Mittwoch, 20.01.2021 16:56 Uhr

Israel ist Weltmeister beim Run auf Corona-Impfstoff

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 05.01.2021, 19:30 Uhr
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Jerusalem [ENA] Wie zynisch mokierten sich die Medien, als Israels Premier vor Wochen an den Tel Aviver Flughafen "Ben Gurion" geeilt ist, um dort quasi „Container zu empfangen“. Doch die platte Inszenierung von Ministerpräsident Netanyahu umkoste brisanten Inhalt: dank persönlicher Bemühungen hatte er direkt bei den Herstellern von Impfstoffen für die 9,3 Mio. Einwohner des Landes rechtzeitig vorgesorgt und genügend Dosen bestellt.

Mittlerweile reibt sich Israel im Spagat zwischen Erfolg und extrapolierter Virenmacht. Bereits anderthalb Millionen Staatsbürger, vornehmlich älteren Semesters, sind mit Pfizer-Impfstoff versorgt worden. Eben wurde auch das Produkt des Unternehmens Moderna bewilligt. Überall haben sich lange Schlangen von Impfwilligen gebildet. Premier Netanyahu und Gesundheitsminister Edelstein liessen sich vor laufenden Kameras „showmässig“ als Erste impfen. Unterdessen haben auch etliche religiöse Instanzen, so Rabbinerverbände, ihren Gläubigen die massenhafte Verabreichung des Impfstoffes anempfohlen. Israel profitiert gemeinhin von einer forschen Gangart in Krisenzeiten, einem exzellenten Gesundheitssystem sowie weitläufiger Wissenschaftsgläubigkeit.

Schnellste Herdenimmunität angepeilt

Nun befindet sich das Land im Taumel zwischen der Notwendigkeit, möglichst rasch mit der Durchimpfung von 60-70% der Bevölkerung sich aus der wirtschaftlichen Umklammerung zu befreien, und der Unmöglichkeit, diesen staatlich geförderten Seiltanz ohne striktes Wegschliessen der Bevölkerung zu bewältigen. Mit zuletzt 8300 neu gemeldeten Covid-Ansteckungen (7,6% der Getesteten entpuppten sich als positiv), einer Reproduktionsrate von 1,27 und über 800 Schwerkranken in den Spitälern ist man fast ans Ende des Lateins gelangt. Man will nicht umsonst ausserordentlich teure Gestehungskosten getätigt haben - die Impfdosen wurden für den doppelten Preis erstanden -, sondern den Anfangserfolg vollumfänglich bis zur Ziellinie gedeihen lassen.

Bereits haben gemäss einer rudimentären Ersterhebung 50% der in den letzten zwei Wochen Geimpften Antikörper entwickelt. Da möglicherweise doch nicht genügend Impfstoff im Lande befindlich ist - wobei weitere Containerladungen demnächst eingeflogen werden -, äusserte ein Spitaldirektor, man möge die zweite Dosis statt nach 21 Tagen erst am 28. Tag nach der ersten Injektion spritzen, um so bei einer Tageskapazität von 150’000 Impfvorgängen eine weitere Million von Israelis ins Boot zu holen. Dass die um Impfung Nachsuchenden so schnell bedient werden, liegt nicht zuletzt an der dezentralen Struktur der vier grossen Krankenkassen, die seit jeher ihre Versicherten in eigenen Vorrichtungen ärztlich betreuen können.

Übersichtlicher Feldversuch

Israel künstliches Inseldasein ermöglicht es, die Grenzen einigermassen dicht zu halten, so dass man bei vernünftiger Kontrolle, die allerdings öfters ausgeblieben ist, nicht zwingend in den Sog aufgefächerter Ansteckungszahlen hätte geraten müssen. Das Pharmaunternehmen Pfizer profitiert von einem übersichtlichen Feldversuch. Allerdings sind die Landesbürger weniger „zähmbar“ als im überregulierten Europa. Rituale unter mannigfacher Beteiligung wie Hochzeiten, Gebetszeremonien, ja selbst Freizeitverhalten lassen sich die Israelis ungern wegbefehlen. Der letzte ausgerufene Lockdown vor 10 Tagen entpuppte sich als löchriger Schweizer Käse, da die Ausnahmen höher gewichtet wurden als das Regelwerk. 95% des Landes sind mittlerweile rote Zone.

Im Wettlauf gegen die Zeit steht Israel noch im Verlauf dieser Woche eine weitere Aussperraktion, diesmal von brachialer Wucht wie im Frühjahr 2020, bevor. Die Bevölkerung ist gehalten, während vorerst wahrscheinlich zwei Wochen, eventuell in der Verlängerung gleichermassen, grundsätzlich zu Hause zu bleiben. Die Ausgangssperre für die Selbstversorgung darf bloss in einem Radius von 1000 Metern rund ums Haus durchbrochen werden. Sämtliche Schulen und offene Märkte schliessen, bloss Lebensmittelläden und Apotheken bleiben geöffnet, der ÖV wird halbiert, einzig Dienstleistungen, die absolut unentbehrlich sind, werden erbracht. Komplementärmedizin gehört z.B. nicht dazu. Lediglich 20 Leute dürfen sich unter freiem Himmel zum Gebet versammeln.

In drei Monaten aus dem Gröbsten raus

Es mutet sinnwidrig an, dass die Verhängung eines Lockdowns von politischer Kabale begleitet war. Die gescheiterte Regierungskoalition, die bis zu den Wahlen vom 23. März notdürftig für die Verhängnisse des Landes zuständig ist, wurde mit Obstruktionen auseinander dividiert. Dies hatte zur Folge, dass in der gegenwärtigen Phase ein Teil der Schulen offen blieb, je nach Sonderinteressen gewisser Minister, die von lobbyierenden Exponenten um Ausnahmen angegangen wurden, die Last der Schliessung im kommerziellen Bereich ungerecht verteilt wurde. Um dem Desaster die Spitze zu nehmen, wird nun mit der grossen Kelle angerührt. Israel gibt sich den Zeithorizont von drei Monaten, um die Wirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen.

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