Sonntag, 27.09.2020 09:23 Uhr

Wieso explodierten 64'000 Säcke Ammonium-Nitrat?

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 07.08.2020, 19:22 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 5239x gelesen

Jerusalem [ENA] Nach den verheerenden Explosionswellen sind wilde Gerüchte und Spekulationen die einzige noch gehandelte Umschlagsware im Hafenviertel Beiruts. Nach israelischen Erkenntnissen beherrscht die proiranische Hisbollah-Miliz das gesamte Gelände. Unwidersprochener Befehlshaber über wesentliche Abläufe ist ein Schwager von Generalsekretär Hassan Nasrallah, der das libanesische Staatswesen vollständig unterwandert hat.

Wie erhellend, wenn statt Mutmassungen, die haufenweise medial herumgeboten werden, ein renommierter Arabist einfach mal unbescheiden behauptet, er wisse, was sich abgespielt habe im Beiruter Hafen. Würde nicht Prof. Mordechai Keidar von der Universität "Bar-Ilan" neben Tel Aviv, einer der seit Jahrzehnten wohl renommiertesten Arabisten an der israelischen Akademie, so gegenüber dem Fernsehkanal 20 aufgetrumpft haben, könnte man wohlwollend schmunzeln. Doch Keidar, der sich in perfektem Arabisch öfters mit Moderatoren von Fernsehstationen in arabischem Feindesland fetzt, illustriert sein auf den akuten Stand aufmunitioniertes Fachwissen mit der noblen Umschreibung, er wolle Ordnung in den Abläufen schaffen über das, "was wirklich geschah".

Sieben Thesen zur Dramaturgie

Keidar misstraut den libanesischen Regierungsämtern, die im Ammonium-Nitrat den Schuldigen für die Explosionskette ausgemacht haben wollen. Dieser chemische Industriewerkstoff sei beständiger Natur und explodiere nicht von sich aus, selbst nicht bei hohen Temperaturen. Es habe vielmehr mindestens drei verschiedene Explosionsstufen mit je unterschiedlicher Folge gegeben. Die erste habe grauen Rauch, der einige Minuten in der Schwebe blieb, hervorgerufen, die zweiten roten Rauch mit derselben Nachwirkung, wohingegen die dritte die weisse Pilzstruktur bewirkt habe, die indes bloss einige Sekunden verblieb. Somit seien drei verschiedene Stoffe in der in die Luft gesprengten Lagerhalle verstaut gewesen.

Wer die Anordnung von Lagerhallen in Hafengeländen kenne, wisse um den Umstand, wonach nahe am Wasser jene Ladungen, die kurzfristig disponibel sein müssten, verstaut würden, alle anderen in den hinteren Bereichen. Jeder, der verhindern möchte, dass das Wesenhafte einer Umschlagsware erkannt würde, werde sie so nahe wie möglich am Wasser platzieren. Die mit kritischen Stoffen gefüllte Lagerhalle flog denn auch als erste in die Luft.

Beiruts Hafen als Flughafenersatz

Israels Luftwaffe habe, gemäss ausländischen Informationsquellen, mehrfach iranische Stellungen und Depothallen auf dem Gelände des Damaszener Flughafens ausser Gefecht gesetzt. Seither diene der Hafen von Beirut als Transportziel für die von Hisbollah mit Schiffen aus dem Iran importierten Waffenarsenale und Munition. Am 4. August seien unsachgemäss in unklimatisierten, von äusserst hoher Hitze angestauten metallisierten Hallen gelagerte Stoffe, die brennbar und flüchtig zugleich waren, in die Luft gejagt worden. Dämpfe gelagerten Benzins, welches für den Antrieb von Raketen bestimmt war, entwichen aus Behältnissen. Als sie auf die heissen Wände oder an die Decke stiessen, lösten sie die Kettenreaktion für Mehrfachexplosionen aus.

Weniger als eine Stunde nach der Explosionswelle bekannten sich Hisbollah und ihre Handlanger aus einfach nachzuvollziehenden Gründen zur eingelagerten Ware. Man war von Anfang an bedacht darauf, dass niemand in der eingeweihten Regierung auf die Idee käme, die Miliz der Nachlässigkeit zu zeihen. Dergestalt versuche man, so Prof. Keidar in der Schlussfolgerung seiner Ausführungen, die Verantwortung abzustreifen bzw. die libanesische Regierung, deren Bestandteil zu einem Drittel der Kräfte Hizbollah ausmacht, einzuschüchtern. Es könne nun durchaus sein, dass die Iraner und ihre Statthalter den Generalsekretär der Miliz mittelst einer "Herzattacke", die durchaus auch tödlich ausfallen könnte, aus dem Sattel heben.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.