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Buch: Geister der Gegenwart von Wolfram Eilenberger

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 13.03.2026, 18:16 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 3998x gelesen
Fotomontage: Buch und Theodor-W.-Adorno-Platz der Goethe-Universität Frankfurt
Fotomontage: Buch und Theodor-W.-Adorno-Platz der Goethe-Universität Frankfurt  Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] Mit den Werken und Ideen von Theodor W. Adorno, Susan Sontag, Michel Foucault und Paul K. Feyerabend beschreibt der Autor die »Geister der Gegenwart» der westlichen Nachkriegszeit. Der Untertitel des Buches ist: Die letzten Jahre der Philosophie und der Beginn einer neuen Aufklärung 1948 – 1984.

Nachfolgend werden Auszüge aus der Ideenwelt der Philosophen, die alle im Sinne der Aufklärung unterwegs waren, vorgestellt. Adorno (1903 – 1969). Die philosophischen Manuskripte erschienen erst intern 1944, dann 1947 als „Dialektik der Aufklärung“. Adorno fragt: Was ist von der Humanisierung nach der Vernichtung in Auschwitz geblieben? Was bewirken neue Medien hinsichtlich von Propaganda und der Verführung der Massen? Was bringt der technische Fortschritt den Arbeitern? Antwort: neue Formen der Versklavung. Statt Frieden und Wohlstand, Krieg und Ausbeutung des Planeten. Er kommt zu dem Schluss, dass aufklärerisches Denken bereits den Keim des Rückschritts enthalte.

Adorno war1949 nach Deutschland zurückgekehrt, sowie Ernst Bloch, Ludwig Markuse und Thomas Mann. Für Adorno gab es „kein richtiges Leben im falschen“, so schrieb er in „Minima Moralis“. Er hielt bald Vorlesungen zum Thema transzendentale Dialektik, dabei bezog er sich auf Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Er warb dafür, im Zeichen der Vernunft auf eine öffnende Hoffnung zu setzen, statt auf überzogene Geltungsansprüche, die in der Realität nicht eintreten. Die Destruktion der Scheinsicherheit führt uns über die negative Dialektik in die Wirklichkeit. Die Nichtidentität von Sache und Begriff wird mittels der sozialkritischen Methode abgemildert und ggf. überwunden.

Die in den 30er Jahren begonnene Sozialforschung wurde wiederaufgenommen. Im Jahr 1951 wurde der Neubau des Instituts für Sozialforschung in der Senckenberger Landstrasse in Frankfurt am Main fertiggestellt. Adorna setzt Maßstäbe und mahnt: Wer vom Faschismus sprechen möchte, dürfe auch über den Liberalismus nicht schweigen. Der Mittelstand, der unkritisch in die Zukunft blickt und in erster Linie die Sicherung seines Wohlstandes im Auge hat, kann zu einer Gefahr werden. Seine Subjektphilosophie führt ihn ins 17. Jhd. und noch weiter zurück in die griechische Antike und auch zu Parmenides, der Begründer der Ontologie.

Susan Sontag (1933 – 2004). Sontag nähert sich 1964 in einem Aufsatz einer Definition von „Camp“ an. Camp ist ein Name für ein Lebensgefühl, eine neue Sensibilität der Intellektuellen in New Yorck. Eher unpolitisch, streben die Menschen ungeniert nach Erlebnissen, nach der Schönheit in Musik, Design, Architektur, Film und in der Photographie ohne Urteile zu fällen. Jenseits von Gut und Böse wurden in der Camp Bewegung neue Wertkategorien gefunden. „Nach einer neuen Erfahrung dessen, was es heißt, ein Mensch zu sein“ zu suchen, ist ein Leitmotiv für Susan Sontag. Das Ernsthafte in der Zeit, in der Geschichte, soll nicht nur ausschließlich, absolut sein, sondern alles kann spielerisch infrage gestellt werden.

Camp griff die fixen Rollenvorgaben an. Susan Sontag kannte nur die permanente Selbstaufklärung und schwankte zwischen Anziehung und Abneigung. Die sprachliche Nutzung des Begriffs „Camp“ wird im gewöhnlichen Gebrauch fortgesetzt. Eine Frau war „camp“, wenn sie häufige Affairen hatte und Verführungsmethoden anwendete. Camping, das Aufschlagen eines Zeltes, war nicht als Lager des Totalitarismus gemeint, ganz im Gegenteil, Camp bedeutete Freiheit. Susan Sontag war ein „Anti-Hero", mit 35 geschieden, alleinerziehend, bisexuell, aktiver Single. Pendelte zwischen Paris und New Yorck, hatte viele Liebschaften, lebte in Wellen von intensiven Schaffens- und Erholungsphasen, in denen sie neue Ideen entwickelte.

Camp steht für Objekte mit hoher Visualität und Dekorativität. Die Objekte sind kitschig, überspannt oder altmodisch. Ein trickhafter Umgang mit Geschlechteridentitäten reicht von Überbetonung von Männlichkeit oder Weiblichkeit, oftmals mit einer Neigung zur Homosexualität z.B. Dandyismus. Mit dem Abdruck eines Reviews im Time Magazin zu „Notes on 'Camp'“ gelang ihr 1964 der Durchbruch. Die Frage, ob Sensibilität eine dritte Geschmacksform darstelle und damit eine neue Pop-Ästhetik entstehe, beschäftigte die Intellektuellen in 60er Jahren.

Heute kennen wir den Begriff „queer“, was seltsam, sonderbar und leicht verrückt bedeutet. Queer steht auch für eine Infragestellung der traditionellen, konservativen Rollenverständnis von Geschlecht und Sexualität. Ähnlich wie Camp geht es um eine Neukonzipierung und Befreiung von normativen Auffassungen von Sexualität und Geschlecht. „Camp ist etwas, das Leute tun. Camp ist eine Art der Verführung, Gesten voller Zweideutigkeit, mit einer witzigen Bedeutung für Insider und einer anderen, eher unpersönlichen für Außenstehende.“ Susan Sontag, Notes on Camp 1964.

Michel Foucault (1926 – 1984). Er schloß mit dem Diplom in Psychologie ab und befasste sich intensiv mit der Geschichte des Wahnsinns. Er gab ihr die ärztliche, institutionelle und polizeiliche Perspektive. Die Objektivierung des Wahnsinns ist durch die positive Wissenschaft hervorgegangen. Foucault war für diese Arbeit qualifiziert: er hatte klinische Psychologie studiert, war in Behandlung wegen Suizidversuchs und bewegte sich in seiner Philosophie öfters am Rande des Wahnsinns, ging also eigene Wege, die außerhalb des Normativen lagen.

1966 kam das Werk „les mots et les choses“ deutscher Titel: „die Ordnung der Dinge“ heraus. Die Archäologie unseres Wissens zeigt uns, dass wir eine neuzeitliche Erfindung sind, die auch wieder verschwinden kann, wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. In den Diskussionszirkeln in Frankreich spielten die Existenzialisten Sarte und Camus eine große Rolle. Foucault läßt sich später in Tunesien nieder und unterrichtet an der Universität von Tunis Philosophie. Der Mensch als transzendentales Subjekt thematisiert Foucault auf Grundlage der unmittelbaren Erfahrungen der Studentenbewegung in Paris und des israelischen Sechstagekriegs in 1967.

Paul K. Feyerabend (1924 – 1994)) Er gehörte dem Wiener Kreis an und hielt intensive Kontakte zu dem Soziologen und Philosophen Hans Albert an der Universität Mannheim. An der Universität von Kalifornien hielt er Vorträge zur Wissenschaftstheorie. Er fühlte sich nicht wohl in Berkely und sprach von der „kulturellen Wüste“, die er dort erlebte. Im Jahre 1951 promovierte er mit „Zur Theorie der Basissätze“. Die rein wissenschaftliche Weltauffassung sei ein Mythos. Er verabschiedet sich von der Metaphysik von Lockes und Humes. Er fragt sich: wie progressiv bleiben, wenn die Wissenschaft sich in ihrem eigenen Gefüge bewegt. Verbesserungen entstehen erst, wenn die Spuren von Dogmatismus und Ideologie beseitigt sind.

Erkenntnistheorie hilft diese Spuren zu überwinden. Die Kopernikanische Wende (16. Jhd.) lässt kein Stein auf dem anderen. Ein neues System wird verstanden und etabliert sich. Es ist ein Paradigmenwechsel, vergleichbar mit den „Epistemen“ von Foucault in „der Ordnung der Dinge“. Alt und neu sind „inkommensurabel“. Feyerabend startete als Anhänger von Karl Popper, distanzierte sich aber in den 60er Jahren von dieser Denkrichtung. Sein bedeutendes Werk in dieser Zeit ist „Against Methods“ (1975). Der Titel lehnt sich an „Against Interpretation“ von Susan Sontag an.

Im „Namen der Vernunft“, wie Karl Popper es sagt, sei zu wenig. Das gäbe keine verlässliche Orientierung. Fehler machen sei erkenntnisfördernd. Hilfreich sei es, eine Theorie des Irrtums zu haben. Die Rolle der Kunst ist bedeutend. Sie befreit von Regeln und lässt Neues zu. Die ausgewählten Philosophen, die Wolfram Eilenberger in seinem Buch vorstellt, befassen sich alle mit der Philosophie der Aufklärung und der Philosophie der Befreiung. Gesucht wurden die Ausgänge aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit (Kant). Eilenberger schreibt auf Seite 447: „Abermalige Ausgänge aus solch selbstverschuldeter Unmündigkeit täten Not. Nur Mut!“. Das Buch beinhaltet ein umfassendes Werkregister aller Autoren*innen.

„Geister der Gegenwart: Die letzten Jahre der Philosophie und der Beginn einer neuen Aufklärung 1948 – 1984“ von Wolfram Eilenberger, 2024.

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