Samstag, 14.12.2019 05:52 Uhr

"Mach keine Wippchen..."

Verantwortlicher Autor: Dieter Kurth Berlin, 02.08.2019, 15:28 Uhr
Kommentar: +++ Politik +++ Bericht 5788x gelesen
Julius Stettenheim (1831 -1916)
Julius Stettenheim (1831 -1916)  Bild: Riesenberg

Berlin [ENA] Julius Stettenheim war Schriftsteller und Satiriker und ist fast in Vergessenheit geraten. Eigentlich zu Unrecht, denn seine Erzählungen, die häufig so geschrieben waren, dass sie wie journalistische Reportagen anmuteten, waren frei erfunden. Allerdings nicht vergleichbar mit Relotius oder Hingst.

Stettenheim wurde durch seine frei erfundenen Kriegsberichte, die er weitab im sicheren Stübchen in Bernau zu Papier brachte, relativ bekannt. Seine Veröffentlichungen als "Wippchens Kriegsberichte" führten letztendlich dazu, dass der Ausspruch "...mach keine Wippchen" zu einem geflügelten Wort für Flunkereien, Lügen oder Übertreibungen in der journalistischen Darstellung wurde. Gab es doch zu dieser Zeit - also Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts - noch wenige Möglichkeiten, Presseaussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Allein schon den Umfang der Presseorgane sowie die Anzahl der Konsumenten könnte man - im Vergleich zu heute - winzig nennen.

Stettenheims Ausführungen waren jedoch offensichtlich und für jeden, der des Lesens mächtig war, als Satire oder Flunkereien erkennbar. Zumindest sollte es so sein. Dass dennoch vereinzelt Einige die Ausführungen als Tatsachen "verbuchten", war entweder der Tatsache geschuldet, dass diese es aufgrund bestehender Legasthenie aus "zweiter Hand" erfuhren oder ihr bestehender sogenannter "Intelligenzquotient" noch nicht im zweistelligen Bereich lag. Allerdings waren beide genannten Faktoren zu jener Zeit noch relativ unerforscht und gerade der Analphabetismus war in Deutschland prozentual gesehen, noch um einiges mehr verbreitet als gegenwärtig.

In der Gegenwart ist es nunmehr viel einfacher, frei erfundene oder mit geringem Wahrheitsgehalt behaftete Geschichten unter die Leute zu bringen. Die Motive mögen vielschichtig sein - Erfolgszwang, Drang nach Anerkennung oder auch die reine Gier sind da nur einige Beispiele. Die Auswirkungen für den Journalismus sind aber fast immer gleich. Ein Verlust der Glaubhaftigkeit tritt immer ein. Die betroffenen Redakteure oder sogar Verlage versuchen dann häufig alles für die Schadensbegrenzung zu tun - der beste Weg wäre das "Vergessen". Dass dies leider - oder glücklicherweise - nicht so einfach ist, zeigt sich immer noch an der Posse mit den "Hitler-Tagebüchern", die 1983 als Sensation vom Nachrichtenmagazin "Stern" veröffentlicht wurden.

Leider war dies keine Satire und wird auch nach mehr als 35 Jahren gern als Beispiel für Sensationsgier und daraus resultierende Verblendung genommen. Allerdings war zu dieser Zeit das Internet in der heutigen Form noch nicht einmal durch den "Geburtskanal" hindurch gewandert. Nach den Anfängen 1982 wurde das WWW ja erst um 1990 kommerziell nutzbar. Allerdings auch noch nicht so umfassend, wie wir es heute gewohnt sind. Glück für den "Stern". Das Magazin "Der Spiegel" hatte da weniger Glück. Der Spiegel-Journalist Claas Relotius hatte über Jahre hinweg viele seiner Reportagen sehr frei gestaltet oder teilweise frei erfunden und dafür sogar Auszeichnungen erhalten. Erst Ende 2018 flog die Schwindelei auf.

Den Abschlussbericht der Aufklärungskommission konnte man im SPIEGEL Nr. 22 vom 25. Mai 2019 nachlesen oder kann ihn immer noch als PDF-Download beziehen. Wenn man aber denkt, schlimmer geht es ja nun nicht mehr, zumal die "Steinewerfer im Glashaus" sich bei Relotius sicher etwas zurückhalten werden, denn für die Veröffentlichungen in den Presseorganen gibt es noch keine Plattform wie etwa "VroniPlag - dann zeigt die Realität, dass es doch noch schlimmer kommen kann.

Auf der Bildfläche erschien Marie Sophie Hingst. Die promovierte deutsche Historikerin und leidenschaftliche Bloggerin beschrieb in zahlreichen Artikeln den Leidensweg ihrer jüdischen Familie und Vorfahren. Nach ihrer Darstellung hatten nur wenige den Holocaust überlebt. Sie engagiert sich für die Flüchtlinge und ist mit ihrem Schicksal und Engagement hoch angesehen. Auch sie wird mit Auszeichnungen dekoriert. Dies wäre eigentlich lobenswert, jedoch war das geschilderte Leben ein reines Phantasiegebilde. Weder hatte sie jüdische Vorfahren noch entsprachen die Erzählungen über ihre Flüchtlingshilfe-Aktivitäten der Wahrheit. Jetzt wurde bekannt, dass sich die junge Autorin im Juli des Jahres sehr wahrscheinlich selbst das Leben genommen hat.

Letztendlich ein trauriges Ende eines Lebens in einer selbstgezimmerten Scheinwelt. In meiner zurückliegenden Tätigkeit habe ich mich der wissenschaftlichen Arbeit gewidmet. Da ist man der Wahrheit verpflichtet aber auch immer dem Zweifel. Als Wissenschaftler muss man eigentlich grundsätzlich jede Aussage anzweifeln, d.h. das Gesetz von These und Antithese. Obwohl die These ja grundsätzlich auf Wahrheit beruhen sollte, ist diese ja von den bestehenden Erkenntnissen und den Schlussfolgerungen nicht unabhängig. Im politischen Leben tritt dies besonders in Erscheinung - allein die Darstellungsform von Sachverhalten kann den Konsumenten journalistischer Inhalte schon in Zweifel bringen.

Nun gibt es in der Wissenschaft zum Glück eine Vielzahl sogenannter Axiome - also Inhalte, die so grundlegend sind, dass sie als wahr vorausgesetzt werden und nicht immer wieder neu bewiesen werden müssen. Solcherart Grundsätze wurden auch in unserer kommunikativen Welt formuliert. Ich empfehle dazu den Lesern eine Lektüre des Buches "Anleitung zum Unglücklichsein" von Paul Watzlawick. Es ist zwar ein Sachbuch, jedoch wird mit sehr viel feinsinnigem Humor unsere Kommunikation und deren Gesetzmäßigkeiten erläutert. In einer ehemaligen Werbung für ein bekanntes Nachrichtenmagazin, pflegte der damalige Chefredakteur zu sagen, was die Grundlage des darin sich widerspiegelnden Journalismus sei:

"Fakten, Fakten, Fakten - und immer an die Leser denken!" Dies erinnert mich an die Zeit meiner aktiven Forschungsarbeit. Ein Vertreter einer Firma wollte eine Testreihe eines Präparates, natürlich auf streng wissenschaftlicher Basis. Nach der Absprache im Hinausgehen dreht er sich aber noch einmal um und sagte: "Aber bitte denken Sie daran, wir wollen es verkaufen!". Irgendwie passt das zusammen. Auch der hinreichend bekannte Ausspruch: "Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten!" scheint sich gegenwärtig in der gesamten Presselandschaft nachhaltig widerzuspiegeln. "Alles gut, nichts passiert", verkauft sich auch schlechter. Da ist es schon verführerisch, die menschliche Phantasie einzusetzen.

Dagegen ist ja auch grundsätzlich nichts einzuwenden, nur - und da sind wir wieder bei Stettenheim - sollte man den Leser nicht im Glauben lassen, es wäre die Wahrheit. Wie heisst es in einem abgewandelten Bibelspruch so treffend: "Was immer du tust, handle klug und bedenke das Ende!". Macht der Mensch aber nicht - sonst hätten wir vielleicht noch weniger Kinder. Dieser Einführungsartikel sollte nur anregen, darüber nachzudenken, wie dicht Lüge und Wahrheit oft zusammenliegen und wie abhängig die Wahrheit vom Betrachtungswinkel und dem menschlichen Gedächtnis ist. In der nächsten Folge befasse ich mich mit dem "Gretaprinzip".

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