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Tango und Zirkus-ein ungewöhnliches Konzert mit G. Kremer

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 24.01.2019, 22:23 Uhr
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Eingang der kriegszerstörten Allerheiligen-Hofkirche in München
Eingang der kriegszerstörten Allerheiligen-Hofkirche in München  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Was hat ein Clown vom Zirkus Roncalli in einem klassischen Konzert in der Allerheiligen-Hofkirche in München zu suchen? Diese Frage wurde am 21. Januar 2019 in der ersten Veranstaltung der auf ein Jahr angelegten, neuen Konzertreihe 'Musicae' beantwortet.

Anlaß für diesen ungewöhnlichen Auftritt war zum einen die Zirkusbegeisterung Gidon Kremers, der diesen Abend mit seiner Kremerata Baltica gestaltet hat. Zum anderen konnte er auch auf Musik verweisen (und sie überzeugend vortragen), die tatsächlich für den Zirkus geschrieben ist. Die erste Konzerthälfte war freilich dem Tango-Spezialisten Astor Piazolla gewidmet, doch auch hier setzte Kremer eine Überraschung davor:

das Poem "Mitternacht in Riga" des lettischen Komponisten Arturs Maskats, das nach einem achttaktigen, meditativen Violinsolo ein "Tempo di Tango" annimmt. In der Tat zeigt der Komponist, der 2003 auch mit einem großorchestralen Tango an einem Kompositionswettbewerb in London teilgenommen hat, eine erstaunliche Einfühlung in den lateinamerikanischen Tanz, der zur vorletzten Jahrhundertwende noch als frivol galt.

Vom Meister des neueren Tangos, Astor Piazolla, der gewöhnlich für Bandoneon und Streicher schrieb, präsentierte die Kremerata mehrere Stücke in Bearbeitungen. Die Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Tres minutos con la realidad, spielte das Streichorchester allein. Im Grand Tango bekam Kremer die Solostimme in die Violine gelegt, und in den beiden Stücke Celos und Fuga y Misterio kam noch das Vibraphon dazu. Der Vibraphonist des Ensembles, Andrei Pushkarev, hat diese Bearbeitungen angefertigt.

Piazollas Musik besitzt trotz ihrer Herkunft aus dem Klang des Bandoneons genügend Substanz, um auch in vielen anderen Klanggewändern eine gute Figur zu machen. Die 'Drei Minuten' kennen wir u.a. in einer Triobearbeitung für Gitarre, Cello und Akkordeon; Martha Argerich und Eduardo Hubert haben eine fulminante Fassung für zwei Klaviere eingespielt. Von der Fuge, deren Eleganz in chromatisch zerfurchtem e-Moll Bach gewiß gefallen hätte, gibt es ebenfalls eine Fassung für zwei Klaviere. Celos wurde von Pushkarev hier in einer gegenüber der Quintettfassung erheblich erweiterten Version geboten.

Piazolla reiht sich in die lange Tradition stilisierter Tanzformen ein, die bis in die Renaissance zurückreicht. Das barocke Suitenmodell besteht zum größten Teil aus Tanzsätzen, Chopin hat die Tänze seiner polnischen Heimat, zumal Mazurken und Polonaisen, im Klavier zur hoher Kunst veredelt. Piazolla macht aus dem argentinischen Tango rhythmisch und harmonisch komplexe, nicht zuletzt für den Hörer anspruchsvolle Musik, die aber stets auch unmittelbares Vergnügen bereitet.

Die Hommage à Mieczysław Weinberg im zweiten Teil des Konzertes stellte einen hierzulande zu wenig beachteten Komponisten vor, den der 2. Weltkrieg von Polen in die Sowjetunion verschlagen hat, wo er 1996 auch gestorben ist. Sein umfangreiches Oeuvre enthält allein 22 Sinfonien, dazu einige Kammersinfonien, mehrere Opern, Filmmusik und - Zirkusmusik. Dieses Genre ist naturgemäß auf leichte Faßlichkeit angewiesen, soll aber nicht banal werden, ein Spagat, den Weinberg bestens beherrschte. Bereits die einleitende Ouvertüre zitiert ein berühmtes Muster einer gestischen Musik. Haydn hatte seinerzeit in seiner Abschiedssinfonie den Wunsch seiner Musiker nach Rückkehr zu ihren Familien wirksam zum Ausdruck gebracht.

Weinberg inszeniert das Gegenteil, läßt einen Streicher nach dem anderen hereinkommen, sich dazugesellen und schließlich das ganze Orchester sich engagiert in die Saiten werfen. Die Atmosphäre klingt angenehm vertraut, ungefähr nach der Operettenseligkeit der österreichischen k.u.k.-Monarchie, und insofern darf man Weinberg auch als Nachfolger von Julius Fucik betrachten, von dem ja der im Zirkus legendäre "Einmarsch der Gladiatoren" stammt. Aus Weinbergs "10 Stücken für den Zirkus" wählte Kremer Galop und Kuyavyak aus. Ein Marsch in D-Dur gehörte auch in dieses Genre, das dem Clown des Zirkus Roncalli, Robert Wicke, Raum für seinen Auftritt bot.

Auch er ging, wie Kremer, subtil vor und agierte so nah an der Musik wie möglich. Mühelos, wortlos, aber nicht stimmlos schaffte er es, das Auditorium zum Mitsingen zu bewegen und wie ein Dirigent, Einsätze zu geben. Er parodierte musikalische Gesten bei Bratsche und Kontrabaß und fing mit einer Bratschistin ein Tete-a-tete an, in dem er sie mit einem Luftballon in Form eines Hundes, eines Schmetterlings oder eines Phallus zu überzeugen versuchte.

Als Möchtegern-Magier ließ er einen Teddybären verschwinden und betätigte sich als Möchtegern-Jongleur, der aber bald zu echter Jonglage überging und auch darin seine Kunstfertigkeit zeigte. Seine Einlagen öffneten der Musik einen zusätzlichen Raum, aber die Musik muß das auch zulassen, und die ausgewählten Stücke Weinbergs waren dafür geeignet. Kremer präsentierte noch ernsthaftere Werke Weinbergs, den zweiten Satz aus der Sinfonietta Nr. 2 g-Moll op. 74 und das Finale aus dem Concertino für Violine und Streicher, op. 42. Eine Violinromanze griff auf die von Beethoven prominent inaugurierte Gattung zurück.

Wenn man nach den Gründen dafür sucht, weshalb Weinbergs durchaus kulinarische Musik im Westen so wenig bekannt ist, wird man auf seinen großen russischen Kollegen Schostakowitsch verweisen müssen. Mit ihm, dem älteren, war er befreundet, und er pflegte den gleichen wohlwollenden Umgang mit der musikalischen Tradition, zumal der Tonalität, wie dieser. Im Westen wurde Schostakowitschs Position und Schicksal als paradigmatisch empfunden, während Weinberg, der mit den gleichen musikalischen Mitteln arbeitete, in seinem Schatten blieb. Der Russe wirkte in seiner Schroffheit interessant, der mitteleuropäische Pole erschien eher liebenswürdig, vielleicht zu harmlos und traditionell.

Kremer schloß das Konzert mit einer weiteren Überraschung als Zugabe ab, jener gesprochenen Chorfuge, die Ernst Toch einst als "Fuge aus der Geographie" vorgelegt hat. Hier aber wurden als Text musikalische Namen und Begriffe verwendet, und das Orchester konnte ohne Schwierigkeit einen richtig besetzten gemischten Chor darstellen. * *

Der in Programmwahl und 'Multimedialität' gewagte Abend war ein gelungener Auftakt für die Konzertreihe, deren weitere Konzerte ebenfalls neugierig machen und viel erwarten lassen. Ihre künstlerische Leiterin, die renommierte Pianistin Anna Gourari, hat mit viel Engagement die Konzerte, von denen einige auch in anderen Ländern, Italien, Israel, USA stattfinden, auf die Beine gestellt. Ihrer musikalischen Erfahrung verdanken die Konzertprogramme Qualität und Originalität.

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