Donnerstag, 26.11.2020 10:53 Uhr

Organisiertes Schweizer Judentum kürte neuen Präsidenten

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Bern, 18.10.2020, 21:02 Uhr
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Bern [ENA] In Zeiten ideologisch forcierter Inklusion, da man alle Minderheiten am gesellschaftspolitischen Prozess eines demokratischen Staatsgefüges teilhaben lassen möchte, mutet es fast befremdlich an, wenn eine neue Präsidentschaft an der Spitze des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) ein respektables Medienecho auslöst. Obschon seit 1874 gleichberechtigt, gilt das Bonmot von "Jews are News" unverändert.

Bloss 18'000 Seelen stark ist die jüdische Gemeinschaft der Schweiz, eine Zahl, die seit hundert Jahren stabil blieb. Tatsächlich aber sinkt der Anteil der jüdischen Minorität an der Gesamtbevölkerung, die teilweise schon Hunderte von Jahren in der Schweiz lebt, unerbittlich. Dafür ist nicht bloss die bedeutsame Abwanderung nach Israel, wo 22'000 jüdische Schweizerbürger leben, zuständig, sondern auch die damit einher gehende Überalterung sowie zunehmende Assimilation. Nun wurde an ihrer 115. Delegiertenversammlung in Bern mit dem promovierten Nationalökonomen Dr. Ralph Lewin (67) aus Basel ein äusserst versierter Politiker an die Spitze des 116-jährigen Verbandes gehievt. 11 Jahre lang amtierte er als Regierungsrat im Kanton Basel-Stadt.

Erste Kampfwahl des Verbandes

Der SIG unter der Ägide seines 12 Jahre lang umsichtig und mit ruhiger Kompetenz ausgleichend wirkenden Präsidenten, dem Rechtsanwalt Herbert Winter aus Zürich, liess es sich nicht nehmen, die gewählten Delegierten der angeschlossenen 16 Mitgliedsgemeinden in den Kursaal nach Bern zu beordern. Trotz Covid-Schutzkonzepts reisten nicht alle Stimmberechtigten zur Versammlung. Das Wahlresultat von 45:40 zeugt von einer seltenen Ausgeglichenheit, die auch dem neu in der Geschäftsleitung Einsitz nehmenden Gegenkandidaten Ralph Friedländer, einem routinierten Unterhändler des im Eidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheit (EDA) angesiedelten Departements für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), zugute kommen dürfte.

Ralph Lewin, dem in der Baselstädtischen Regierung die Leitung des Wirtschafts- und Sozialdepartements anvertraut war, liess seit dem Rückzug aus der Politik 2009 sein Fachwissen in Verwaltungsräten und Verbänden, u.a. bei der Bank Coop, der Basler Kantonalbank und auch beim Tarifverbund Nordwestschweiz, einfliessen. Nun will er primär engagiert die Aussenwahrnehmung der jüdischen Gemeinschaft in Öffentlichkeit und Politik stärken. Angesichts des Umstandes, dass aktuell 13'000 jüdische Schweizer vom Dachverband abgedeckt werden - bloss 0,15 Promille der Gesamtbevölkerung -, bedarf es eines professionellen Auftritts des SIG, der sich in den letzten Jahren zum Glück mittels Reformen bedarfsgerechte Strukturen verpasst hatte.

Meinungsvielfalt unter einem Dach

Obgleich mit Blick von Aussen jüdisches Dasein in der Schweiz oft unter dem Prisma der Einheitlichkeit betrachtet wird, obsiegt bei Juden die Divergenz. Die persiflierte Mär von "2 Juden, 3 Meinungen" darf man füglich wörtlich nehmen. Basisdemokratisch sich verhaltende Einheitsgemeinden stehen in stiller Konkurrenz zu den infolge religiöser Vorschriften primär sich an rabbinische Autoritäten anschmiegenden Gemeinschaften. Jahrelang tobte ein Ringen um den Führungsanspruch der SIG-Dachorganisation, die von ihrem Grundverständnis her nicht so sehr die religionsbezogenen Komponenten, sondern gezielt die politischen Interessen anzubringen sich bemühte. Gleichwohl haftet dem Kampf um freie Religionsausübung unweigerlich politischer Geruch an.

Der demokratischen Spektrumsbreite würdig ist die eigens begründete Plattform der Liberalen Juden Schweiz (PLJS). Ihr sind drei Gemeinden mit 3000 Mitgliedern angeschlossen. Sie kooperiert mit dem SIG in Belangen gemeinsamer Interessen, ist indes kein integraler Bestandteil des Hauptharstes des organisierten Judentums der Schweiz. Man hat sich, statt sich in ideologisch aufgeheizten Hahnenkämpfen aufzureiben, mit eidgenössischer Kompromissbereitschaft pragmatisch geeinigt, gemeinsame Flagge zu zeigen, wenn beim Bund in Bern umfassende Lösungen für dringliche Anliegen zu erlangen sind.

Teurer Objektschutz

Hierzu gehören wachsende Bedürfnisse finanzieller Absicherung in Zeiten wachsenden Antisemitismus, der europaweit zu terroristischen Anschlägen gegen Hab und Gut jüdischer Einrichtungen und sogar jüdischen Lebens geführt hatte. Wenngleich die Schweiz im Vergleich zum umtosten Ausland den Anschein macht, als ob es eine Insel der Glückseligkeit für jüdisches Leben sei, ist dem beileibe nicht so. Der Umstand, dass solche Anschläge und persönliche Angriffe, von denen es eine ganze Reihe Fälle gab, in der Schweiz nicht im Ausmass von Frankreich oder Deutschland geschahen, ist nicht zuletzt auf gemeindeeigene und fremde, zumeist israelische, in Basel polizeiliche Sicherheitskräfte, zurückzuführen.

Die Kosten für Bewachung von Synagogen, Gemeindehäusern, schulischen Einrichtungen, Altersheimen und Friedhöfen liefen aus dem Ruder. In manchen Gemeinden wurden happige Steuerzuschläge erhoben. Dies führte zur wachsenden Erkenntnis, dass man die öffentliche Hand im Rahmen eines gesetzlichen Auftrags zum Schutze gefährdeter Minderheiten um finanzielle Unterstützung angehen musste. Nachdem mit Diskretion hinter den Kulissen mitunter nichts zu erreichen war, war man teilweise genötigt, die Forderungen lautstark und mit Nachdruck anzubringen. In Basel gab es hierüber anfänglich z.T. unerfreuliche Debatten im Grossen Rat, in Zürich vermochte man die Botschaft dergestalt anzubringen, dass darob zumindest kein öffentlicher Streit entbrannte.

Stille Interventionen

Anders als in den Nachbarländern Deutschland und Frankreich, deren jüdische Dachverbände auch mal öffentlichkeitswirksam auf den Putz hauen, herrscht bei den Schweizer Juden eine zurückhaltende Attitüde vor. Manchmal wirkt sie eher duckmäuserisch, zum Beispiel wenn man sich kaum getraut, für Israel als Heimat der Juden weltweit sich allzu sehr aus dem Fenster zu lehnen. Zwar gibt man in regelmässiger Abfolge Verlautbarungen zu innenpolitischen Themen preis, wenn Abstimmungen anstehen. Hingegen sträubt man sich, Farbe eigener Verletzlichkeit oder gar Protestes zu bekennen, wenn seitens der Medien, der schweizerischen Aussenpolitik oder auf kirchlicher Ebene Israel und die Juden gemeinhin durcheinander gewirbelt und gescholten werden.

Die Agenda des SIG präsentiert sich seit Jahrzehnten sehr ähnlich: man sorgt dafür, dass jüdische Soldaten am Schabbat, dem jüdischen Ruhetag, von Dienstverpflichtungen entbunden werden, dass die Verpflegung mit koscherem Fleisch aus dem Ausland - in der Schweiz herrscht seit 1893 Schächtverbot nach jüdischem Ritus, was mit ein Grund zur Gründung des SIG wurde - gewährleistet sowie die hässliche Fratze des Antisemitismus unterbunden wird. Seit Mitte der Neunzigerjahre hilft hierzu flankierend Artikel 261ᵇⁱˢ des schweizerischen Strafgesetzbuches. Er verpflichtet bei öffentlich bekundetem Antisemitismus ex officio zur Intervention durch die Behörden - ein zusätzlicher und wegweisender Schutz für die integrierte jüdische Gemeinschaft.

Ein Lieblingsprojekt des vom SIG seit 2002 geförderten Dialogs für Begegnungen mit der nichtjüdischen Umwelt heisst Likrat (hebräisch frei übersetzt: entgegen[kommen]). Es will dazu verhelfen, mittels persönlichem Einsatz jüdischer Jugendlicher an Schulen, ebenso an touristischen Kreuzpunkten und im Kontext öffentlicher Dienstleister (Polizei, Spitalwesen, Armee und Behörden) Verständnis und Respekt für spezifische jüdische Belange und Befindlichkeiten zu erwecken.

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