Donnerstag, 24.09.2020 16:42 Uhr

Israel & VAE: politstrategisches Erdbeben sondergleichen

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 18.08.2020, 17:13 Uhr
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Miteinander und füreinander in Zuversicht
Miteinander und füreinander in Zuversicht  Bild: Ronaldo Goldberger

Jerusalem [ENA] Ein Erdbeben ist nichts dagegen: Israel ist drauf und dran, sich mit der beabsichtigen Unterzeichnung eines vollumfänglichen Friedensvertrags mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) dergestalt im Nahen Osten neu zu orientieren, dass seine regionale Führungsrolle markant ausgeweitet wird.

Was sich derzeit im Nahen Osten mit dem Mischen neuer Karten abspielt, ist ein Drama sondergleichen. Seit Ankunft einer grösserer Anzahl von Einwanderern aus Osteuropa 1882 im Rahmen der Zielsetzungen der sog. „Bilu“-Bewegung, war der Widerstand gegen die erneute jüdische Präsenz in alten Stammlanden ungebremst wachsend. Nun wird Israel als technologische Grossmacht im geographischen Einzugsgebiet dermassen umworben, dass es erstmals nicht bloss zu einem technokratischen kalten Frieden wie mit Ägypten und Jordanien kommen könnte, sondern zu einem - nicht bloss wegen der extremen klimatischen Bedingungen - sprichwörtlich heissen. Er könnte soweit gedeihen, dass gar die militärische Abwehrfront gegenüber dem gefährlichen Iran abgerundet wird.

Wenn die Angst das Geschäft ankurbelt

Mit Diskretion, Wahren des Gesichts und Ehrerbietung erklimmt man im nahöstlichen Pokern höhere Weihen als mit untertäniger Verhandlungskunst. Was zählt, ist wahrhaftige Stärke. Israels Premier Netanyahu hat jahrelang in Washington die Wende eingeleitet, als er weltweit als einziger im Ringen mit dem damaligen amerikanischen Präsidenten Obama mit flammender Rhetorik im Kongress gegen das gefährliche Atomabkommen mit Iran gewettert hatte. Die Ajatollahs in Teheran beschwören die Vernichtung des zu ihrem Erzfeind hochstilisierten jüdischen Staats mittels atomarer „Endzeit“-Schläge. Nach Auschwitz nimmt man in Israel solche Wahnvorstellungen sehr ernst. Doch mit Worten allein ist es nicht getan. Es bedarf echter Verbündeter im Umfeld!

Als Ägyptens Präsident Anwar as-Sadat am 19. November 1977 als erster arabischer Präsident Israel in der Operation mit dem Codewort „Unternehmen Zauberteppich“ einen offiziellen Staatsbesuch abstattete, übertrug sich die Magie des ersten Boykottbruchs der Gegner auf die gesamte israelische Bevölkerung. Es war ein unglaublich bewegender, fast überirdischer Moment - der Autor dieser Zeilen war als Nahost-Korrespondent an diesem Ereignis dabei und entsinnt sich mit wohligem Schaudern an die fast meditative Stille kurz vor der Landung -, als das Präsidentenflugzeug unweit Tel Aviv landete. Auch Jordaniens König Hussein machte eine Aufwartung in Israel, die 1994 in einem Friedensvertrag gipfelte. Damit endeten formaljuristische Kriegszustände.

Echte Gier auf Neues

Israelis sind neugierige Erdenkinder, verstehen sich auf Handel und Wandel, und wollen den Vorhof ihrer von stetem Überlebenskampf gezeichneten Weltgegend endlich einmal erkunden. In unzähligen Talkshows bekundeten Radio- und TV-Moderatoren ihren fast schon inbrünstig zu nennenden Wunsch, bald schon auf Abu Dhabis legendären Himmelsturm „Burj Khalifa“ (828 m) zu steigen. Mit Jordanien und Ägypten gelingt das Faszinosum Neuentdeckung bloss in Ansätzen, weil die Regierungen beider Länder unterm Volk die feindliche Abgrenzung weiterhin künstlich aufrecht erhalten. Die antisemitisch durchsetzte Stimmung vergällt die Lust ordentlich.

Viel bessere Voraussetzungen für anregende Begegnungen bieten die geographisch nicht weit entfernten Emirate nicht zuletzt auch dank des Umstandes, dass sie nie in einem Kriegszustand mit Israel verwickelt waren. Zudem gibt es einen Schulterschluss mit Israel wegen der von Iran drohenden Unterminierungsversuchen, denen weitere sunnitischen Regimes ausgesetzt sind. Daher wäre es nicht verwunderlich, wenn sich innert nützlicher Frist ein bis zwei weitere Länder dem neuen Bündnisrahmen anschlössen. Als Favoriten werden am Ehesten Bahrein und Oman gehandelt.

Umgestülpte Bündniskonstellation

Wer mit historisch geschärfter Lupe Revue passiert, wie festgelegte Zustände zerfliessen und sich gar in ihr Gegenteil verkehren, hat echten Grund zum Staunen: in den 50- und 60-er Jahren versuchte Israel, den Boykottring der arabischen Nationen zu sprengen. Man war wirtschaftlich und politisch in einer peniblen Situation. Wer ausserhalb des ölreichen Arabiens mit Israel geschäften wollte, wurde von dessen Scharfmachern auf die schwarze Liste gesetzt und selber boykottiert. Daher gab es praktisch keine kommerziellen Verknüpfungen internationaler Konzerne im damaligen sehr jungen Staat. Autohändler waren in Israel ausser dem japanischen Subaru überhaupt nicht vertreten. Israel verbündete sich dafür mit Iran und der Türkei an der Peripherie.

Heute präsentiert sich die Situation umgekehrt proportional: die beiden Bündnispartner von ehedem bilden mitsamt ihren terroristischen Statthaltern, der schiitischen Miliz Hisbollah im Libanon sowie der Hamas im Gazastreifen, die beide die Auslöschung Israels sowie der Juden weltweit auf ihre Fahnen geschrieben haben - wie der Herr, so’s Gescherr! -, zudem mit der nicht minder antisemitischen Palästinenserautonomie von Mahmoud Abbas, einem in der Sowjetunion doktorierten Holocaust-Leugner übrigens, die vereinigte Anti-Israelfront. Die andere Achse formiert sich immer schärfer konturiert: Ägypten, das an der libyschen Grenze mit der Türkei im Clinch ist, sunnitische Staaten mit saudiarabischer Billigung, daneben auch Griechenland und Zypern.

Die süsse Seite der Veränderung

Da Israel und die VAE sich idealerweise ergänzen - hier die unübertreffliche Innovationskraft, dort das Kapital -, bahnen sich Geschäfte mit riesigen Volumina an: Israel ist Weltmeister in der Entsalzung von Wasser, die VAE ein nach Wasser dürstender Staatenverbund. Entsalzungsanlagen, die Israels einst notorischen Mangel am kostbaren Nass behoben hatten, sind milliardenschwere Anlagen. Die VAE, so wird glaubwürdig gemunkelt, wird möglicherweise von der amerikanischen Technologie der modernsten Kampfflieger F-35 profitieren, die Israel weiter entwickelt hatte. Allerdings haben die USA sich verpflichtet, Israels Technologievorsprung gegenüber seinen Widersachern nicht schmelzen zu lassen. Trotz Freundschaft ist also Zurückhaltung angesagt.

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