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Leben im Luxus - das Flagler-Museum in Florida

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 07.03.2020, 19:43 Uhr
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Ein weißer Traum unter Palmen, Whitehall in Palm Beach, FL.
Ein weißer Traum unter Palmen, Whitehall in Palm Beach, FL.  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] In Florida, nicht weit vom schicken Miami entfernt, zeigt ein wenig bekanntes Museum den Lebensstil der damaligen Oberschicht. Es ist das Flagler-Museum, jenes Herrenhaus namens Whitehall, das der Eisenbahnmagnat Henry Flagler 1902 baute und bis zu seinem Tode 1913 bewohnte.

Es gilt als charakteristischer Repräsentationsbau des „gilded age“, des vergoldeten Zeitalters, dem in Frankreich die Belle Epoque und in Deutschland die Gründerzeit entsprach. Für die USA war die Zeit nach dem Bürgerkrieg eine Zeit des Wiederaufbaus und der Erschließung des riesigen Landes durch die Eisenbahn. Dort, wo das Land noch kaum besiedelt und wenig erschlossen war, brachte die Eisenbahn überhaupt erst die Voraussetzung für die Entwicklung weiterer Infrastrukturen, und so wurde Flagler mit seiner Eisenbahn zum wichtigsten Kultivator des bis dahin hauptsächlich nur sumpfigen Florida.

Er legte die Grundlagen für modernen Tourismus, baute Hotels, kaufte vorhandene Eisenbahnen auf und führte sie weiter nach Süden. 1896 war Miami erreicht, das allerdings daraufhin erst entstand. Zunächst wollte man die Stadt nach Flagler selbst benennen, doch er plädierte für den indianischen Namen Miami. . 1912, ein Jahr vor seinem Tode, reichte die Eisenbahn bis zur Südspitze Floridas, nach Key West, eine Strecke, die wegen der zahlreichen Brücken zwischen den einzelnen Inseln eine große straßenbauliche Herausforderung war.

Er selbst spielte die Aufgabe in einem Brief an den Konstrukteur aber mit typisch amerikanischem Problemlösungsoptimismus herunter: „Es ist ganz einfach. Sie müssen nur einen Betonbrückenbogen nach dem anderen bauen, und ziemlich bald werden Sie sich in Key West wiederfinden.“ Sein Vermögen hatte der aus dem Staate New York stammende Henry M. Flagler als einer von drei Anteilseignern der mächtigen Standard Oil Company gemacht, als deren Hauptvertreter man Rockefeller kennt. Der in Amerika quasi selbstverständlichen Verpflichtung, vom eigenen Reichtum etwas für wohltätige Zwecke zu verwenden, entzog er sich nicht.

Er hegte aber auch keine Scheu, den Reichtum im Landsitz Whitehall ostentativ auszustellen. Die Architekten konnten offenbar aus dem Vollen schöpfen und packten alles in das Gebäude, was schön und teuer war. Der Ehrgeiz, mit den Palästen des damals noch bewunderten alten Europa zu konkurrieren, war Programm. Am Ende fand man die Vorbilder sogar noch übertroffen. Der New York Herald schrieb zur Eröffnung, das Haus sei wunderbarer als jeder Palast in Europa, großartiger und prächtiger als jeder andere private Wohnsitz auf der Welt.

Wer braucht schon Originale?

Der heutige Besucher aus Europa steht tatsächlich vor einem jähen Ausbruch von Luxus, dessen stilistische Beliebigkeit ihn allerdings auch etwas ratlos macht. Munter geht es durch die Jahrhunderte und Baustile. Die Fassade mit den dorischen Säulen ist quasi antik, das Speisezimmer französische Renaissance, der Ballsaal im Stile Ludwigs XIV., das Schlafzimmer Ludwig XV., das Ankleidezimmer im zuckersüßen Rokoko Ludwigs XVI., im Musiksaal prangt eine Kopie von Guido Renis ‚Aurora‘ (17. Jahrhundert) an der Decke usw.

Über solch hemmungslosen Eklektizismus die Nase zu rümpfen, liegt nahe, doch entsprang dieser Nachahmungstrieb dem ehrlichen Bemühen, die überlieferten Muster aufzugreifen und sich selbst in die abendländische Tradition einzureihen. So erklärt sich ja auch etwa der Nachbau des athenischen Parthenons in Nashville, der nur 5 Jahre vor Whitehall errichtet worden war. Und noch 1990 hielt man es für nötig, den Tempel durch eine vergoldete Athena-Statue in Originalgröße zu vervollständigen. Auch die Illusionsarchitekturen in Las Vegas und natürlich die Nachbauten in den Disney-World-Erlebnisparks verdanken sich dieser Haltung.

Europa sollte auf solche Stilkopien aber nicht hochmütig herabschauen und sich original wähnen. Hier nannte man diese Haltung nur vornehmer Historismus. Der größte mittelalterliche Dom wurde im 19. Jahrhundert fertig, in Köln. In München baute Ludwig I. antike Propyläen, ein Siegestor nach dem römischen Konstantinsbogen, eine Feldherrnhalle nach der Loggia dei Lanzi in Florenz und weitere Renaissancebauten. Ludwig II. stellte mit seinen Königsschlössern in allen möglichen Stilen aber alles in den Schatten, was an narzißtischer Prunksucht bis dahin Stein und Stuck geworden war.

An Flaglers Whitehall verwundert eben bloß, daß ein Privatmann ein solches Repräsentationsbedürfnis an den Tag legte. In Europa pflegten nur gekrönte Häupter ihre Länder und Untertanen für derartigen Luxus zu ruinieren. Wie weit der Luxus in die Mobilität reichte, kann man in Flaglers Salonwagen besichtigen, mit dem er sein Eisenbahnnetz durchfuhr. Die Inneneinrichtung ist vergleichsweise schlicht, jedoch zum Arbeiten und Schlafen eingerichtet, und gekocht wurde auch. Luxuriös ist hier nur der Platz, den die privilegierten Reisenden in Anspruch nehmen konnten. Der Pavillon, in dem der Wagen untergebracht ist, wurde übrigens auch erst vor wenigen Jahren im Stile der vorvorigen Jahrhundertwende gebaut, ist also ebenfalls eine Stilkopie.

Öffnungszeiten des Flagler-Museums: Dienstag bis Samstag 10-17 h, Sonntag 12-17 h. Eintritt 18 $, Jugendliche von 13-17 Jahren 10 $, Kinder von 6-12 Jahren 3 $, Kleinkinder gratis. Am 5. Juni freier Eintritt. Adresse: 1 Whitehall Way Palm Beach, FL 33480 (561) 655-2833 www.flaglermuseum.us

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