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„Gemütlich, poetisch und auch ein bisserl chaotisch“

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 28.04.2019, 15:29 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 10242x gelesen

Salzburg [ENA] Wir befinden uns im Jahre 1968 nach Christus. Ganz Europa wird von Demonstrationen und Unruhen heimgesucht... Ganz Europa? Nein! Eine von unbeugsamen Ureinwohnern bevölkerte und schier unwegsame Region hört nicht auf, den eindringenden Unruhestiftern Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die Eingeborenen, die in den befestigten Lagern Vindobona, Lentia, Juvavum und Brigantium leben…

In ein paar Jahren wird der Pontifex Maximus dieses kleine alpine Land im Herzen des Kontinents sogar als eine Insel der Seligen bezeichnen. So friedlich und behaglich lässt es sich in dem kleinen Österreich anscheinend leben… Und trotzdem: Auch dortzulande spürt man die drohenden Gewitterwolken, die sich mit Macht auftürmen: Politische Systeme beginnen zu wackeln, die Gesellschaft stellt gewohnte Regeln und Rituale in Frage und nicht wenige Künstler provozieren mit verstörenden Aktionen und ungewohnter Performance. Ja, dürfen’s denn das überhaupt?

Aber der Reihe nach: Seit April 1966 regiert die konservativ-bürgerliche ÖVP unter Bundeskanzler Klaus mit absoluter Mehrheit – und zum ersten Mal mit einer Frau im Kabinett: Grete Rohrer ist Sozialministerin. Ein Hauch der großen, weiten Welt ist auch zu spüren: Die UNIDO (United Nations Industrial Development Organisation) schlägt ihr Hauptquartier in Wien auf. Seit 1967 sitzt der umtriebige Gerd Bacher im Chefsessel des ORF und forciert eine das Programm betreffende, technische und organisatorische Reform des Rundfunks. Gegen allzu seichte deutsche Schlager wird ein „Schnulzenerlass“ ausgesprochen und auch das Farbfernsehen soll ehest möglich kommen…

Allein, in diesem idyllischen und etwas beschaulichen Land sind (durchaus auch) schon unangenehme Dinge passiert. Im Jahre 1965 zum Beispiel revoltierten die Studenten! Taras Borodajkewycz lehrte als Professor für Sozialgeschichte an der Wiener Hochschule für Welthandel. Seine antisemitischen Äußerungen stießen einigen Studenten bitter auf, zwei aufmüpfige Kommilitonen, Ferdinand Lacina und Heinz Fischer, veröffentlichten des Professors skandalöse Äußerungen. Bei einer Demonstration gegen den umstrittenen Hochschullehrer kam es schließlich zu einer Rauferei:

Direkt vor dem weltbekannten Hotel „Sacher“ eskalierte der Streit, der Burschenschaftler Günther Kümel attackierte den Kommunisten Ernst Kirchweger, wobei letzterer so unglücklich auf die Gehsteigkante stürzte, dass er kurz darauf starb. Der erste politische Tote in der Zweiten Republik war zu beklagen! Anfang Februar 1968 gelingt es der wackeren Wiener Polizei gerade noch einen Sitzstreik vor der Wiener Staatsoper zu verhindern; dass während des Opernballs tausende Flugblätter aufs Parkett flattern, auf denen gegen den Krieg der USA in Vietnam protestiert wird, können die tüchtigen Ordnungshüter freilich nicht abwenden.

Das offizielle Österreich hingegen feiert: beispielsweise den einmillionsten Fernsehanschluss! Die beliebtesten Sendungen sind Vico Torrianis „Der goldene Schuss“ und Hans Joachim Kulenkampffs „Einer wird gewinnen“. Neue Musiktheater, so genannte Musicals, erobern die Bundeshauptstadt: Am Theater an der Wien wird „Der Mann von La Mancha“ und „Can Can“, in der Volksoper „West Side Story“ gegeben, lauter deutsche Erstaufführungen – versteht sich. Wien tanzt also immer noch… Aber dann kommt es dick! Im Burgtheater wird am 3. März „Der Befehl“, ein Drama von Fritz Hochwälder über die Auseinandersetzung Österreichs mit dem Nationalsozialismus, uraufgeführt. Heftige Diskussionen über die Sinnhaftigkeit einer Vergangenheitsbewältigung setzen ein.

Nur einen Tag später sorgt Thomas Bernhard bei der Verleihung zum „Kleinen Österreichischen Literaturpreis“ für den nächsten Eklat. Seine kritische Rede veranlasst den damaligen Unterrichtsminister Theodor Piffl-Perčević mit den Worten „Wir sind trotzdem stolze Österreicher“ fluchtartig den Saal zu verlassen. Ein Jahr nach dem legendären „Zock-Fest“, einer Veranstaltung der Wiener Avantgarde-Kunstszene, im „Gasthaus zum Grünen Tor“ in der Wiener Lerchenfelder Straße, bei dem Otto Mühl eine Kücheneinrichtung destruiert, Hermann Nitsch sich als blutrünstiger „Schlächter“ eines Lamms gefällt und Christian Ludwig Attersee mit einer raumfüllenden Installation experimentiert, bewerfen sich die anwesenden Studenten mit Semmelknödeln...

Wahrlich unschöne Szenen für die herbeigerufenen und völlig konsternierten Ordnungshüter! Auch das traditionelle Fest zum 1. Mai gerät für den Veranstalter, die Wiener SPÖ, zur Farce: Linke Studenten wollen sich nicht mit Folklore, Blasmusik sowie heißen Würsteln und Bier abspeisen lassen. Erst als am Rathausplatz massive Polizeieinheiten auftauchen und ungewöhnlich rücksichtslos auf die Studenten einschlagen, ziehen die „Randalierer“ und „Gfraster“ ab. Doch – es kommt noch schlimmer! Am 7. Juni wird im Hörsaal 1 des neuen Institutsgebäudes der Universität Wien ein „Happening“ bzw. ein „Teach-In“ veranstaltet: Die Sozialistische Studentenverbindung (SÖS) lädt zum Vortrag „Kunst und Revolution“.

Was dann passiert, lässt einem Österreicher die Schamesröte ins Gesicht steigen: Günter Brus stellt sich nackt auf ein Pult, schneidet sich mit einer Rasierklinge in Brust und Bein, trinkt seinen Urin, beschmiert sich mit seinem eigenen Kot, erbricht und onaniert, während er die Bundeshymne intoniert. Peter Weibel hält eine frevelhafte Rede gegen Finanzminister Stephan Koren, Otto Mühl peitscht einen Mitakteur aus und Oswald Wiener spielt einen verschrobenen Professor. Michael Jeannée, ein junger Klatschreporter des „Express“, spricht von einem „Fäkalfest der Sex-Kommunisten“ – er weiß auch schon, dass „die Polizei hinter ihnen her“ sei.

Der meistbeauftragte Gerichtspsychiater Österreichs, Dr. Heinrich Gross, wird ermächtigt, die Aktionisten medizinisch zu begutachten. Gross war in der Nazizeit an der Wiener „Euthanasie“-Klinik „Am Spiegelgrund“ tätig, wo er behinderte Kinder für Forschungszwecke missbrauchte und auch an ihrer Ermordung beteiligt war. Der Boulevard tobt, die Volksseele kocht, schließlich werden die „Staatsschädlinge“ vor Gericht gestellt: Wiener wird frei gesprochen, Mühl und Brus rechtskräftig verurteilt, wobei letzterer nach Berlin ins Exil flüchtet. Valie Export, die nur wegen ihres Kindes nicht an der „Uni-Ferkelei“ teilgenommen hat, stellt (mit Weibel) ihr „Tapp- und Tastkino“ vor, den „ersten wirklichen Film von und mit einer und über eine Frau“.

Die Aktion ruft naturgemäß heftige Tumulte hervor, die Öffentlichkeit ist ob der Obszönität der Handlung und der Künstlerin entsetzt. Zu guter Letzt veröffentlicht Ernst Jandl noch eine Platte mit völlig unverständlichen Gedichten („Laut und Luise“). Die spinnen, die Österreicher! Und sonst? Der Bikini ist in Vorarlberg immer noch verboten. Grünweiße Kämpfer aus Hütteldorf werden zum gefühlten 100sten mal Sieger im alljährlichen Männerballspiel. Der „steirische herbst“ ist zum ersten Mal mehr als eine Jahreszeit und Helmut Qualtinger, seit dem „Herrn Karl“ nicht nur beliebt im eigenen Land, spielt in den „Geschichten aus dem Wienerwald“ am Volkstheater den „Zauberkönig“. Fesch, sehr fesch.

Sommer 1968: Die tapferen Einwohner Österreichs trotzen den heimtückischen Gefahren, die rund um das kleine Land lauern. Sie feiern auf Bierbänken, gleich hinter ihren schmucken Häuschen und singen „Tu felix Austria...!“ Zu essen gibt es (wie üblich) Backhenderl und Schweinsbraten, dazu Gerstensaft und vergorenen Traubensaft aus der Austro-Magnum-Flasche: G’spritzter gut, alles gut! --- Alle feiern? Nein, ein paar Künstler dürfen an dem Fest nicht teilnehmen… (Anmerkung: Anfängliches Zitat „Gemütlich, poetisch und auch ein bisserl chaotisch“ stammt von dem Autor und Regisseur Robert Schindel.)

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