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Der Schatten des Faschismus in der Bundesrepublik

Verantwortlicher Autor: Michael Fuchs Berlin, 20.05.2025, 00:04 Uhr
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Der lange Schatten der Vergangenheit
Der lange Schatten der Vergangenheit  Bild: Michael Fuchs

Berlin [ENA] Vor 80 Jahren endete mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht die faschistische Diktatur in Deutschland. Dieses historische Ereignis markierte das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa und führte zur Befreiung der vom deutschen Regime unterdrückten Völker.

Im Frühjahr 1934, kurz vor dem Tod von Reichspräsident Paul von Hindenburg, entbrannte ein erbitterter Machtkampf um dessen Nachfolge. Ein Testament, angeregt von konservativen Kreisen, sollte die Monarchie restaurieren und die demokratischen Grundlagen der Weimarer Republik beenden. Doch Hitler nutzte geschickt das umstrittene "Gesetz über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches" vom 1. August 1934, um nach Hindenburgs Tod die Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten in seiner Person zu vereinen. Obwohl diese Zusammenlegung juristisch zweifelhaft und verfassungswidrig war, legitimierte eine nachträgliche Volksabstimmung diese Machtübernahme.

Hindenburgs Testament und die Machtübertragung an Hitler

Dieser Vorgang verdeutlicht exemplarisch, wie einfach es für die Nationalsozialisten war, Gesetze und Verfassung auszudehnen, bis diese von der breiten Öffentlichkeit akzeptiert wurden. Gerade 1933/34 hätten unabhängige Justiz, Polizei und Wissenschaft durchaus noch opponieren können. Doch tragischerweise leisteten die bürgerlichen Institutionen kaum Widerstand. Während Gewerkschafter, Sozialisten und Kommunisten verhaftet wurden, unterstützten Banken, Konzerne und große Teile des Bürgertums bereitwillig die Abschaffung demokratischer Prinzipien.

Hitlers politisches Testament und die Regierung Dönitz

Elf Jahre später, in den chaotischen letzten Kriegstagen, hinterließ Hitler am 30. April 1945 ein privates und ein politisches Testament, letzteres erfüllt von fanatischen Rechtfertigungen und antisemitischem Hass. Hitler bestimmte Großadmiral Karl Dönitz zum neuen Staatsoberhaupt und Joseph Goebbels zum Reichskanzler – ein verzweifelter Versuch, seine Ideologie posthum fortzuführen. Rechtlich war diese testamentarische Nachfolge ohne jegliche Grundlage.

Obwohl Hitler diese Ämter laut Verfassung nicht testamentarisch übertragen konnte, erkannten die Westalliierten die Regierung Dönitz pragmatisch kurzfristig an, um eine rechtlich abgesicherte Kapitulation Deutschlands zu ermöglichen. Dies führte zu zwei getrennten Kapitulationserklärungen: zunächst am 7. Mai 1945 in Reims gegenüber den Westalliierten, gefolgt von der feierlichen Unterzeichnung am 8. Mai 1945 im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst, womit Dönitz endgültig entmachtet war. Obwohl Dönitz später in Nürnberg zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, erhielt er nach seiner Freilassung 1956 großzügige Pensionsansprüche von der Bundesregierung - ein Privileg, das auch vielen anderen Faschisten zuteil wurde.

Feier? Trauer? Die westdeutsche Perspektive auf den 8. Mai

Die Befreiung vom Faschismus löste in Europa und weltweit große Freude und Erleichterung aus. Für Millionen Menschen bedeutete das Kriegsende das Ende von Leid, Unterdrückung und Terror. Nur bei Deutschen herrschte Trauer über eine vermeintliche Niederlage. Diese Haltung änderte sich in der Bundesrepublik erst langsam, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 in einer historischen Rede den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ bezeichnete.

Besonders dramatisch waren die Verluste der Sowjetunion, die zwischen 24 bis 27 Millionen Menschen verlor, darunter etwa 14 Millionen Zivilisten. Polen beklagte etwa 6 Millionen Tote, darunter rund 3 Millionen polnische Juden. Insgesamt wurden in der Shoah über 6 Millionen jüdische Menschen ermordet, neben Hunderttausenden Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, politischen Gegnern und Homosexuellen. Dennoch betrachteten sich viele Deutsche lange Zeit als Opfer.

Bis heute tun sich insbesondere westliche Regionen Deutschlands schwer, diesen Tag wirklich zu feiern. Dabei gilt gerade heute mehr denn je: Wer nicht feiert, hat verloren. Seit 1950 wurde der 8. Mai als „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus“ offizieller Feiertag. Die Einführung dieses Feiertags diente dazu, die Rolle der Sowjetunion beim Sieg über den Nationalsozialismus hervorzuheben und das antifaschistische Gründungsideal der DDR zu stärken. Die Erinnerung an das Ende des Nationalsozialismus und die Befreiung Europas vom Faschismus sollte Anlass zu Freude und Stolz sein – nicht zu Trauer über eine verbrecherische Vergangenheit.

Demokratischer Neuanfang? – mit alten Gesetzen und Nazis

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 bemühte man sich im Westen um einen demokratischen Neuanfang, der klar mit der faschistischen Diktatur brechen sollte. Doch dieser Neubeginn war voller Widersprüche: Zahlreiche ehemalige Faschisten fanden wieder Zugang zu politischen Ämtern und sogar in den Bundestag. Gleichzeitig blieben viele Gesetze aus der faschistischen Zeit bestehen, weil sie nicht ausdrücklich aufgehoben wurden. Diese problematische Realität führte immer wieder zu Diskussionen über die Authentizität der sogenannten „Stunde Null“. Opfergruppen der Diktatur blieben weiterhin ausgegrenzt und marginalisiert.

Mahnung und Erinnerung für die Zukunft

Die heutigen Gedenkfeiern zum 8. Mai erinnern nicht nur an die Opfer und die Überwindung der faschistischen Diktatur. Sie bieten im 80. Jahr auch Anlass, sich kritisch mit den Tätern, den juristischen Kontinuitäten und ihren langfristigen Folgen auseinanderzusetzen. Wachsamkeit gegenüber politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die ihre Wurzeln in dieser dunkelsten Epoche deutscher Geschichte haben, bleibt eine bleibende Verpflichtung. Nur wer sich seiner Geschichte bewusst ist, kann die Zukunft verantwortungsvoll gestalten. Der 8. Mai als "Tag der Befreiung" und der 9. Mai als „Tag des Sieges“ sind Tage der Freude und des Festes.

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