Sonntag, 17.05.2026 23:09 Uhr

Eldorado in Erkner: Eine Exkursion zum anderen Ufer

Verantwortlicher Autor: Michael Fuchs Erkner, 17.05.2026, 20:56 Uhr
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Marc Lippuner zeigt eine Kopie der Titelseite "Der Eigene"
Marc Lippuner zeigt eine Kopie der Titelseite "Der Eigene"  Bild: Michael Fuchs

Erkner [ENA] Marc Lippuner führte in Erkner durch 150 Jahre queere Berliner Geschichte: von §175 über Magnus Hirschfeld über die Clubszene der Weimarer Zeit bis in die 1990er Jahre. Seine Lesung zu „Eldorado Berlin“ wurde vor kleinem, offenem Publikum zur lebendigen Exkursion an das „andere Ufer“.

Über der Tür des legendären Berliner Lokals Eldorado stand ein Satz, der schlicht klang und doch ein ganzes Lebensgefühl zusammenfasste: „Hier ist es richtig.“ Marc Lippuner zeigte dieses Motiv bei seiner Lesung in Erkner nicht als bloße nostalgische Reklame, sondern als Schlüssel zu einer Stadtgeschichte, in der Sichtbarkeit, Versteck, Sehnsucht und Gefahr eng beieinanderlagen. In der Motzstraße, erzählte er, sei das Eldorado ein Ort gewesen, an dem „alle“ verkehrten – Magnus Hirschfeld, Klaus Mann, Marlene Dietrich, Weltstars, Touristen, Neugierige und jene, für die solche Orte Schutzräume waren.

Der Abend fand in der Geschäftsstelle des Gerhart-Hauptmann-Museums in der Friedrichstraße in Erkner statt. Das Publikum war klein, aber sichtbar interessiert: geschichtsaffine Bürgerinnen und Bürger, die den Faden nicht nur aufnahmen, sondern ihn in der anschließenden Fragerunde weiterzogen. Lippuner selbst trat unprätentiös auf: kenntnisreich, zugänglich, mit der Fähigkeit, juristische, literarische und kulturgeschichtliche Linien so zu verbinden, dass daraus keine Vorlesung, sondern eine erzählte Zeitreise wurde.

Eine Anthologie als Stadtplan

Lippuner, Germanist, Historiker, Kulturmanager, seit 2017 Leiter des Kulturzentrums WABE in Prenzlauer Berg und seit 2021 Mitgesellschafter des Querverlags, stellte in Erkner die von ihm herausgegebene Anthologie „Eldorado Berlin. Exkursionen zum anderen Ufer“ vor. Er verortete den Band in der Reihe „Berlin im Querschnitt“ des Siebenhaar Verlags. Seine Auswahl folgte dabei einem klaren Prinzip: Nicht jeder Text eines Autors mit Berlin-Bezug genügte. Berlin musste in den Texten atmosphärisch vorkommen. Moderne historische Romane und retrospektive Sachbücher ließ er bewusst außen vor.

Diese Entscheidung gibt dem Band sein Profil. Er ist keine geschlossene Chronik, sondern eine Folge literarisch-publizistischer Stationen: Romane, Zeitschriftenbeiträge, Ratgebertexte, Bilddokumente. Lippuner beschrieb die Arbeit daran als Auswahl unter Fülle: 240 Seiten umfasst das Buch, mehr wäre möglich gewesen. Doch gerade die Begrenzung zwang ihn zur Dramaturgie.

Der lange Schatten des §175

Als historischen Rahmen wählte Lippuner den Paragrafen 175, der 1871 eingeführt wurde und sexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisierte. Er blieb bis 1994 ein rechtlicher Bezugspunkt von Verfolgung, Stigmatisierung und gesellschaftlicher Ächtung. Zugleich erinnerte Lippuner daran, dass auch die Begriffe „Homosexualität“ und „Heterosexualität“ erst in den 1860er Jahren geprägt wurden. Was heute selbstverständlich wirkt, ist historisch also vergleichsweise jung.

Besonders eindrucksvoll war der Rückgriff auf Adolf Wilbrandts Roman „Fridolins heimliche Ehe“ von 1875. Lippuner las eine Passage, in der Geschlecht und Begehren nicht als starre Gegensätze, sondern als Spektrum beschrieben werden. Der Vortragende deutete diesen Text als erstaunlich modern: Wilbrandt stelle das binäre Modell nicht grundsätzlich infrage, lasse aber erkennen, dass in jedem Menschen „ein bisschen was von allem“ stecken könne. Daraus zog Lippuner eine Linie zu Magnus Hirschfelds späteren Konzepten der „sexuellen Zwischenstufen“.

Ein Satz aus Wilbrandts Gedankenwelt blieb dabei besonders haften: „Vom männlichsten Mann bis zum weiblichsten Weib [fehlt] keine Schattierung, keine Möglichkeit.“ Für einen Text aus dem Kaiserreich ist das mehr als eine literarische Kuriosität. Lippuner machte daran deutlich, wie früh Literatur Denkfiguren entwarf, die heutige Debatten über Identität, Geschlecht und Begehren berühren. Wilbrandt spricht noch aus einer anderen Zeit und bleibt im binären Modell von Mann und Frau. Doch die Vorstellung fließender Übergänge verweist bereits auf spätere sexualwissenschaftliche und gesellschaftliche Auseinandersetzungen.

Berlin als Eldorado – und als Risiko

Der Titel „Eldorado“ ist bei Lippuner kein Zufall. Er nannte ihn das „Zauberwort schlechthin“. In Berlin trugen mehrere Lokale diesen Namen – unter anderem in der Kantstraße, später in der Lutherstraße und der Motzstraße. Nach 1945 wurde daran angeknüpft, 1984 griff eine Ausstellung im Berlin Museum den Namen auf, 1985 bis 1991 spielte die erste schwul-lesbische Radiosendung Berlins mit dem Titel „Eldoradio“.

Titelbild des Buchs: Eldorado Berlin - Exkursionen zum anderen Ufer

Doch die Berliner Freiheit war nie ungebrochen. Lippuner zeigte, wie Sichtbarkeit und Gefährdung einander begleiteten. Die Weimarer Republik brachte Clubs, Zeitschriften, Lieder und Filme hervor – aber auch Schaulust, Denunziation, soziale Risiken. Das Schöneberger Lokal „Anderes Ufer“, Anfang der 1970er Jahre eröffnet, markierte deshalb einen Einschnitt: keine Türklingel, keine verhängten Scheiben, sondern offene Fenster. Sichtbarkeit wurde hier selbst zur Aussage.

Filme, Lieder, Lokale

Die Weimarer Jahre erschienen in Lippuners Vortrag nicht als glatte Befreiungsgeschichte. Er sprach über „Anders als die Anderen“ von 1919/1920, Hirschfelds Plädoyer zur Entkriminalisierung und das „Lila Lied“ mit der Zeile: „Wir sind nun einmal anders als die anderen.“ Zugleich führte er in Milieus, in denen Clubszene, Prostitution und soziale Not eng verbunden waren: Kaiserpassage, Friedrichstraße, Tauentzien, Zoo. Aus Ernst Haffners „Blutsbrüder“ wurde ein nächtliches Berlin sichtbar, während Erich Kästners „Ragout fin de siècle“ Spott und Schärfe einbrachte. Dessen Zeile „Bloß weil ihr hintenrum verkehrt, seid ihr noch nicht Genies“ zeigt: Auch der literarische Blick war nicht automatisch solidarisch.

Lesbische Öffentlichkeit und Schutzräume

Lippuner widmete sich auch der lesbischen Öffentlichkeit der 1920er Jahre. Die Zeitschrift „Die Freundin“, erstmals 1924 erschienen und am 9. März 1933 eingestellt, wurde als Treffpunkt, Informationsquelle und Projektionsfläche sichtbar – zugleich bedroht durch Zensur, Geldnot und Kampagnen gegen angeblichen „Schmutz und Schund“. Besonders aufschlussreich war ein Text, der vor Lokalen warnte, in denen queere Menschen zum Schauobjekt neugieriger Gäste wurden. Wer dort gesehen wurde, konnte beruflich oder gesellschaftlich Schaden nehmen. So zeigte Lippuner: Auch wo der Strafparagraf vor allem Männer traf, blieben Frauen nicht frei von Sanktionen. Lesbisches Leben war weniger direkt kriminalisiert, aber sozial hoch verletzlich.

Verfolgung, Schweigen, neue Aufbrüche

Der Vortrag zog den Bogen von der Eulenburg-Affäre und der politischen Instrumentalisierung von Homosexualität über die Verschärfung des §175 im Faschismus bis zur Zerstörung von Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft 1933. Auch individuelle Zeugnisse aus der NS-Zeit kamen zur Sprache. Für die Nachkriegszeit zeichnete Lippuner kein einfaches Ost-West-Schema: In der DDR habe es lange ein „großes Schweigen“ gegeben, zugleich aber Alltagsräume und spätere Aktivismusformen wie HIB, Sonntagsclub und Charlotte von Mahlsdorfs Gründerzeitmuseum. In Westberlin standen Rosa von Praunheims Film, HAW, lesbische Bewegung, Aids-Krise und „Coming Out“ für neue Sichtbarkeit.

Erkner hört mit

Dass diese Lesung gerade in Erkner stattfand, blieb nicht äußerlich. In der Fragerunde wurden regionale Bezüge aufgenommen: Friedrichshagen, Erkner, Rüdersdorf. Zur Sprache kamen Aufführungen und Diskussionen zu Sexualaufklärungsfilmen, etwa „Anders als die Anderen“ im Union-Kino Friedrichshagen 1920, außerdem lokale Biografien zweier lesbischer Frauen in Rüdersdorf und ein Wandervogel-Bezug zu Walter Fischer in Erkner. So wurde aus der Berliner Geschichte am Ende auch eine Geschichte des Umlands. Nicht als Provinzanhang, sondern als Hinweis darauf, dass queere Geschichte nicht nur in bekannten Szenevierteln stattfand. Sie steckt auch in Kinos, Vereinen, Nachlässen, Erinnerungen und lokalen Leerstellen.

"Eldorado Berlin" in Stichpunkten

Am Ende blieb der Eindruck eines Abends, der seine Stärke nicht aus großen Gesten bezog, sondern aus Genauigkeit. Lippuner erzählte queere Geschichte nicht als glatte Fortschrittserzählung. Er zeigte Brüche, Widersprüche, Pathologisierung, Verfolgung, Mut, Kommerzialisierung, Eitelkeit, Angst und Aufbruch. Auch die Gegenwart kam zur Sprache: Identitätspolitik, Sprachwandel, Pronomen, Generationenunterschiede – verbunden mit einem Plädoyer für Gelassenheit und Respekt.

Damit schloss sich die Klammer zum alten Eldorado-Schild. „Hier ist es richtig“ war nie nur ein Werbespruch. Es war eine Behauptung gegen eine Gesellschaft, die vielen Menschen lange sagte, sie seien falsch. In Erkner wurde an diesem Abend deutlich: Wer solche Geschichte liest, hört nicht nur von vergangenen Orten. Er versteht besser, warum Sichtbarkeit bis heute keine Nebensache ist.

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