Mittwoch, 28.10.2026 19:55 Uhr

Ausstellung: Leonor Fini. Magisch Surreal

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 28.10.2026, 15:32 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 260x gelesen
Ausstellungsansicht
Ausstellungsansicht  Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] Leonor Fini erhält in der Schirn Kunsthalle eine eigne Ausstellung. Bereits vor vier Jahren hatte sich der Direktor der Schirn Kunsthalle Sebastian Baden diese Einzelausstellung vorgenommen. Nun nach einer intensiven Recherche und Vorbereitungszeit ist es vollbracht: Leonor Fini wird ausgestellt.

Gezeigt werden rund hundert Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Kostüme, Masken und Bücher. In einer Schaffenszeit von über siebzig Jahren gestaltete Leonor Fini (1907–1996) die Moderne im 20 Jahrhundert mit. Die ersten Bilder erschienen 1925 (z. B. Portrait de Triestin), das letzte Bild im Jahr 1995 (Somnabule IV). Anfänglich malte sie altmeisterlich Gemälde, später werden ihre Kunstwerke surrealistisch und mystisch. Sie arbeitete für das Theater, fertigte Kostüme und Masken an. Über ihr ganzes Künstlerleben hinweg malte sie zahlreiche Selbstportraits, in denen sie sich selbst kritisch und teilweise rätselhaft darstellt. Sie inszenierte sich in Löwengestalt, in katzenähnlichen Posen und in expressiven Kostümen.

Als Kind war sie ohne Vater großgeworden. Sie wurde als Junge verkleidet, da der Vater sie entführen wollte. Geboren in Argentinien, aufgewachsen in Triest, wählte sie ab 1933 Paris als ihren Lebensmittelpunkt. Sie war mit Max Ernst befreundet und fand in den frühen 30er Jahren Zugang zu den bekannten Surrealisten wie Salvador Dali, Man Ray, André Pieyre de Mandiargues, Dorothea Tanning u.a. Sie gehörte nicht der Gruppe der Surrealisten an. Sie wollte keine Anfängerin unter den dominanten Männern sein und erschuf selbstbewusst und unangepasst ihre eignen surrealistischen Bilder. Fini wurde in der legendären Ausstellung „Fantastic Art, Dada, Surrealism“ im MOMA New York, 1936 ausgestellt.

Frau sitzt auf einem nackten Mann, 1942
Die Nachdenkliche, 1954
Venus und Triton, Theaterkostüme für Tannhäuser, 1963

Die Bilder spiegeln ihre Sichtweise als Mensch, Frau und Künstlerin wider. Die Rollen der Geschlechter sind fließend, nicht scharf abgegrenzt. Sie selbst lebte in einer Dreiecksbeziehung. Sie kehrt die Geschlechterrollen um. In Bildern liegt der Mann untätig, passiv am Boden, während die Frau aufrechtstehend, die Richtung vorgibt. Dazu sagte Fini: “Meine gesamte Malerei ist eine beschwörende Autobiographie der Selbstbehauptung". Sie erschuf Wesen zwischen Mensch und Tier, hybride Wesen, die sogenannten Sphinxen. Frauen mit Löwenkörpern und Frauen mit Katzengesichtern sind beliebte Motive.

Finis Bilder sind reich an Symbolen und oft geheimnisvoll und mystisch. Das macht Fini zur Surrealistin und verleiht ihrer Kunst den Reiz. Das Exzentrische erzeugt Spannung, ist attraktiv und bleibt in Erinnerung. Ein weiteres großes Thema ist die Vergänglichkeit. Fini malte Menschen mit skelettähnlichen Körperteilen. Der Tod ist uns allen sicher. Fini hebt die Bedeutung des Endlichen in ihrer Kunst hervor. Fini begleitete die Modemacher der Zeit. Sie entwarf Kostüme u.a. für die Oper Tannhäuser von Richard Wagner. Fini trägt skurrilen Kopfschmuck aus Federn oder mit Hörnern. Das goldene Horn ist eine Art Kopfschmuck für selbstbewusste Personen mit einem stolzen Gang.

Masken, 1960
Objekt in Gold, Sujet en or, 1973
Ausstellungsansicht, rechts: Teile des Paravant, Vier Skelette, 1974

Die von Fini verwendeten Materialien mussten echt und hochwertig sein: reine Seide, roter Samtstoff, schwarzer Jersey mit holografischen Kunststoff-Schuppen an der Kleidung von Triton, dem Meeresgott, im Tannhäuser (1963). Fini überschritt Grenzen. Besonders den Rollenerwartungen an die Frauen widersetzte sie sich als Akt der Selbstbehauptung in rebellischer, ironischer, fantasievoller und geheimnisvoller Art. Finis Werk ist heute in der Welt des Mystischen wieder im Trend.

„Die kontinuierliche Befragung und Verwandlung ihrer Rolle als Frau und Künstlerin, Finis Rebellion und Unabhängigkeit, ihr virtuoser Malstil, ihre moderne Adaption klassischer Mythen und ihre Selbstinszenierung als Mode-Ikone erscheinen erstaunlich aktuell. Finis Bildwelten sind ohne den surrealistischen Kontext kaum denkbar, eine eindeutige Zuordnung zur Bewegung lehnte sie jedoch vehement ab.“ Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Ausstellung. Fini hatte einen sehr großen Freundeskreis. Dazu gehörte beispielsweise der Leica Fotograph Henri Cartier-Bresson. Fast jeden Sommer verbrachte Fini in den Ruinen des verlassenen Franziskanerklosters in Nonza, Korsika. Dort feierte sie am 30. August ihren Geburtstag mit ihren Freunden*innen.

Fini hatte schon sehr früh Zugang zu der umfassenden Bibliothek ihres Onkels. Sie las über Kunst, Literatur und Psychoanalyse. Ihre Lieblingsautoren waren: Balzac, Proust, Henry James, Georg Meredith, St. Simon (Henri de Saint-Simon), Jules Michelet u.a. Das Unbewusste und die Traumdeutung spielen in ihrem künstlerischen Schaffensprozess eine wesentliche Rolle. Fini stellte in ihren Bildern Bezüge zur Wiener Secession her. Sie bewunderte Egon Schiele, Gustav Glimt und Franz von Stuck und malte Bilder, die eine Ähnlichkeit zu den Werken dieser Künstler erkennen lassen. Sie ist die Rebellin.

Ihre freie, künstlerische Art zeigt sich in den Illustrationen zu dem Buch „Juliette“ von de Sade. Es sind erotische Zeichnungen ohne Tabu. Im Gegensatz dazu sind die vier Skelettbilder, der „Paravent, Metamorphosis, Quatre squelettes“ von 1974 eine gruselige Erscheinung. Im Brockhaus Moderne Kunst wird Leonor Fini wie folgt beschrieben: „Fini, Leonor, italienische Malerin und Grafikerin, …, Autodidaktin; übersiedelte 1933 nach Paris; ihre fantastischen Bilder, Grafiken. Buchillustrationen, Filmdekorationen, Bühnen- und Kostümentwürfe verbinden Jugendstilformen mit surrealistischen Elementen und zeigen eine Tendenz zum Dekorativ-Mondänen“.

Leonor Fini. Magisch Surreal vom 23. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt.

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