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Ein Kaiser, ein Schloss und ein weltbekanntes Lied

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 06.10.2019, 12:40 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 1731x gelesen

Salzburg [ENA] Den Menschen in Grignano muss sich ein makabres Bild geboten haben: Unter den Klängen des Liedes „La Paloma“ legt die k.k Fregatte „SMS Novara“ im Herbst 1867 vor dem Schloss Miramare an. Der in der Uniform des Vizeadmirals gekleidete Wilhelm von Tegetthoff steht mit ernster Miene auf der Brücke, während die Soldaten den Sarg mit dem einbalsamierten Leichnam von Erzherzog Ferdinand Maximilian an Land bringen.

Das von der Kapelle gespielte Lied mochte Maximilian sehr gerne, er hörte es zum ersten Mal als Kaiser von Mexiko, in dem Land, das ihn – entgegen seiner Hoffnung – nie als Herrscher akzeptierte. Seit nunmehr 150 Jahren lassen sich Urlauber vom dem auf einer Klippe gebauten Schloss Miramare mit dem aufwendig gestalteten Garten in der Bucht von Triest verzaubern. Neugotische Elemente und an das Mittelalter erinnernde Rundbögen am Kastell gefallen genauso wie die vielen exotischen Pflanzen und Bäume in der weitläufigen botanischen Anlage.

Erzherzog Ferdinand Maximilian, der jüngere Bruder Kaiser Franz Josefs, ließ es zwischen 1856 und 1860 für sich und seine Frau, Charlotte von Belgien, erbauen. Nicht von ungefähr wählte der an Fernreisen und Seefahrt interessierte Habsburger diesen Platz aus – von dort hatte er eine großartige Aussicht auf das Meer. Der in vielen Sprachen erzogene Ferdinand Maximilian erfreute sich bei der Bevölkerung einer großen Beliebtheit, sein Charme und das Interesse an fremden Kulturen war für das einfache Volk erfrischend. Im jugendlichen Alter von 22 Jahren wurde er zum Kommandanten der k.k. Kriegsmarine ernannt (1854), drei Jahre später zum Generalgouverneur von Lombardei-Venetien.

Nach der Niederlage bei Solferino (1859) flüchtete das frisch vermählte Paar in das noch nicht fertig gestellte Schloss an der Adria – es sollte nicht von langer Dauer sein. Der französische Kaiser Napoleon III. „überredete“ den österreichischen Erzherzog, dem ja die österreichische Thronfolge verwehrt war, die mexikanische Kaiserkrone anzunehmen, wobei Ferdinand Maximilian als aufgeklärter Staatsmann als Bedingung dafür die ausdrückliche Unter-stützung des mexikanischen Volkes einforderte. Ein diesbezüglich manipulierter und schnell herbeigeschaffter Volksentscheid machte den Erzherzog nicht stutzig – möglicherweise träumte er aber auch davon, aus dem mittelamerikanischen Land einen modernen liberalen Staat zu machen.

In Mexiko angekommen war von der angeblichen Begeisterung für den neuen Herrscher freilich nichts zu spüren, überdies bemerkte er, dass alle Nachbarstaaten den von den Franzosen abgesetzten Präsidenten Benito Juárez unterstützten. Falsche Personalentscheidungen, der Umstand, dass er die Anhänger von Juárez verfolgen und liquidieren ließ und sich ändernde Machtverhältnisse in der Neuen Welt – die Franzosen mussten ihre amerikanischen Kolonien verlassen – waren wohl der Grund für die Flucht des neuen Kaisers in die kleine Provinzstadt Querétaro. Durch Verrat fiel auch diese Zufluchtsstätte, wobei Kaiser Maximilian die ihm angebotene Gelegenheit zu fliehen ausschlug.

Von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt, wurde der glücklose Monarch zusammen mit zwei Generälen am 19. Juni 1867 standrechtlich erschossen. Rückblende: Drei Jahre zuvor trug die angesehene mexikanische Sängerin Concha Mendez im Rahmen einer Aufführung im „Teatro Nacional de Mexiko“ ein Lied von der Taube („La Paloma“) vor – verbürgt ist, dass im Publikum der neue Kaiser saß. Diesem gefiel die eingängige Melodie offenbar so gut, dass es zu seinem Lieblingslied wurde. Mit Sebastián de Yradier (1809-1865) hat dieses Werk mit dem betörenden Habanera-Rhythmus und den triolischen Tonfolgen in der Gesangslinie sogar einen Komponisten und Autor.

Der Baske Yradier, ursprünglich ein Kirchenorganist, beschrieb mit der Taube die Sehnsucht nach einer Zusammenkunft der Verliebten, die Weite des Meeres oder Einflüsse aus der mexikanischen Volkskultur sucht man in dem Werk vergeblich. Erst der französische Opernsänger Joseph Tagliafico hauchte dem ursprünglichen Liebeslied durch einen neuen französischen Text eine große Portion Seemannsromantik ein (1866). Schließlich ging das Lied auf eine weite Reise: Hans Albers, der große deutsche Volksschauspieler von der Alster, hat das Lied schließlich in Europa berühmt gemacht.

Nachdem der Farbfilm „Große Freiheit Nr.7“ (1944), eigentlich als Hommage an die deutsche Marine gedacht, aber eine eher düstere Atmosphäre ausstrahlt und sich in dem Lied „La Paloma“ sogar eine irritierende Textzeile „Auf, Matrosen, ohé, einmal muss es vorbei sein …“ findet, tat sich Goebbels mit der Unterstützung schwer. Die NS-Propaganda konnte die Filmaufführung aber nicht mehr absagen, verbot jedoch nach wenigen Wochen die weitere Ausstrahlung, da der Film als zu „schwermütig“ und „undeutsch“ empfunden wurde, Großadmiral Dönitz bezeichnete den Streifen gar als „wehrkraftzersetzend“.

Schon gar nicht sollte das auf Adolf Hitler und den Endsieg fokussierte deutsche Volk mit dem Schwur der Matrosen – „Seemanns Braut ist die See, und nur ihr kann er treu sein“ – konfrontiert werden. In den 1960er Jahren interpretierte niemand Geringerer als Elvis Presley den Hit: Im Film „Blue Hawaii“ (1961) – der Rock’n’Roll Star spielt darin einen eben aus dem Militärdienst zurück-kommenden, singenden hawaiianischen Reiseführer – stimmt für seine Freunde ein Willkommenslied namens „No more“ an – ein musikalisches Mitbringsel, ausgerechnet aus Neapel.

Zur selben Zeit nahm auch Freddy Quinn, der alte Seebär aus Wien, das Lied auf. Mit seinem markanten Bariton und dem kitschig-sentimentalen Text hielt sich das „spanische Seemannslied“ in Deutschland für immerhin 28 Wochen auf Platz 1 (1961) – es war damit sogar erfolgreicher als „Junge, komm bald wieder“. Eher stilgerecht verwendet wurde das Lied in Form einer Schallplattenaufnahme (gesungen von Rosita Serrano, der „chilenischen Nachtigall“) im packenden Kriegsfilm „Das Boot“ (1981, zweimal im Director’s Cut), wobei die Musik vom schäbigen Plattenspieler in der beklemmenden und spannungs¬geladenen Atmosphäre des U-Bootes einen eigentümlichen Kontrast hervorruft.

Dass 2003 die BILD-Zeitung und der ARD den Titel „La Paloma“ zum Hit des Jahrhunderts (!) krönten, soll nicht unerwähnt bleiben. Welche Kriterien für diese Auszeichnung herangezogen wurden oder ausschlaggebend waren, ist leider nicht überliefert. Wahrscheinlich mögen viele Menschen die einprägsame Melodie und den leicht exotischen Rhythmus, manch andere ergötzen sich an der Melancholie, einer endlosen Sehnsucht nach dem Meer und der weiten Welt, die in den verschiedenen Textfassungen von „La Paloma“ zu vernehmen sind.

Ganz bestimmt sind es die vielen Interpreten, ob es sich nun um Hans Albers, Fredy Quinn oder auch Laurel Aitken, das Glenn Miller Orchestra, Roy Black, Roberto Blanco, Karl Dall, Connie Francis, Heino, Heintje, Julio Iglesias, Curd Jürgens, Lolita, Helmut Lotti, Dean Martin, Nana Mouskouri, Bill Ramsey, James Last, die Fischer Chöre, Coco Schumann oder Caterina Valente, die Opernsänger Joseph Schmidt, Beniamino Gigli, René Kollo und Placido Domingo, oder sogar der große Jazzsaxophonist Charlie Parker (!) handelt – sie alle haben den Bekanntheitsgrad von „La Paloma“ entscheidend erhöht; eines Liedes, das die k.k Kriegsmarine seit dem ominösen Herbsttag 1867 für ewig aus dem Repertoire der österreichischen Militärkapellen gestrichen hat.

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