Montag, 06.07.2020 10:28 Uhr

Politische Ethik zwischen Menschenwürde oder Massenglück

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 12.05.2020, 20:17 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 7872x gelesen

Salzburg [ENA] Florierende Wirtschaft gegen Menschenleben - was tun in der Coronakrise? Zählt das vermeintliche Glück der Masse stärker als das Wohl oder die Gesundheit des Einzelnen, des vielleicht sogar Schwächeren und Alten? Welche Prioritäten setzen Politiker bei ihren, zugegeben schwierigen, Entscheidungen? Eine Spurensuche zwischen humanistischen und utilitaristischen Denkrichtungen und Weltanschauungen.

„Im Reiche der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.“ So äußert sich Immanuel Kant (1724-1804) in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ – übrigens im selben Jahr (1785), in dem Friedrich Schiller in der Ode „An die Freude“ ein Ideal der Gesellschaft, die auf Gleichberechtigung und gegenseitiger Achtung beruht, verfasst. Nach Kant darf der Mensch „als Zweck an sich“ nie „Mittel zum Zweck“ sein.

Unzweifelhaft gehen die christliche Ethik wie die Gedanken Kants von einem Ursprung der Handlungen aus, wobei eine daraus entstehende Moral für alle Menschen, ob nun auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit oder dem Potentialitätsargument (Stichwort: Embryonen, Komapatienten, Menschen mit Beeinträchtigungen) basierend, gelten soll. Jede moderne Demokratie lebt von diesen Axiomen – staatliche Institutionen haben die Aufgabe, die Würde jedes Staatsbürgers zu schützen, während Unterdrückung oder ein Betrug offizieller Behörden zu ahnden sind.

Der Utilitarismus dagegen ist eine zweckorientierte Ethik, die den Nutzen einer Gesellschaft, also die Summe des Wohlbefindens möglichst vieler Beteiligten, als moralisch richtig ansieht. Vier Jahre nach der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ erscheint „Introduction to the Principles of Morals and Legislation“ (1789) von Jeremy Bentham (1748–1832): „Mit dem Prinzip des Nutzens ist jenes Prinzip gemeint, das jede beliebige Handlung gutheißt oder missbilligt entsprechend ihrer Tendenz, das Glück derjenigen Gruppe zu vermehren oder zu vermindern, um deren Interessen es geht (…) Mit ‚Nutzen‘ ist diejenige Eigenschaft an einem Objekt gemeint, wodurch es dazu neigt, Wohlergehen, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück zu schaffen.“

Im Utilitarismus entscheiden nicht der Ursprung, sondern die Auswirkungen und Folgen von Handlungen deren ethische Rechtmäßigkeit: Ein Geschehen ist demnach moralisch richtig, wenn durch sie eine Maximierung des allgemeinen Glücks respektive eine Minimierung des allgemeinen Leids zu beobachten ist, das Wohl des Einzelnen wird vernachlässigt. Der Speziesismus als Sonderform behandelt ähnlich wie der Rassismus oder der Sexismus Lebewesen nicht nach individuellen Qualitäten, sondern pauschalisiert deren Wert nach einem bestimmten, jedoch zufälligen biologischen Merkmal.

Während ein Rassist an ethnische Unterschiede, ein Sexist an die Ungleichheit der Geschlechter „glaubt“, ist ein Speziesist davon überzeugt, dass Menschen, die sich beispielsweise fleischlich ernähren oder pharmakologische Produkte testen wollen, Tieren Leid zufügen dürfen. Dass Zooanthroponosen, also von Tier auf Menschen überspringende Infektionskrankheiten (wie z.B. Malaria, SARS, Vogelgrippe, Schweinegrippe, West-Nil-Virus, Ebola-Virus, Covid-19-Virus) aus genau dem Mangel an Respekt vor dem Leben von Wildtieren entstanden sind und aktuell auch eine der größten Wirtschaftskrisen der Menschheitsgeschichte hervorgerufen haben, kann wohl nur als zynische Konsequenz eines rücksichtslosen utilitaristischen Denkens aufgefasst werden.

Nichtsdestotrotz überlegen zurzeit nicht wenige Ökonomen und tatsächlich auch Politiker, den Schutz von Menschen vor einer Virenansteckung sowie die Sicherheit einer medizinischen Versorgung des Staates zu relativieren bzw. der unbedingt notwendigen Prosperität der Wirtschaft unterzuordnen. Nach deren Meinung würde nur eine intakte Wirtschaft ein funktionierendes Gesundheitssystem begründen. Zudem würden viele Menschen unter einer Rezession genauso leiden – möglicherweise nicht in Mitteleuropa, sondern in Schwellen- und Entwicklungsländern. Zwei Gründe, die nur schwer zu widerlegen sind. Als Einwand möge jedoch gelten, dass die Folgen einer Pandemie für keinen Entscheidungsträger, noch dazu vorausschauend, einschätzbar sind.

Die menschliche Würde beinhaltet im Informationszeitalter aber auch einen Persönlichkeitsschutz bzw. eine Wahrung der Privatsphäre. Viele kritische Bürger, unter ihnen auch namhafte Verfassungsrechtler, monieren diesbezüglich schwere Mängel (Stichwörter: Wahrung des Hausrechtes, Datenweitergabe…) Wenn z.B. das Corona-Tracing-App als Zugangsbarriere für die Nutzung beruflicher oder behördlicher Einrichtungen eingesetzt werden würde, wären Menschen ohne Smartphone bzw. ohne technischer „Einschulung“ ausgesperrt bzw. diskriminiert.

Die Frage sollte also schon erlaubt sein, ob es sich bei der massiven Eindämmung von Bürger- und Freiheitsrechten auch um eine versteckte, aber sukzessive Ausbreitung von politischer Macht handelt – gerade zu einem Zeitpunkt, in dem die Regierung eilig beschlossene Gesetze und Erlässe als vielleicht nicht unbedingt verfassungskonform erkennt und eine „Reparatur“ derselben mit einem süffisanten Lächeln in die ferne Zukunft verschiebt! Viele Länder betonen die Menschenwürde in ihrer Verfassung: Deutschland, Belgien, Griechenland, Portugal, Spanien und einige mehr.

In Österreich sucht man diesen Passus allerdings vergeblich – erst mit dem Eintritt in die Europäische Union, also quasi über die Hintertür, hat sich die Menschenwürde in Österreich etabliert. Wenn nun ein Politiker in der aktuellen Situation die Bevölkerung bittet, etwaige Einschränkungen kurzzeitig in Kauf zu nehmen, um Ärzten die grauenhafte Entscheidung einer „Triage“ zu ersparen und um die medizinische Versorgung in allen Bereichen zu gewährleisten, verweigern ohnehin nur sehr wenige die Solidarität. Eilig angekündigte Erlässe und polizeistaatliche Maßnahmen machen hingegen Angst.

Die „unantastbare Würde“ eines jeden Menschen äußert sich nicht nur auf das Recht zu leben, sondern auch auf den Willen weiterleben zu wollen – gerade am Anfang und am Ende des Lebenszyklusses. Immanuel Kant begreift (in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785) den autonomen Willen als oberstes Prinzip der Sittlichkeit: „Autonomie des Willens ist die Beschaffenheit des Willens, dadurch derselbe ihm selbst (unabhängig von aller Beschaffenheit der Gegenstände des Wollens) ein Gesetz ist. Das Prinzip der Autonomie ist also: nicht anders zu wählen, als so, dass die Maximen seiner Wahl in demselben Wollen zugleich als allgemeines Gesetz mit begriffen seien.“

Theodor W. Adorno gebrauchte den Begriff der Autonomie im Sinn der Kantischen Ethik. Für ihn wäre Autonomie „die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf: die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“ Nach Kant hat Würde eben keinen Preis. Es ist offensichtlich, welcher Politiker die Autonomie des einzelnen Menschen in seine Äußerungen miteinbezieht, sich mit autoritären oder sogar repressiven Maßnahmen an die Bevölkerung wendet, sich medial als Retter und Krisenmanager inszeniert bzw. anderen Ländern und Institutionen „die Schuld in die Schuhe schiebt“ – letztgenannte Redewendung stammt übrigens aus der Gaunersprache…

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