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Filme: Politischer Franziskus, Tragischer Benedikt

Verantwortlicher Autor: Jochen Raffelberg Köln, 25.05.2019, 20:29 Uhr
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Köln [ENA] Papstfilme haben Konjunktur. Der Lobeshymne von Wim Wenders auf Papst Franziskus hat ein Jahr später Christoph Röhl seine Abrechnung mit dessen zurückgetretenem Vorgänger Benedikt XVI. folgen lassen. Wurde dem Pontifex aus Argentinien 2018 noch wohlwollend bescheinigt, er sei ein politisches Kirchenoberhaupt, wird sein deutscher Kollege jetzt als tragischer Held eines monarchistisch-autoritären Gebildes empfunden.

In dem Bemühen, seine “Heiligsprechung” zu verhindern, erinnern Kritiker daran, dass Joseph Ratzinger als Erzbischof, Glaubenspräfekt und Papst insgesamt fast 36 Jahre (1977 bis 2013) als Verantwortlicher an höchster Stelle in der Kirchenleitung ein autoritäres Kirchen- und Weltbild verfolgt habe. Der kürzlich vorgestellte Film “Verteidiger des Glaubens” zeigt laut Reformbewegung Wir sind Kirche, wie unter wesentlicher Verantwortung Ratzingers “die sexualisierte Gewalt durch Kleriker jahrzehntelang geleugnet und vertuscht, im Jahr 2001 unter das päpstliche Geheimnis gestellt” und erst 2010 unter dem Druck der Öffentlichkeit offensiver angegangen worden sei.

Dieser “sehr seriöse” Film und gelungene Impuls dürfe von der jetzigen Kirchenleitung nicht ignoriert werden. Das Handeln und Nichthandeln von Benedikt XVI. bezüglich sexualisierter Gewalt könnten ihn und seinen vorherigen Chef, Johannes Paul II., in der Kirchengeschichte “vielleicht einmal ähnlich belasten wie das Verhalten von Pius XII. und dem Vatikan zum Faschismus”, schreibt Wir sind Kirche. Der in fünf Jahren intensiver Recherche entstandene Dokumentarfilm des deutsch-britischen Regisseurs Christoph Röhl sei aber weit mehr als eine Arbeit über den klerikalen „Missbrauch“ und dokumentiere das Ende einer kirchlichen Ära, “die vergeblich das kirchliche Ansehen und den Machterhalt zu wahren suchte”.

Der Film, der vorige Woche in München Weltpremiere hatte, werde hoffentlich die notwendige Debatte anstoßen, wenn er im Herbst in die Kinos komme. Zuvor hatte das Domradio des Erzbistums Köln den Film als eine “steile, analytisch weit ausgreifende Erzählung” besprochen. Der “atheistisch aufgewachsene” Regisseur nehme Partei für die Reformer und zeichne Ratzinger als letztlich tragische Figur. Röhl halte ihn nicht nur für persönlich gescheitert, sondern sehe ihn zugleich exemplarisch als einen bestimmten Typ von Kirchenmann, der die Institution retten wolle und dabei das Leid der Opfer ausblende. “Eine einseitige Sicht, aber eine, der man sich in ihrer stringenten Darbietung nur schwer entziehen kann,” so das Domradio.

Dem Onlineportal Katholisch.de zufolge hat Röhl mit Kurienerzbischof Georg Gänswein und dem maltesischen Erzbischof Charles Scicluna, einem ehemaligen Mitarbeiter Ratzingers in der Glaubenskongregation, für den Film auch wichtige Vertraute Benedikts interviewen können, aber die Bewertung von dessen Leben überwiegend kritischeren Stimmen überlassen, etwa dem deutschen Jesuiten Klaus Mertes, dem amerikanischen Kirchenrechtler Thomas Doyle oder dem vom Vatikan gemaßregelten irischen Priester Tony Flannery. Mertes sehe Benedikts Rücktritt nicht nur als persönliches Scheitern, sondern als "Scheitern einer Ära". Trotz der “spürbaren Voreingenommenheit” gegenüber Benedikt XVI. sei Röhls professioneller Film aber “durchaus sehenswert”.

Die Tagespost hingegen beklagt das “einseitige Bild eines Papstes”, das der Film vermittele und zitiert Alan Posener aus Die Welt, für den Gänsweins Versuch, Benedikt XVI. als „Außenseiter, einen weltfremden Idealisten“ darzustellen, nicht aufgegangen sei: „Dieser Legende dürfte Röhls Film den Todesstoss versetzen.“ In der Augsburger Allgemeinen hiess es, in Röhls Augen sei eines der letzten, absolut monarchisch verfassten Gebilde an ihr Ende gekommen. “Joseph Ratzinger erscheint darin als tragische Figur.” Laut Abendzeitung hat sich Ratzinger aus Angst um die Prinzipien der Kirche zum “rückwärtsgewandten Eskapisten” gewandelt. Röhl behandele Ratzinger aber mit dem nötigen Respekt und Analyse sei ihm wichtiger als Skandalisierung.

Der von Wenders gedrehte Film Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes war im Mai letzten Jahres in Cannes vorgestellt worden und hat allein in Deutschland über eine halbe Million Besucher angezogen. Laut der offiziösen website Box office Mojo hat er 8.5 Millionen Dollar eingespielt, davon drei Millionen in Deutschland und zwei Millionen in den USA. Der Streifen wurde in fast 400 Kinos gezeigt. Die Los Angeles Times hob auch den finanziellen Erfolg des Films hervor und schrieb, jeder Erlös eines Dokumentarfilms von über einer Million Dollar sei herausragend.

Im Mittelpunkt des 96-Minuten-Porträts stehen Gedanken des Papstes, ihm wichtigen Themen, aktuelle Herausforderungen und sein Reformbestreben. Es ist seinem deutschen Verleih Universal Pictures zufolge in einer aussergewöhnlichen Zusammenarbeit mit dem Vatikan entstanden, der für Wenders seine Archive geöffnet und dem Regisseur auch die Verwendung von exklusivem Bildmaterial erlaubt habe. Die deutsch-französisch-italienisch-schweizerische Koproduktion bringe einen Mann nahe, dem Menschen aller Glaubensrichtungen ihr Vertrauen schenkten.

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