Mittwoch, 25.11.2020 17:35 Uhr

Weiter. Immer Weiter!?

Verantwortlicher Autor: Thomas Schuster München, 10.11.2020, 19:12 Uhr
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Mia san Mia in Wort und Bild
Mia san Mia in Wort und Bild  Bild: Thomas Schuster

München [ENA] Ich ziehe den Hut vor dem Autor Christoph Leischwitz, denn alleine der Versuch, die rote Geschichte der Münchner Fankultur in einem Buch mit einer Seitenstärke von gut 200 Seiten zusammenzufassen, gleicht einer Herausforderung, über der ein Damoklesschwert schwebt.

Bei wohl keinem Verein in Deutschland, ist die Differenzierung der einzelnen Fans so spezifisch und schwer, vielleicht auch der Spagat zwischen Fans im Stadion und den Millionen Anhängern weltweit an TV, Internet-Stream und Co. so extrem unterschiedlich. Alleine deshalb sollte man das Ergebnis auch fair und realistisch einstufen. Hier schreibt ein zweifelsfrei guter Journalist mit einem entsprechenden Hintergrund, der mir persönlich nur aufgrund seiner Veröffentlichungen in der Süddeutschen Zeitung namentlich bekannt ist.

Er ist seit jungen Jahren scheinbar ebenfalls mit dem Virus FC Bayern infiziert, ging und geht regelmäßig zu den Spielen des Vereins ins Stadion, ist aber kein Fan mit exorbitant großem Blick hinter die Kulissen und/oder gar Mitglied der Fanszene. Insofern stützt er sich auf bekannte chronologische Ereignisse und viele, teils ganz offensichtlich sehr intensive und ausführliche Gespräche mit Protagonisten und Einzelpersonen.

Das gelingt im Einzelfall auffallend gut, führt in Teilbereichen aber auch in Sackgassen, nämlich dann, wenn einer Einzelperson, die im Falle von "Mia san die Bayern!" vom Autor sogar als "roter-Faden-durch-das-gesamte-Buch" bezeichnet wird, vielleicht sogar etwas zu viel Priorität und Alleinstellungsmerkmal eingeräumt wird, wie es ggf. in der Realität dann tatsächlich der Fall ist. Aber klar - auch hier treffen objektive und subjektive Meinungen aufeinander und die Einstufung einzelner Ereignisse mag sich natürlich stark unterscheiden.

Im Gesamten stimmt das Ergebnis, wenngleich logischerweise kein Schmöker wie "Kinder der Westkurve" aus Hamburger Kreisen entstanden ist. Auch nicht entstehen konnte, denn hier hat die HSV-Fanszene einen Meilenstein gesetzt, der in vergleichbarer Form wohl nicht mehr zu übertrumpfen ist. Trotzdem bleibt "Mia san die Bayern!" ein Alleinstellungsmerkmal. So viele Versuche, das rot-weiße Fangeschehen in Buchform zu pressen, gab es nämlich noch nicht. Von "internen" Veröffentlichungen innerhalb der Fanszene in vielen Fanzines und Co. einmal abgesehen, eigentlich nur ein Buch von Armin Radtke ("Sehnsucht FC Bayern"), welches aber eher einer persönlichen Fan-Biographie gleicht.

Dann natürlich "Münchner Bande", über die Sturm und Drang-Zeit der Münchner Hooligans. Last but not least ein bemerkenswert schlechtes Beispiel mit "Zwei Leben für den FC Bayern", quasi ein Paradebeispiel für das Fansein beim FC Bayern außerhalb des Stadions. Und nun biegt eben Christoph Leischwitz um die Ecke - und macht seine Sache gut. In fünfzehn Kapitel gliedert sich der Inhalt. Tendenziell wird chronologisch gearbeitet, sprich man beginnt mit der Vergangenheit und arbeitet sich in die Neuzeit vor, z.T. wirkt die Abarbeitung gerade in den hinteren Kapiteln aber auch etwas konfus.

Eine uneingeschränkte Stärke ist das eindrucksvolle und gute Bildmaterial, denn hier ist ersichtlich, dass in Teilbereichen auf private Fotoaufnahmen aus der guten alten Schreibtisch-Schublade zurückgegriffen wurde. Da macht es Spaß zu blättern und ggf. selbst nach dem ein- oder anderen bekannten Gesicht zu suchen - sofern man entsprechenden Zugang zu den handelnden Personen hat.

Unweigerlich teilt sich das Niedergeschriebene in drei große Themenkomplexe und in die Zusammenhänge mit dem Grünwalder Stadion (HGK-Kampfbahn), dem Olympiastadion und der Arena. Dazu natürlich örtlich verknüpft mit den jeweiligen Fanheimen und Niederlassungen (Parkstraße, Bunker, Deisenhofener Str., Laim I und II), den damals (und heute) aktivsten und stärksten Gruppierungen (SK`73, Red Angels, RM`89, MunichManiacs, Schickeria) und unweigerlich auch mit den großen (und kleinen) sportlichen Triumphen und Tragödien. Das alles liest sich eloquent, interessant und witzig, ohne sich zu sehr in Details zu verlieren.

Genau an dieser Stelle fruchtet das Konzept, denn will der Autor klassischen Zugang zu einer breiten und umfangreichen Leserschar gewinnen, muss er diese auch entsprechend vereinnahmen. Die Szene selbst stellt sich das Buch ja ohnehin ins dicke und schwere Sammelregal und nicht alles Geschehene der letzten 120 glorreichen Jahre muss auf Papier und in einem Buch verewigt werden ;)

Am Ende sei trotzdem noch eine kleine Kritik erlaubt. Ausgehend von den frühen 90`er Jahren, wurden aus meiner Sicht einige Meilensteine, die das Fangeschehen (auch im Hinblick auf die starke Ultra-Bewegung der Neuzeit) stark prägten, mit etwas zu viel Missachtung gestraft. 2020 wäre die Fanszene des FC Bayern zumindest nicht das, was sie jetzt darstellt, wenn beispielsweise nicht die starke und noch immer existente Pflichtspiel- und Allesfahrerszene ihre Duftmarken gesetzt hätte. Auch die unfassbaren Pokalerfolge der FC Bayern Amateure haben das Geschehen im Stadion über Jahre in Sachen Stimmung, Emotion und Liedgut geprägt.

Etwas mehr Seitenzahl hätte auch den Bereichen Groundhopping, Pyrotechnik und Choreographien gut zu Gesicht gestanden, denn auch hier waren Teilbereiche der Fanszene mit Sicherheit Vorreiter in Deutschland - wie auch immer man die Pro und Contras dafür verteilen mag. Am Ende entbehrt "Mia san die Bayern!" vielleicht nicht einmal einer gewissen Ironie. 2020 hat weltweit das aktive Fanleben in Fußballstadion komplett zum Erliegen gebracht - aktuell mit unabsehbaren Folgen für aktive Fans in der Zukunft.

Auf der einen Seite steht ein vorläufig versöhnliches Ende, denn just im passenden Moment hatte man mit einer großen 120-Jahres Feier zum Jubiläum und einer beeindruckenden Ganzstadion-Choreographie im letzten Heimspiel mit Zuschauern gegen Augsburg praktisch den perfekten "Alles-hat-ein-Ende" Moment. Seitdem geht der Verein, abgekoppelt von jeglicher Fanbasis, seinen eigenen (äußerst erfolgreichen) Weg. Triple-Sieger, Supercup-Sieger, vielleicht sogar Corona-Lockdown-Sieger?

Abgesehen von den fehlenden Vermarktungsmöglichkeiten eines lautstarken und stimmungsvollen Stadions, scheint sich ein Weltwirtschaftsunternehmen wie der FC Bayern in all diesem Trubel ganz wohl zu fühlen, solange Sky, Dazn, Prime und Co. für den notwendigen Rubel sorgen. Auf der Strecke bleibt das, wofür Tausende Gleichgesinnte über Jahrzehnte Blut, Schweiß, Tränen und eine Menge Herzblut gegeben haben. Wenn man als klitzekleinen Ausgleich dafür einige Stunden in einem Buch wie "Mia san die Bayern" schmökern kann, ist das sicherlich kein Ersatz, aber zumindest eine willkommene Ablenkung. 13 Personen fanden diese Informationen hilfreich

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