim, Dezernent Matthias Schimpf, signalisierte auf Nachfrage von ENA Gesprächsbereitschft gegenüber dem Tierschutzbündnis und verwies auf einen baldigen Termin zum Austausch über mögliche zusätzliche Schutzmaßnahmen. Zugleich teilte er mit, dass der bisherige Plan seines Dezernats es sei, ein Monitoring durchzuführen, um die Funktionsfähigkeit der bereits aufgestellten Schwalbentürme bei der Ankunft der Schwalben zu eruieren. Außerdem erwähnte er, dass nach eingegangener Kritik am Standort der Schwalbentürme, diese nun seitens RWE verschoben werden sollen.

Da die verbliebenen Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerks, welche von den Tierschützern aufgrund ihrer Höhe als Träger für funktionierende und artgerechte Ausgleichsmaßnahmen vorgeschlagen wurden, teilweise nicht mehr RWE gehören oder auch zum Abriss bestimmt sind, ist es zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar, ob der Vorschlag der Tierschützer, Nester an den noch erhaltenen Gebäuden anzubringen, umgesetzt wird. Zumal die an RWE erteilte Abbruchgenehmigung immer noch gültig sei und somit die bereits ergriffenen CEF-Maßnahmen als ausreichend gelten. Die Angemessenheit der Schwalbentürme wird von den Tierschützern stark bezweifelt und die Türme als völlig ungenügend und unpassend für Schwalben bezeichnet.

Der Pressesprecher von RWE Nuclear GmbH, Herr Cirkel, hat auf Anfrage von ENA erläutert, dass RWE zum Abbau des Kernkraftwerkes Biblis verpflichtet sei; was bedeutet, dass in nächster Zeit auch die noch verbliebenen Gebäude abgerissen werden müssen. Deswegen würde die Anbringung von Nisthilfen an vom Abbau betroffenen Gebäuden keinen Sinn machen, da die Schwalben dann wieder umgesiedelt werden müssten. Das einzige Gebäude, das dem Abriss entgehen werde, sei das Zwischenlager am Kernkraftwerk Biblis. Der Betreiber sei die staatliche BGZ (Gesellschaft für Zwischenlagerung). Ob BGZ die Anbringung von Schwalbennestern zulasse, hänge nicht von RWE, sondern von BGZ ab, erläuterte Cirkel.

Frau Stürmer von 'Wildtierschutz Deutschland' nahm Stellung zu dem Vorhaben der Behörden und RWE, die bereits aufgestellten Nisthilfen an einen anderen Standort zu verschieben und die Rückkehr der Schwalben abzuwarten und zu überwachen, ob sie die Ersatznester annehmen. Dieses Vorhaben ist nach Meinung der Tierschützerin zum Scheitern verurteilt. Die Schwalben seien sehr ortstreue Tiere, die geschwächt von ihrer langen Reise aus Afrika wiederkommen, um schnellstmöglich mit der Brut zu beginnen. Selbst wenn die Schwalben, was sehr unwahrscheinlich sei, die verschobenen und überdachten Schwalbentürme annehmen würden, drohe der Tod der Jungen durch Herausspringen aus dem Nest wegen zu hoher Temperaturen oder große Gefahr durch Prädatoren.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.