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Ausstellung „Klangquellen“ im Weltkulturen Museum

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 26.05.2024, 11:32 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 4695x gelesen
Musikinstrumente aus Indonesien
Musikinstrumente aus Indonesien  Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Klänge aus Ländern des Globalen Südens. Dabei werden ihre Funktion, Interpretation und Bedeutung erklärt. Klang und Musik sind universelle Dinge, die in allen Regionen der Welt existieren. Ab wann ist ein Geräusch Klang oder Musik?

Wir nehmen unterschiedliche Geräusche über den Hörsinn wahr. Was davon Musik ist, ist nicht festgelegt und wird von den Menschen sehr unterschiedlich gesehen. Der Unterschied zwischen Geräusche und Musik ist Bestandteil der Bedeutung der Assoziation von bestimmten Klängen, die über die Sozialisation und die kulturellen Einflüsse erlangt werden. Die Ausstellung führt uns in verschiedene Regionen der Erde. Der/die Besucher*in erhält einen Audioguide. An jedem Punkt der Ausstellung wird automatisch der Klang des ausgestellten Objektes auf den Kopfhörer des Audioguides eingespielt. Objekte sind z.B. Trommeln, Zupfinstrumente, Flöten, Kuhglocken oder Peitschen.

Die Schlitztrommel aus Neuguinea gleicht einem Boot und einem Krokodilkörper. Sie hat Verzierungen, die der Haut und dem Kopf des Krokodiles gleichen. Die Trommel wird zur Signalübermittlung und als Musikinstrument benutzt. Die Schlitztrommel aus Vanuatu im Südpazifik ist ein hölzernes, geschnitztes Objekt, das stehend angeschlagen wird. Sie stellt einen Ahnen dar, der zu uns spricht, wenn die Trommel einen Klang erzeugt. Zwei Videos haben mich besonders beeindruckt: Einmal der Fischer, der mit einer Rassel aus Kokkus-Nussschalen einen Hai anlockt. Der Hai hört den Klang der Rassel, der ähnlich dem Geräusch eines Fischschwarms ist, und nähert sich dem Kahn des Fischers.

Dieser wirft Köderstücke aus, um den Hai an die Oberfläche zu locken. Plötzlich ist der Hai sichtbar. Der Fischer wirft eine Schlinge aus, in dem sich der Hai verfängt. An der Schlinge ist ein großes Holzstück mit einem Seil befestigt. Der Fischer spannt das Seil, der Hai kann wegen des großen Holzstückes, das wie ein Propeller aussieht und auf der Oberfläche schwimmt, nicht mehr abtauchen. Der Fischer zieht das Seil an, der Hai ist jetzt dicht neben dem Kanu. Der Fischer nimmt einen Holzschläger, gleich einem Baseballschläger, und tötet den Hai mit mehreren kräftigen Schlägen. Er zieht den leblosen Hai in sein Boot. Dann nimmt er das große Schneckenhorn und bläst mit gepressten Lippen in das Schneckengehäuse.

Ein wunderbar reiner Klang gleitet über das Meer – dumpf, weittragend und andauernd. Das ist das Zeichen für die erfolgreiche Jagd. Seine Mitbewohner*innen nehmen den Klang vom Ufer aus wahr und hören die frohe Botschaft. Zum anderen hat mich das Video eines Musikinstrumentenbauers begeistert. Er zeigt uns die Grundelemente aus dem das Musikinstrument die „kadedek“ gebaut wird: Bambus, Flaschenkürbis und Bienenwachs. Ein Schneidewerkzeug, ein Messer mit längerem Stiel, wird eingesetzt. Die Kadedek ist eine Art Mundorgel, die zitternde und quäkende Töne hervorbringt. Sie wird in Indonesien gespielt.

Die Signaltrommeln aus Bambus stehen senkrecht in der Erde. Wenn ein Dorfbewohner*in ins Dorf zurückkehrt, schlägt sie die Trommel mit einem Stock an. Der Rhythmus verrät den Dorfbewohnern, was der Anlass der Rückkehr ist z.B. zurück vom Wasserholen. Gezeigt wird eine Frau, die auf dem Kopf ein Bündel Kochbambus trägt und bei ihrer Rückkehr die Schlitztrommel anschlägt. Die Aufnahme stammt von einer Frobenius Expedition im Jahre 1937 oder 1938 nach Westneuguinea und auf die Molukken. Um das Vieh zu orten, werden weltweit Glocken aus verschiedenen Materialien wie Bambus, Holz, Metall und Antilopenhorn an das Vieh befestigt. Bei Bewegung entstehen Klangbilder, die für die Viehbesitzer wichtige Signale liefern.

Der Frauentanz mit Kleidern, die mit Glöckchen versehen sind, hat für Indigene aus Amerika eine identitätsstiftende Wirkung. Sie verbinden Musik und Tanz mit einer heilenden Kraft. Die Pferdekopfgeige der Mongolei verweist auf die Bedeutung des Pferdes für die Mongolen. Die Musik gibt die Klänge der Natur der Steppe wieder und der Rhythmus ist oft dem Galopp des Pferdes nachempfunden. In zwei Hörraumen werden verschiedene Klanglandschaften akustisch übertragen. Tiergeräusche, Naturklänge, Straßenverkehr, technische Geräte, Gespräche und Gesang u.a. Die Übertragungen finden nacheinander statt. Der Raum ist abgeschirmt und abgedunkelt, so dass sich die Zuhörer*innen ganz auf die Töne konzentrieren können.

Klänge sind Historie. Wie klingt der Kaugummiautomat der 60er Jahre? Hier kann der Klang wiedergegeben werden durch Benutzen des Automaten. Viele historische Klänge sind allerdings verloren. Erst im 19. Jahrhundert gab es die ersten Tonaufzeichnungsgeräte wie z.B. die Wachswalze. Was die Ausstellung erreicht, ist, dass wir uns bewusster werden über die Geräusche und Klänge in unserem Lebensalltag und dass wir die Klänge anderer Lebensräume und die Klanginstrumente anderer Völker kennenlernen und ihre Bedeutung erfahren. https://www.weltkulturenmuseum.de/ Die Ausstellung „Klangquellen. Everything is music!“ ist bis zum 1.9.2024 in Frankfurt am Main zu sehen.

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