Dienstag, 14.07.2026 22:32 Uhr

Herrenchiemsee: Wenn die Fingerkuppe sehen lernt

Verantwortlicher Autor: Michael Fuchs Herrenchiemsee, 14.07.2026, 20:09 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 359x gelesen
Das Tastmodell der Herreninsel
Das Tastmodell der Herreninsel  Bild: Michael Fuchs

Herrenchiemsee [ENA] Ein neues Bronze‑Tastmodell auf der Herreninsel zeigt die Insel und seine Gebäude erstmals im Handformat. Doch ausgerechnet dieses Objekt, das man „begreifen“ soll, übersieht man leicht – und eröffnet damit eine überraschende Perspektive auf Ludwigs Schloss und seine Umgebung.

Standort des Tastmodells

Eigentlich war ich an diesem frühen Nachmittag nach Herrenchiemsee gekommen, um im König-Ludwig-Museum eine neue Ausstellung zu sehen: den einstigen Wintergarten auf der Münchner Residenz: jenen gläsernen Sehnsuchtsort Ludwigs II. Voller Erwartungen war ich angereist. Doch auf dem Rückweg zum Anleger wollte ich noch etwas anderes in Augenschein nehmen: das neue Bronze-Tastmodell der Herreninsel, von dem eine Pressemitteilung der Bayerischen Schlösserverwaltung berichtet hatte. Ein Modell, das die gesamte Insel mit Schloss und Park unter die Hände legt. Der Umweg schien sich zu lohnen. Nur: Ich fand es nicht.

Tor mit Anlegesteg

Erst im Museum, an der Auskunft, kam ich weiter – und die Szene war bezeichnend. Auch der Mitarbeiter hatte das Modell gerade erst entdeckt und zeigte mir stolz Fotos auf seinem Mobiltelefon. So ließ sich der Standort rekonstruieren: bei den Schiffsanlegestellen, hinter dem hölzernen Tor, links auf dem Weg zu den Kassen. Dort, wo sich Gruppen sammeln, verschwindet es leicht hinter Menschen. So bin ich wohl schon bei meiner Ankunft daran vorbeigelaufen. Die Pointe: Ein Objekt, das man im Wortsinn begreifen soll und das ausdrücklich für alle da sein will, kann man erstaunlich leicht übersehen.

Was das Modell zeigt

Der Gegenstand selbst ist bemerkenswert: Das Bronze-Tastmodell zeigt die Herreninsel mit Neuem Schloss, Augustiner-Chorherrenstift, Nebengebäuden und Parkanlage. Geschaffen hat es der westfälische Künstler Felix Broerken; initiiert und finanziert wurde es vom Lions Club Chiemsee-Westufer, der rund 40.000 Euro Spenden einwarb. Am 4. Juli 2026 übergab der Club das Modell an die Schlösserverwaltung. Der Anlass hat Gewicht: Seit 2025 gehört das Neue Schloss zum seriellen UNESCO-Welterbe der „Königsschlösser Ludwig II.“. Das taktile Modell eröffnet blinden, sehbehinderten und sehenden Gästen einen neuen Zugang zu Maßstab und räumlichen Zusammenhängen.

Ludwigs Blick, mit den Händen gelesen

Hier wird die Sache über die Pressemeldung hinaus zur Ludwigiana: Kaum ein Bauherr hat so konsequent für das Sehen gebaut wie Ludwig II. Herrenchiemsee ist ein Versailles-Zitat, ein Schloss der Fernwirkung, der Spiegel und inszenierten Perspektiven, geschaffen von einem König, der gesehen werden wollte und sich zugleich entzog. Nun wird dieses Denkmal des Blicks auf Handgröße verkleinert und jenen zugänglich, die es nicht sehen können. Die Fingerkuppe ersetzt das Auge, die Kontur den Prunk. Was als überwältigendes Schauspiel gedacht war, lässt sich nun Dach für Dach, Weg für Weg ertasten – ein Beweis, dass Begreifen mehr ist als eine Metapher.

Eine kurze Geschichte des Tastens

Tastmodelle stehen in einer langen Tradition. Reliefs und topografische Modelle gibt es seit Jahrhunderten; anfangs dienten sie Planung, Militär und Repräsentation, nicht der Vermittlung. Systematisch als Lehrmittel für blinde Menschen begegnen taktile Karten und Diagramme seit dem 19. Jahrhundert, parallel zur Gründung der Blindenschulen und zur Verbreitung der Brailleschrift. Als bewusst gestaltetes Element der Barrierefreiheit in Museen und im öffentlichen Raum setzte sich das Tastmodell aber erst seit den 1970er- und 1980er-Jahren durch. Moderne Fertigung – CNC-Fräsen, 3D-Druck, digitale Vermessung – hat diese Arbeit seither präziser und professioneller gemacht.

Das etwas grob wirkende Schloss ist im Modell gut zu ertasten

Das Handwerk dahinter ist anspruchsvoller, als es aussieht. Ein gutes Tastmodell ist kein verkleinertes Foto, sondern eine bewusste Übersetzung: Wege, Gebäude, Wasser und Grün müssen in wenigen, mit den Fingern klar unterscheidbaren Formen erscheinen. Erhabene Linien brauchen etwa ein bis zwei Millimeter Höhe und ausreichend Abstand, sonst verschmelzen sie unter der Berührung. Auch Maßstab, Beschriftung und Material entscheiden über Verständlichkeit. Bronze bietet dafür Vorzüge: Sie ist robust, witterungsfest und vandalismusresistent; sie hat ihren Preis, altert würdevoll, nimmt aber die Umgebungstemperatur stark an – im Winter eiskalt, im Sommer sehr heiß.

Legende am Tastmodell

Richtig gemacht, leisten solche Modelle Erstaunliches: Sie geben in Sekunden einen Überblick, ein „Gesamtbild“ der Lagebeziehungen, das über Sprache allein kaum zu vermitteln ist. Sie machen Form, Volumen und Proportion erfahrbar und schaffen einen gemeinsamen Ankerpunkt, an dem sehende und nicht sehende Gäste zugleich stehen können. Ihre Grenzen liegen ebenso offen. Zu viele Details werden taktil zu Rauschen; ohne klare Legende – Braille, Reliefschrift, kontrastreiche Beschriftung – bleibt vieles unverständlich. Und der Nutzwert hängt entscheidend am Standort: an einer Position, die man erreicht, an Freiraum für die Hände, an einer klaren „Du bist hier“-Orientierung zur realen Blickrichtung.

Das Modell in kompletter Ansicht

Genau an diesem letzten Punkt schließt sich der Kreis zu meinem verpatzten ersten Anlauf. Ein Modell, das Orientierung stiften soll, sollte selbst nicht erst gesucht werden müssen. Dass sowohl ich als auch der Museumsmitarbeiter es zunächst übersahen, ist kein Zufall, sondern eine Standortfrage: hinter dem Tor, seitlich, im Strom der Gruppen. Ein deutlicher Hinweis, eine ruhigere Platzierung, ein Fingerzeig schon am Anleger … und aus einem gut gemeinten Angebot würde ein wirklich zugängliches.

Das schmälert die Leistung nicht. Es ist ein schönes, kluges Objekt an einem großen Ort. Aber vielleicht ist gerade das die passendste Ludwigiana-Volte: Ein König, der alles auf den ersten Blick angelegt hat, bekommt ein Denkmal, das man erst auf den zweiten findet und dann mit den Händen liest.

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