Freitag, 19.08.2022 03:26 Uhr

Ein Konflikt erfasst Europa

Verantwortlicher Autor: Dieter Kurt Berlin, 24.06.2022, 20:29 Uhr
Kommentar: +++ Politik +++ Bericht 5086x gelesen
Echte Zeitzeugen werden seltener
Echte Zeitzeugen werden seltener  Bild: Riesenberg

Berlin [ENA] Tag für Tag werden wir durch die Medien mit einer Flut von Frontmeldungen versorgt, die einen bewaffneten Konflikt beschreiben, der Europa in Atem hält und dessen Auswirkungen tief in die Lebenssituation der Menschen eingreifen. Durch den Ukrainekrieg entstand weltweit ein hohes Konfliktpotenzial.

Bei der Flut von Meinungsäusserungen, die täglich auf Politikinteressierte einströmt - sowohl von Experten und auch jenen, die sich dafür halten - sollte man meinen, es sei bereits alles gesagt. Nur noch nicht von jedem. Allerdings werden Ansichten, die nicht in das vorherrschende Politikverständnis passen, sofort zurückgewiesen oder im besten Fall ignoriert. Warum ich diesen Kommentar schreibe? Ich gehöre jener Generation an, welche der verstorbene Altkanzler Helmut Kohl einmal als "die Gnade der späten Geburt" bezeichnete. Also all jene, für die altersbedingt jeglicher Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf des II. Weltkrieges ohne Bedeutung war.

Nicht ich, sondern meine Großeltern, Eltern, Onkel und Tanten haben diesen barbarischen Krieg jedoch miterlebt. Die Schilderungen ihrer Erlebnisse weckten in mir jedoch die Hoffnung, dass derartige Situationen in meiner Lebensphase hoffentlich nie eintreten werden. Auch ich kenne den verheerenden Krieg nur durch Erzählungen und Schilderungen, die aber trotz mehr als 20 Jahren nach Kriegsende ihre Authentizität nicht verloren hatten und mich erreichten, als ich für Informationen dieser Art alt genug war. Das Titelbild zeigt den Ausschnitt eines Briefes, der kurz nach Ende der Schlacht um Stalingrad verschickt wurde. Es ist ein Brief von meinem Onkel, der als Offizier der Wehrmacht den "Kessel" überlebt hatte.

Sein Überleben verdankte er der Tatsache, dass General Paulus, gegen den Befehl Hitlers (welcher "den Kampf bis zur letzten Patrone" einforderte), die Kapitulation in der aussichtslosen Situation anordnete. Ein Akt der Feigheit oder der Einsicht in die Realität? Darüber wird z. T. gestritten. Ein Fakt ist aber, dass mein Onkel 1951 zwar physisch und psychisch zerrüttet, jedoch mit seinen damals 31 Jahren, lebend den barbarischen Krieg überstanden hatte. Seiner Frau war dies nicht vergönnt, sie starb in den letzten Kriegstagen im zerstörten Berlin. Warum ich das erzähle? Die Lebenseinstellung meines Onkels hatte sich grundlegend geändert. Vorher freiwillig im aktiven Militärdienst, war er jetzt zum Vorzeige-Pazifisten avanciert.

Anders verhielt es sich bei meinem Vater. Durch den Umstand, dass er eine Leitungsfunktion in einem "kriegswichtigen Betrieb" ausübte, blieb er vom aktiven Kriegseinsatz verschont. Kurz vor der Teilung Deutschlands und Berlins wurde dieser ehemals Berliner Betrieb vollständig nach Niedersachsen verlegt. Während mein Onkel in der Folge mehr Sympathie für die Sowjetunion zeigte, stand bei meinem Vater sprichwörtlich immer "der Russe vor der Tür". Und er meinte mit "Russen" nicht wirklich nur die Menschen russischer Abstammung, sondern alle die, die in der damaligen Sowjetunion zusammengeschlossen waren. Also auch Ukrainer, Georgier, Kasachen u.a.m. - bestenfalls waren es noch die "Sowjets".

Diese Beispiele sind verifizierbare Tatsachen. Und zwischen diesen Antipoden bin ich aufgewachsen. Das Ausmass der Diskrepanz nahm ich jedoch erst wahr, als mein Interesse für politische Entwicklungen erwachte und ich die Teilung Deutschlands für mich analysierte. Zumindest war ich in meinem jugendlichen Selbstbewusstsein davon überzeugt, dass meine Ideale die richtigen sind - also in etwa so wie die Jugend von heute. Irgendwann wurde es Gewohnheit zu wissen, das in dem größeren Teil Deutschlands der "Russe ständig vor der Tür stand", im anderen Teil nicht - da war er nämlich faktisch zuhause. Und da war es auch nicht der Russe, sondern das Bruderland Sowjetunion.

Einen Kommentar zum Krieg in der Ukraine zu schreiben birgt viele Probleme. Die aufmerksame Verfolgung der Berichterstattung macht wenig Hoffnung auf eine zeitlich absehbare Lösung des Konfliktes, der ja nicht erst seit dem Einmarsch der russischen Truppen in diesem Jahr existiert. Auffallend ist in der öffentlichen Diskussion, dass jegliche Kritik an der Vorgehensweise der ukrainischen Regierung sowie aller Unterstützer weltweit, sofort im Keim erstickt werden. Meist sind es erst einmal einfache "Totschlagargumente", wie z.B. man sei ein "Putin-Versteher". Das ist m.E. ein völlig sinnfreies Argument. Ich wäre froh, wenn ich die vorausgehenden Umstände, Planungen und das zugrunde liegende Denkmuster Putins verstehen würde.

Ein Angriffskrieg ist eigentlich durch nichts zu rechtfertigen. Die Geschichte zeigt aber, dass Kriege sich nicht an diese Regel halten. Mir sind in der Geschichte keine Konflikte bekannt, in welchen es nicht "den ersten Schritt" gab. Die Frage der Rechtmässigkeit klärt die Zeit - vor allem aber der Sieger. Das Recht bestimmt derjenige, der die Macht hat. Das ist eine Jahrhunderte alte Regel, so wie das erste Opfer im Falle eines Krieges die Wahrheit ist. Das nächste Argument, um unliebsame Kritiker oder Fragesteller aus dem Rennen zu nehmen, ist der meist etwas überheblich anmutende Hinweis, dass man sich wohl als "Experte" fühlt. nein, muss man auch nicht. Die Gefahr einer Kriegseskalation rechtfertigt jeden Zweifel, für jedermann.

Ich beobachte und schildere nur Tatsachen, Fakten, die jeder - so er will - nachlesen oder unabhängig recherchieren kann. Es ist bemerkenswert, dass kurz nach dem Einmarsch der russischen Truppen beteuert wurde, man werde diesen Konflikt niemals von Seiten der Nato aktiv begleiten. Humanitäre Hilfe ja, Angriffswaffen nein. Was aus dieser Verlautbarung geworden ist, bedarf keiner Erklärung. Vielleicht geht es nur mir so, jedoch kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass viele europäische Regierungen seltsam reagieren. So nicht zuletzt die Mitglieder der Deutschen Bundesregierung, wo die Grünen ihre Liebe zu Waffen entdecken, die nicht "schwer"genug sein können und demütig Forderungen (nicht Bitten) der ukrainischen Regierung erfüllen.

Während der Wirtschaftsminister Habeck in der Welt umher reist und in Ländern (wo Demokratie und Menschenrechte noch einige Lücken aufweisen) um Unterstützung bei der Versorgung mit Öl. bzw. Gas bittet, fordert der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj umfangreiche Hilfe und Unterstützung als selbstverständliche Leistung und betont, dass die Ukraine ganz Europa verteidigt. Dass der ukrainische Botschafter in Deutschland Andrij Melnyk sich benimmt, als wäre er Teil der Bundesregierung und bei seinen Forderungen und Äusserungen oftmals dicht an der Grenze der Beleidigung vorbei schrammt, ist noch das kleinere Übel. Es ist schon interessant, dass Selnskyj selbst nicht die Unterstützer aufsucht, sondern viele Oberhäupter gnädig empfängt.

Darüber hinaus wird die deutsche Regierung fast ununterbrochen kritisiert. "...Deutschlands Hilfe sei enttäuschend; ... bei seinem Besuch in Kiew erwarte man ein Hilfspaket deutscher Rüstungsgüter ... und keine Fototermine;... man solle sich um die Willkommenskultur in Deutschland Gedanken machen, da mehr Menschen abreisen als zu Ihnen kommen...". Reaktionen? Keine - so als wäre ein leichter Hang zum Masochismus vorhanden. Bundespräsident ausladen oder "beleidigte Leberwurst" als Bezeichnung für den Kanzler - sorry! Dies alles kann man nachlesen. Für mich stellt sich die Frage, inwiefern sich Staatsoberhäupter (zum Teil in Gruppen) in ein gefährliches Kriegsgebiet begeben, obwohl sie die Hauptverantwortung für das eigene Land tragen.

Es wird umso unverständlicher, dass ich bei den Mitgliedern der Regierung, die im eigenem Land hohen Sicherheitsvorkehrungen unterliegen, in eine Stadt reisen, wo führende Politiker sagen (Zitat):"Jeder Ukrainer in unserem Land lebt mit einem Risiko zu sterben. Denn jede Minute, jede Sekunde kann eine Rakete in jedem Gebäude unserer Stadt und unserem Land einschlagen...". Dann muss ich die Aktionen unserer Regierung mehr als leichtsinnig gegenüber unserem Volk empfinden. Zumal bei Selenskyj grossformatige Videoauftritte vollkommen ausreichen, um seine immer wiederkehrenden und sehr ähnlichen Botschaften zu übermitteln. Hauptinhalt: Die Europäer müssen begreifen, dass die Ukraine auch die Freiheit der Europäischen Union verteidigt.

Deutschland wurde auch schon einmal am Hindukusch verteidigt. Wie das ausgegangen ist, sollte hinlänglich bekannt sein. Mittlerweile wird auch mit der Sprache Emotion geschürt. Das ist nicht neu. Man muss es nur ausdauernd tun und das Nachdenken darüber möglichst unterdrücken. So wird man nicht müde zu beteuern, wie brutal, unmenschlich und zerstörerisch dieser Krieg geführt wird. Mir fällt gegenwärtig kein Krieg ein, dem ich diese Attribute nicht zuordnen würde. Wo waren die Kriege die keine Zerstörung, keinen Tod auch unter der Zivilbevölkerung verursacht haben? Vietnam? Irak? Syrien? Aber endlich haben die Grünen ihre Berufung gefunden und predigen über Meisterung von Problemen, die sie selbst mit verursacht haben.

Die Lieferung immer komplexerer Angriffswaffen und die Behauptung, man wolle bei diesem Krieg nicht Kriegspartei werden, ist m.E. schon kühn. Mal ein Überlegungsbeispiel: Bei den jährlich zu erwartenden Auseinandersetzungen z.B. am 1. Mai zwischen der Polizei und Mitgliedern des sogenannten "Schwarzen Blocks", kommt es immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen. Steine werden auf Polizisten geworfen. Nun stelle man sich vor, die Anwohner schauen nicht passiv zu, sondern sorgen ordentlich für Nachschub an Steinen für die Chaoten - sind die Anwohner dann beteiligt? Schließlich haben sie selbst ja nicht geworfen. Die Antwort kann jeder für sich entscheiden. Manchmal muss man Fragen so beantworten, dass es auch ein 7jähriger versteht.

Dieser Krieg kennt keine Gewinner. Es wird bestenfalls ein Pyrrhussieg, der nicht nur Russland, sondern die Ukraine - und da hat Selenskyj Recht - ganz Europa schwächen wird. Schuldzuweisung ist einfach: Putin hat völkerrechtswidrig die Ukraine überfallen. Die Regierungen der freien Welt übertreffen sich in ihren Beteuerungen, alles Machbare für die Unterstützung zu geben. Und dann kommt Statistik ins Spiel und wäre es nicht so ernst, müsste man wieder einmal schmunzeln. Da wird tatsächlich ein kleines Land als "größter Unterstützer" dargestellt und Deutschland bekommt die "Rote Laterne". Das nenne ich mal emotionale Demagogie. In diesem Fall geht es nicht um ein "Pro-Kopf-Aufkommen", sondern ganz banal um reale Zahlen, also um Masse.

Nun kann man mich fragen, ob ich mich fürchte. Ja ich habe Furcht. Furcht vor dem Zynismus, der vom Friedenswillen redet und mit immer gefährlicheren Waffen den Konflikt am Laufen hält. Immer wieder wird betont, dass nur die Ukraine selbst entscheiden kann, wielange sie ihren Kampf gegen den Aggressor weiterführt. Dass Selenskyj verlauten lässt, dass alles zurückerobert wird, heisst nicht mehr, als dass die ukrainischen Kämpfer dann natürlich die noch vorhandenen Reste ihrer Städte mit Hilfe "gelieferter schwerer Waffen" vollends zerstören. Irgendwie wird ständig der Eindruck erweckt, die Ukraine sei immer ein selbständiger, freiheitsliebender Staat gewesen. Mag sein, fest steht jedoch, dass bis 2013 dieser Staat sehr Russland nah war.

Es gibt noch hunderte Fragen zur gegenwärtigen Haltung der deutschen Regierung. Der Schwur der Minister, "... Unheil vom deutschen Volke abzuwenden..." ist zur bedeutungslosen Floskel verkommen. Das wird ebenfalls mit kernigen Sätzen begründet, z.B. ..."wir haben eine Zeitenwende...; ... die neuen Bedingungen erfordern eine Anpassung unserer Massnahmen...". Mag sein, das ändert nichts am Amtseid. Sicher hätte ich viele Vorschläge zur Befriedung der Situation. Ich bin jedoch nur ein einfacher Betrachter. Aber um zu erkennen, dass ein Ei faul ist, muss man selbst kein gutes legen können.

Diese Gräber sind das Ergebnis eines Bombenangriffs eines Tages 1945
Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Photos und Events Photos und Events Photos und Events
Info.