Makara – ein Bild erzählt drei Geschichten
Pundicherry/Indien [ENA] Wer Bilder, Photographie, Gemälde oder eben Lithografien verstehen möchte, muss der Geschichte zuhören, die sie erzählen. Es ist nicht nur das Thema des Bildes an sich, auf der Vorderseite, sondern auch die, die auf der Rückseite oder am Rand zu lesen sind.
Die eigentliche Geschichte, hier eine Szene aus der indischen Mythologie, wird verstärkt durch die Bildkomposition des Künstlers, durch Mimik, Gestik und Körperhaltung verstärkt durch den Chiaroscuro, den Hell-Dunkel-Kontrast. Die Interpretation obliegt dem Betrachter. Dahinter verstecken sich ebenso faszinierende Geschichten über den Künstler, seine Technik oder den Weg, den ein Bild zurückgelegt haben mag. Das gezeigte Bild beschreibt eine Szene mit einem Makara. Ein Makara ist ein Seeungeheuer aus der hinduistischen Mythologie, traditionell ein Wasserwesen – Krokodil oder Delphin - und oft dargestellt als Mischwesen mit dem Vorderteil eines Landtieres (Elefant) und dem Hinterteil eines Fisches oder Krokodiles.
Der Makara repräsentiert Wasser, Fruchtbarkeit und den Schutz von Tempelzugängen. Traditionell gilt er als Reittier der Flussgöttin Ganga und des Ozeangottes Varuna. Ihm werden auch Kamadeva, der Gott der Liebe oder, wie hier, Bhagarita zugeordnet. In der indischen Astrologie ist das Makara Rashi mit dem Vorderkörper eines Steinbockes und dem Hinterteil eines Fisches das Äquivalent zum Sternzeichen Steinbock westlicher Mythologie. Ganga wird als weibliche Gottheit verehrt und gilt als spiritueller Name eines der wichtigsten Flüsse Nordindiens (Ganges), der als Göttin angesehen wird. Varuna wird als eine der höchsten Gottheiten Indiens angesehen, der die kosmische und moralische Ordnung aufrechterhält.
Zusammen mit seiner Gemahlin Varunani, der Göttin des Ozeans, des Weines sowie der Berauschung und in althinduistischer Tradition eine Halbgöttin, die eher selten dargestellt wird, dann aber an der Seite Varunas auf einem Wasserungeheuer, dem Makara sitzt. Ausweislich der Sanskrit-Beschriftung am Unterrand des Bildes sind hier Sri Ganga und Sri Bhagiratha auf einem Krokodil-Makara abgebildet (Das Sanskrit-Wort Sri {auch Shri oder Shree} bedeutet auf Deutsch Glanz, Licht, Pracht, Schönheit, Wohlstand, Glück, Macht oder hoher Rang.
Es wird heute im indischen Kontext oft als respektvoller Ehrentitel oder als Äquivalent zu „Herr“ vor Eigennamen genutzt. Sri Bhagiratha ist eine legendäre Gestalt der Ikshvaku-Dynastie in der hinduistischen Mythologie, die insbesondere für die Herabführung des heiligen Flusses Ganga (Ganges) vom Himmel auf die Erde bekannt ist. Er wird als ein herausragendes Beispiel für unerschütterliche Hingabe, Ausdauer und Selbstlosigkeit betrachtet.
Das Bild ist unter dem Oberbegriff Chromolithographie entstanden. Das ursprünglich 1799 von Alois Senefelder (1771 -1834) in München erfundenen Verfahren ermöglichte als Steindruck den Druck von bunten Bildern in großer Stückzahl. Das Verfahren galt als sehr aufwendig, denn um 24 Farben zu drucken, mussten 24 Steinplatten so ausgemeißelt werden, um auf den erhabenen Stellen die Farbe aufgetragen und nacheinander auf Papier übertragen zu können. Andere Quellen ordnen die beiden Begriffe Farblithographie und Chromolithographie genannt dem französischen Lithografen Godefroy Engelmann (1788-1839) zu und seinem 1837 angemeldetem Patent zum Verfahren der Chromolithographie patentieren lassen.
Sein Verfahren unterschied sich von den damals schon bekannten Techniken, dass das Bild analytisch in die Grundfarben zerlegt wurde, so dass der Druck theoretisch mit nur vier Platten ausgeführt werden konnte. Gängige Praxis bis in die 1930er Jahre blieb jedoch der Druck mit bis zu 21 Platten, denn für jede Farbe wurde eine gesonderte Druckplatte hergestellt, woraus ein hoher Arbeitsaufwand resultierte. Ein Jahr zuvor hatte der Engländer George Baxter (1804-1867) den Ölfarbendruck (Oleographie) als Variante der Farblithographie entwickelt. Hierbei ging es weniger um die Massenproduktion als um die Kopie eines Ölgemäldes.
Auch hier ist pro Farbe ein Druckvorgang notwendig, wobei im einem letzten Druckvorgang Bildstrukturen wie Leinwand oder Pinselstrich mitgedruckt werden konnten. Ein abschließender Überzug mit Firnis machte die Drucke kaum vom Original unterscheidbar. Das vorliegende Bild ist 1924 entstanden und bei Ravi Vaibhaf F A L Press in Ghatkopar, einem Vorort von Mumbai, mit der laufenden Nummer 0080 gedruckt worden. Die Beschäftigung mit Ravi Vaibhaf führt zu seinem Landsmann und Maler Ravi Varma (1848-1906). Dessen wachsende Popularität, und um die wachsende Nachfrage zu bewältigen, veranlasste ihn, mit Hilfe seines deutschern Technikers Fritz Schleicher seine eigenen Werke wie auch Gemälde klassischer Malerei in größerer Zahl zu drucken.
Hierzu nutzte er die Chromolithographie, musste jedoch feststellen, dass diese Massenproduktion seiner Reputation als ernsthaftem Maler geschadet hat. Bald galt er als „Kalenderkünstler“. Dennoch, Varmas lokal hergestellte Drucke begründeten die wachsende Nachfrage nach zeitgenössischer Pop-Art und religiösen Illustrationen. Gleichzeitig animierte sein Erfolg andere Künstler, darunter Ravi Vaibhav seine Ravi Vaibhav Press Fina Art Lithograh (F A L) Press als eigenes Unternehmen zu gründen, mit dem Namen Varma zu handeln und seine Drucke zu plagiieren.
Ravi Varma und sein Bruder Raja Varma starteten mit Ravi Varma Fine Art Lithographic Press in Girgaum, Mumbai, zogen ebenfalls in den Vorort Ghatkopar. Gegen 1901 waren sein Bruder und er tief verschuldet. 1901 kaufte Fritz Schleicher die Druckerei, der das Angebot auf andere Künstler und kommerzielle Angebote wie Werbe-Etiketten ausweitete. Mit einem Intermezzo in Malawli-Lonavala endete das Unternehmen in Karla-Lonavala nahe den schönsten Beispielen antiker buddhistischer Felsarchitektur in Indien, gelegen an der Schnellstraße Mumbai-Pune, als es 1972 durch ein Feuer zerstört wurde. Ravi Vaibhaf F A L Press verblieb in Ghatkopar. Drucke aus dieser Druckerei, wie beispielsweise diejenigen aus den 1940er Jahren, gelten als wertvoll.
Das Bild erzählt noch eine dritte Geschichte. Auf der Rückseite des Bildes ist ein Stempel „A. Nalla Pillai & Sons“, einem Photostudio aus Kumbakonam zu sehen. Kumbakonam, eine Tempelstadt mit zahlreichen bedeutenden Hindutempeln, liegt im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu im Kaveri-Delta im Distrikt Thanjavur und Luftlinie etwa 1300 Kilometer von Ghatkopar entfernt. Das Nalla Pillai Studio wurde 1878 hier eröffnet und wird noch heute von den Urenkeln des Gründers geführt. Wie es zu der Verbindung zwischen dem Photostudio Nalla Pillai und den Chromolithographien von Ravi Vaibhaf kam, ist nicht bekannt. Photostudio war für seine Fähigkeiten, Oleographie zu rahmen bekannt. So ist zu vermuten, dass das Photostudio die Drucke gehandelt hat.
Eine Anfrage hierzu an das S.T.A.R.S Project (Studies in Tamil Studio Archives and Society {S.T.A.R.S.} in Pundicherry, das sich mit dem Nachlass von A. Nalla Pillai & Sons beschäftigt, wurde noch nicht beantwortet. Ein Bild, drei Geschichten, die die enge Verbindung zwischen Künstler, Produktion und vermutlicher Distribution erahnen lassen.




















































