Dienstag, 14.04.2026 17:49 Uhr

Hélène de Beauvoir. Mit anderen Augen sehen.

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Rüsselsheim, 15.03.2026, 20:13 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 4545x gelesen
Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht  Bild: Kurt Lehberger

Rüsselsheim [ENA] Die Opelvillen in Rüsselsheim präsentieren die erste museale Ausstellung zum Werk der wenig bekannten Malerin Hélène de Beauvoir in Deutschland. Die Ausstellung zeigt 177 Werke aus den Jahren 1925 bis 1994, die aus Frankreich, Italien, Deutschland, England und der Schweiz zusammengetragen wurden.

Hélène de Beauvoir (1910-2001) malte schon mit 24 Jahren in ihrem eignen Atelier in Paris. Nach zwei Jahren, im Jahr 1936, hatte sie die erste Einzelausstellung in der Galerie Jacques Bonjean. Ein prominenter Besucher war Pablo Picasso. Er lobte ihre Arbeit und nannte sie „originell“. Es wird geschätzt, dass sie in ihrem langen künstlerisch tätigen Leben mehr als drei Tausend Werke in Form von Gemälden, Zeichnungen und grafischen Drucken geschaffen hat. Sie stammte aus einem konservativen, katholischen, wohlhabenden Elternhaus. Ihre zwei Jahre ältere Schwester war Simone de Beauvoir (1908–1986), die berühmte Philosophin und Feministin, die Autorin von „Das andere Geschlecht“, 1949.

Hélène heiratete 1942 Lionel de Roulet, ein Schüler von Jean-Paul Sarte. Er war französischer Diplomat und lebte mit Hélène jeweils mehrere Jahre in Portugal (1940 – 1945), Wien, Bukarest, Marokko und Mailand. Von 1963 an bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 lebte sie in der französischen Provinz, in Goxwiller, ein 800 Seelendorf im Elsass (30 km südlich von Straßburg). Dort hatte sie ihr Atelier in einem alten Winzerhaus eingerichtet und konzentrierte sich auf die Malerei. „Mein wirkliches Leben war die Malerei“. Die Themen ihres künstlerischen Schaffens sind Feminismus, Gewalt gegen Frauen, Polizeigewalt, Waldsterben und Befreiung. Hélène de Beauvoir ist eine Vertreterin der feministischen Kunst des 20. Jahrhunderts.

Hélène de Beauvoir entwickelte ihre Malerei von der figurativen Kunst zur Abstraktion. Es entstehen kristalline Formen, die Licht aufsplitten und neue, zarte Farben hervorbringen. Später kehrt sie zur Gegenständlichkeit zurück, um konkrete Aussagen sichtbar zu machen. Oft sind die Techniken durchmischt, wie in einer Collage. Hélène de Beauvoir bevorzugt die Kupferstichtechnik, wenn sie über kein Atelier verfügt. Im Jahre 1967 erschien das Buch „La Femme rompue“ - Eine gebrochene Frau - von Simone de Beauvoir. In der Vorzugsausgabe sind sechzehn Kupferstiche von Hélène de Beauvoir enthalten. Diese sind in der Ausstellung zu sehen.

Der weibliche Körper in seiner Verletzlichkeit und die Frau, die den Formen der Ausbeutung und Unterdrückung ausgeliefert ist, bestimmen zunehmend ihre Bildinhalte. Die Studentenunruhen und Straßenkämpfe mit der Polizei 1968 in Paris werden in einer Serie von dreißig Bildern „Der schöne Monat Mai [Le joli mois de mai]“ festgehalten. Sie bezieht politisch Stellung gegen die Gewalt. In der Ausstellungsansicht ist das Bild „Ich liebe dich, ach sag es mit Pflastersteinen“ - Je t’aime ah dis le avec des paves – aus dem Jahr 1968 zu sehen

Ausstellungsansicht: Ich liebe dich, ach sag es mit Pflastersteinen, 1968
Ausstellungsansicht: Frauen leiden, Männer urteilen über sie. 1977 u.a.
Ausstellungsansicht: Hommage an die Befreiung der Frau, 1977

Das Manifest der 343 ist eine Petition, die am 5. April 1971 in der Zeitschrift „Le Nouvel Observateur“ erschien und in der die Legalisierung der Abtreibung in Frankreich gefordert wurde. Hélène de Beauvoir und auch ihre Schwester Simone unterschrieben und waren auf der Liste der 343 Französinnen, die den Mut hatten, das Manifest ‚Ich habe abgetrieben‘ zu unterzeichnen. In diesem Kontext ist das Bild „Frauen leiden. Männer urteilen über sie“ -Les femmes souffrent. Les hommes les jugent- aus 1977 entstanden, siehe in der Ausstellungsansicht. Hélène de Beauvoir machte mit ihren Bildern 1975 auf die Umweltschäden aufmerksam. Waldsterben und Luftverschmutzung reflektiert sie in ihren Bildern, z.B. in „Klagelied über den Tod eines Waldes“.

Ausstellungsansicht: Klagelied über den Tod eines Waldes, 1975
Ausstellungsansicht: Die Bedrohung, 1987

Mit dem Bild „Die Todbringenden“ - Les mortifères - stellt sich Hélène de Beauvoir entschieden gegen das französischen Atomenergieprogramm. Sie verurteilte die Grausamkeit des Krieges in Bosnien und zeigt das in ihrem Bild „Frauen aus Bosnien“ - Femmes de Bosnie - von 1993. Ein Videofilm mit Originalton der Gespräche zwischen Hélène und Simone über ihre Beziehung in der Kindheit und über die Atelierräume in Goxwiller wird gezeigt. Ein Katalog zur Ausstellung wird angeboten. Hélène de Beauvoir. Mit anderen Augen sehen 28. September 2025 verlängert bis 6. April 2026. Kunst- und Kulturstiftung, Opelvillen Rüsselsheim, Ludwig-Dörfler-Allee 9, 65428 Rüsselsheim. Mehr zur Ausstellung: https://www.opelvillen.de/de/

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Photos und Events Photos und Events Photos und Events
Info.