Dienstag, 24.11.2020 04:37 Uhr

Medientage München digital 2020

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 04.11.2020, 13:02 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 3859x gelesen
Dieser städteplanerisch etwas gewöhnungsbedürftige Platz war die Einstiegsseite der virtuellen Münchner Medientage
Dieser städteplanerisch etwas gewöhnungsbedürftige Platz war die Einstiegsseite der virtuellen Münchner Medientage  Bild: Veranstalter

München [ENA] Man hätte sich wundern können, daß es einer Pandemie bedurfte, damit die Münchner Medientage digital wurden, verhandelte man doch schon seit vielen Jahren die "digitale Transformation". Vielleicht wollte man sich nicht "virtuell" nennen, weil die Kongreßorganisation von VR noch weit entfernt ist.

Man hatte sich frühzeitig für einen Verzicht auf eine Präsenzveranstaltung entschieden und dann ausreichend Zeit, eine stabile und verständliche Architektur aufzubauen. Viele Entscheidungen erwiesen sich als vernünftig. Vor allem, das Programm auf eine volle Woche zu strecken und jeweils nur zwei Veranstaltungsreihen parallel zu führen, bescherte dem Teilnehmer ein entspanntes Medientageerlebnis. Allerdings ist man online vermutlich weniger aufnahmefähig, denn stundenlang auf einen Bildschirm zu starren und mit teilweise unzulänglichen Tonqualitäten zurecht kommen zu müssen, ist anstrengend. Die prompte Übergabe der Referate und Diskussionen in die Mediathek verbesserte erfreulich die Dispositionsfreiheit.

Die XR- Konferenz

Es gab freilich auch Schattenseiten. Die vom XR Hub Bavaria verantwortete XR-Konferenz, in der es hauptsächlich um Virtuelle Realität gehen sollte, führte ein unvorteilhaftes Eigenleben, war nur partiell den beiden Konferenzströmen zugeordnet, vielmehr unter "Expo" eingereiht. Die dortige Organisation ließ oft die nötige Professionalität vermissen, man war unpünktlich, kaprizierte sich auf ein eher albernes virtuelles Bühnenbild, tischte eine wunderliche Themenmischung auf und verfügte über keine Mediathek zur zeitversetzten Rezeption. Echtes VR, also ein stereoskopischer Videostrom, wurde bei keiner Gelegenheit geboten. Man blieb also im Trockenschwimmkurs stecken.

Zwar hatte man eine eigene XR Sky Arena gebaut, die zumindest mit der Maus und einigen Tasten eine Bewegung im virtuellen Raum ermöglichen sollte, doch hier waren die technischen Hürden so hoch, daß selbst eine neunminütige Videoanleitung auf Englisch nicht zum Erfolg führte. Die einschlägige, aber nur wahrscheinliche Fehlerquelle wurde auch benannt, aber flapsig mit dem Hinweis versehen, man möge sich vom Administrator einige Ports öffnen lassen. Die Fehlermeldung spezifizierte diese Ports jedoch nicht, und so blieb der Administrator, der man selbst war, vor einer Exkursion in die Tiefen des Betriebssystems und in die Höhen der VR-Welt bewahrt.

Diese in der Anleitung gezeigte VR-Welt war auf einfache geometrische Formen reduziert, die eigene Person zu einem Smiley vereinfacht, und die Interaktionsmöglichkeiten ließen zu wünschen übrig. Was einzelne Firmen als Stand zeigten, waren offenbar die 3-D-Entwürfe für den (dann nicht mehr benötigten) Messebauarchitekten. Der enorme technische Aufwand, bei den Arena-Designern wie beim Teilnehmer, nur, um dann beispielsweise eine DAB-Sendernetzkarte als PDF herunterladen zu können - das ist wohl wieder eine Lösung, die nach Problemen sucht (oder gleich als ihr eigenes Problem persistieren will).

Alte und neue Themen und Protagonisten

Das Themenangebot der eigentlichen Medientage war zwar noch wiedererkennbar, hatte sich aber doch merklich verschoben. Geblieben waren der zusammenhängende Eröffnungsblock, der TV-Gipfel, der Audio-Gipfel, der Sport-Gipfel, der Europa-Tag, aber alle etwas gestaucht, miniaturisiert. Dies war sicher auch Folge der Mediatisierung im wörtlichen Sinne, ein auch am Abbildungsort manchmal nur aus heterogenen Teilen zusammengesetztes Geschehen hinter der Glasscheibe eines Monitors betrachtet. Selbst der von Dunja Hayali im Studio befragte bayerische Ministerpräsident Dr. Markus Söder saß quasi nur im Wohnzimmer und plauderte über die Entscheidungsnöte von Politikern bei der Pandemiestrategie.

Auch die traditionellen Konfliktlinien im deutschen dualen System der Medien blieben schattenhaft, verblichen, spielten keine Rolle mehr. Auf dem Spielfeld geht es jetzt nur noch um lineares gegen nichtlineares und plattformbasiertes Fernsehen. Alle traditionellen Sender fürchten die Streaming-Konkurrenz - und versichern gleichzeitig selbstverständlich, daß sie 'gut aufgestellt' seien, um ihr erfolgreich zu begegnen. Daß in der Eröffnungsrunde neben Senderchefs und Intendanten zwei naturgemäß sehr jugendliche Tiktok-'Kreatoren' präsentiert wurden, weil sie als Inhalteanbieter eine große Zuschauerschaft an sich zu binden vermögen, zeigt die Verschiebung der Gewichte und Kriterien.

Selbst die ja keinesweg alte Moderatorin tat sich schwer, mit dieser Generation einen verständnisvollen Dialog zu führen. Eine ähnliche Konfrontation der Generationen widerfuhr Prof. Dr. Marcus Kleiner, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Sciences. der tags zuvor von einer sehr jungen Journalistin zu seiner Meinung über das Streaming-Phänomen befragt worden war. Kleiner wollte sich die Orientierung an klassischen Werten der Aufklärung und Selbstbestimmung nicht ausreden lassen und mokierte sich über das 'digital betreute Leben' der jungen Leute.

Mediale Souveränität - individuell und kulturell

Hier wurde die generationelle Spaltung der Gesellschaft deutlich spürbar, und auch, wenn man den Jugendlichen einen naturgemäßen Mangel an Erfahrung zur Last legen und ihre fälschlich gerühmte 'digitale Nativität' als 'digitale Naivität' entlarven müßte, hat Kleiner doch nur einen Teil der Wahrheit getroffen. Er beklagt die Degeneration des Mediennutzers durch die intransparenten Empfehlungsalgorithmen und die geschickte psychologische Konditionierung auf den sozialen Netzwerken zu einem manipulierten, passiven, neugierlosen Konsumenten.

Er blendet dabei aus, daß jeder medialen Rezeption, ja selbst schon jedem Erwerb einer medialen Apparatur, eine bewußte Entscheidung, oft ein Griff in den Geldbeutel, eine Vorstellung von der beabsichtigten Nutzung und eine Unterschrift unter die AGBs vorausgegangen sein müssen. Hier hat die Freiheit des selbstbestimmten Menschen ihren Ort. An dieser Freiheit zerschellen auch die Empfehlungsalgorithmen als lächerliche Insinuationen, über deren Dummheit man sich jederzeit amüsieren kann. Man kann die eigene Unmündigkeit nicht jenen Firmen zum Vorwurf machen, die sie auszunützen wissen.

Für die eigene Mündigkeit ist man nun wirklich selbst zuständig. Wenn es in der Realität mit der Medienkompetenz nicht weit her ist, liegt offensichtlich ein Bildungsproblem oder ein sozialpädagogisches Defizit vor, das die zuständigen Institutionen zu beheben (gehabt) hätten. Und wenn es den Politikern aus dem Netz mißtönend entgegenhallt, wird es wohl an der Politik liegen, die Mißfallen erregt. In den heroischen Tagen der Studentenrevolution nannte man das Außerparlamentarische Opposition, APO, und die Politik lernte, damit umzugehen.

Diese Konstellation wurde auf den Medientagen vielfach diskutiert, doch über den Ruf nach mehr oder schärferen Gesetzen - nach Art der Mißgeburt mit dem unsäglichen Namen Netzwerkdurchsetzungsgesetz - kam die Einfallslosigkeit nicht hinaus. Von der Fatalität der damit einhergehenden Uploadfilter war kaum die Rede, einer Prozedur, mit der beispielsweise ein klassischer Musiker, der Eigenproduktionen auf Youtube hochladen will, sehr schnell sehr unerfreuliche Erfahrungen machen kann.

Als im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung auch Youtube befragt wurde, in diesem Falle die Europa-Chefin Cécile Frot-Coutaz, auch nur mit der Insinuation, ob Youtube genügend gegen das Böse in der Welt tue, kam lediglich eine technologische Antwort, der Verweis auf KI-Unterstützung bei der Inhalteprüfung. Daß dies nicht die Lösung, sondern das Problem darstellt, bleibt außer Betracht, und ebensowenig die seltsame Konstellation, daß ausländische privatwirtschaftliche Unternehmen für die Diskursqualität in den digital repräsentierten europäischen Gesellschaften verantwortlich gemacht werden (sollen). Die Europäer glauben, Recht und Moral wären ein hinreichender Ersatz für Technologie.

Daß man hierzulande und in Europa den amerikanischen Digitalkonzernen nichts entgegen zu setzen hat, weil man sich nicht um die eigene Entwicklung dieses Marktes gekümmert hat, fällt einem jetzt als Fremdbestimmung vor die Füße, gerade auch eben erst als Angewiesenheit auf Google und Apple bei der Corona-App und auf Microsoft Teams und Zoom als nicht datenschutzkonforme Videokonferenzplattformen im schulischen Bereich. In der "Münchner Runde" mit dem Thema "Manipuliert und fremdbestimmt: Wer schützt unsere Freiheit im Netz?" verwies einzig Paul-Bernhard Kallen, Vorstandsvorsitzender von Burda, auf den unterschlagenen Zusammenhang zwischen einstigem Investitions- und Gestaltungsversäumnis und heutiger digitaler Abhängigkeit.

Die anderen Teilnehmer blieben in ihren juristisch-ordnungspolitisch-moralischen Denkmustern befangen. Auch in der Themenformulierung wieder der Denkfehler: als ob Fremdbestimmung ein schicksalhaftes Naturereignis wäre und eine autoritative Instanz die Freiheit sichern könnte, die man selbst zu erobern versäumt hat. Kallen mußte es wissen, denn Burda hat über Jahre hinweg im Alleingang den privatsphärefreundlichen Browser Cliqz mitsamt Suchmaschine betrieben und mußte ihn nun aufgrund mangelnder Ressourcen einstellen.

Und auch innerhalb des US-amerikanischen Rechtsrahmens ist die Existenz von Medienunternehmen, die für ihre Inhalte nicht haftbar sind, weil sie sich als technische Plattformen deklarieren dürfen, kein Naturereignis, sondern Folge einer Jahre zurückliegenden politischen Entscheidung. * * * * *

Grenzen medialer Wirksamkeit

Vielfach wurde außer dem Reichweitenverlust der etablierten Medien auch ihr Glaubwürdigkeitsverlust beklagt. Wolfgang Blau vom Reuters-Institut für Journalismusstudien sah in seinem Eröffnungsvortrag dadurch Wertorientierung und Wahrheitsstreben im gesellschaftlichen Diskurs bedroht. Damit erodiere auch der gesellschaftliche Zusammenhalt. Indirekt warf er Facebook Ignoranz und Skrupellosigkeit vor. Als Philosoph fühlt man sich hier an den Melier-Dialog bei Thukydides erinnert, in dem die zum Tribut genötigten Bewohner der Insel Melos bei den hochmütigen und habgierigen Athenern Gerechtigkeit einklagen wollen. Es gibt heute also keinen Grund, überrascht zu sein; die Konstellation ist seit 2400 Jahren bekannt.

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