Sonntag, 16.08.2026 15:55 Uhr

„Beweihräucherte“ Auswanderung aus Israel

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 16.08.2026, 12:53 Uhr
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Jerusalem [ENA] Der jüdische Staat sorgt für schräge Schlagzeilen. Neuster Trend ist eine von fundamentalistischen Linken beschworene ethische Umetikettierung der Wohnsitzverlegung ins Ausland - früher ein undenkbares No-go. Die dem Untergang geweihte postzionistische u. zuweilen sich rabiat antisemitisch gebärdende Zeitung „Ha’aretz“ lobpreist gar den territorialen Abgang, indem sie ihn verklärend als „patriotischen Akt" lobpreist.

Stützt man sich allein auf die Statistik und greift dabei selektiv jene Befunde heraus, die einem ideologisch in den Kram passen, könnte man in Verkennung entscheidender Abstufungen – temporärer Auslandaufenthalt, Auswanderung, Wanderungssaldo – meinen, ein anschwellender Exodus israelischer Bürger höhle nachgerade das Bevölkerungssubstrat des jüdischen Staates aus. Doch dem ist mitnichten so, wenngleich die Ausschläge nach oben – vordergründig (oder: bei flüchtiger Betrachtung) – auf eine Identitätskrise schliessen lassen könnten.

Obschon im Jahresschnitt 2023/25 rund 90’000 Personen jährlich dem vom Krieg gebeutelten Land den Rücken kehrten – es handelt sich dabei um mehr als das Eineinhalbfache der Abgänge im Vergleichszeitraum 2013/15 –, darf nicht vergessen gehen: Israels ständige Wohnbevölkerung steigt dank Geburtenüberschuss überproportional an, und die Auswanderer sind beileibe nicht nur Juden, sondern vielfach auch Araber oder bloss kurz im Lande verweilende Russen und Ukrainer, die aufgrund des jüdischen Rückkehrgesetzes Gelder für die Einwanderungshilfe abgreifen, die Staatsbürgerschaft erwerben, jedoch häufig nach Osteuropa zurückkehren.

Bei den anstehenden Parlamentswahlen vom 27. Oktober zeichnet sich ab, dass Parteien rechts der Mitte im Vormarsch sind. Nach den grausamen Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 im westlichen Negev ist vielen zuvor politisch Linksgestrickten aufgegangen, dass ihre illusionäre Vorstellung von einer Beilegung des israelisch-palästinensischen Konflikts mittels einseitig territorialer Kompromisse, wie schon immer in der Vergangenheit, an den harten Fakten im Feld scheitern, somit keine tragfähige Zukunft generieren dürften. Knapp eine halbe Million von Neuwählern, viele von ihnen kampferprobt im Gazastreifen, in Syrien sowie im Libanon, dürfte zudem den Ausschlag des Pendels nach rechts geben.

1975 prägte der damalige Ministerpräsident und vormalige Generalstabschef wie auch Verteidigungsminister Yitzchak Rabin – er wurde 1995 an einer Friedensdemonstration in Tel Aviv von einem politisch aufgehetzten Gegner ermordet – den verächtlichen Ausdruck „Nefolet Nemuschot“ (Abfall der Schwachen), mit denen er sämtliche Abwanderer quasi als Verräter am wehrhaften Einheimischen, dem in Israel Geborenen, abqualifizierte. Ein halbes Jahrhundert später ertragen politisch Linkssozialisierte, die in Israel von 1948 bis 1977 uneingeschränkt geherrscht hatten, ihren eigenen stetigen Niedergang nicht.

Berechtigt ist die Warnung, die meisten der Exilanten seien Begüterte und bestens Ausgebildete, die Israels Wirtschaftsgefüge fehlen würden. Ihre Abstimmung mit den Füssen ins Ungewisse könnte indes dazu führen, dass die „Zurückgebliebenen“, welche keinerlei Untergangsszenarien wälzen, sich noch mehr ins Zeug legen müssen, um das wachsende wirtschaftliche und militärische Potenzial der unangefochtenen regionalen Vormacht im Nahen Osten auszuschöpfen.

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