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König Ludwig II., Fritz Brandt und der Pfauenwagen

Verantwortlicher Autor: Michael Fuchs Berlin, 11.07.2022, 21:11 Uhr
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Kuboth Brandt Pfauenwagen
Kuboth Brandt Pfauenwagen  Bild: Michael Fuchs

Berlin [ENA] Zwei junge Männer haben ähnliche Interessen. Wagner begeistert sie, das Theater, die Technik. Beide wollen immer neue Methoden entwickeln, Literatur und Fantasie zum Leben erwecken. Fritz Brandt und König Ludwig II v. Bayern werden Freunde. Kuboth hat aus dem Nachlass Brandts ein Buch veröffentlicht

Der 1984 in Schweinfurt geborene Sebastian Kuboth ist mehr oder weniger durch Zufall auf einen Teil des schriftlichen Nachlasses von Friedrich Brandt (1846-1927) gestoßen. Wie andere Menschen Briefmarken oder Münzen sammeln, so sammelt Kuboth historische Handschriften; dies zunächst durchaus aus Gründen der Geldanlage. Mit der Zeit hat er jedoch Gefallen an den Inhalten der Schriften gefunden und die Faszination hinter den Geschichten entdeckt. Bei einer Haushaltsauflösung in Berlin 2021 also geriet ihm ein Konvolut in die Hände, das ihn hellhörig werden ließ und eine etwas größere Geschichte dahinter vermuten ließ. Fritz Brandt ist nämlich 1865 nach München gekommen und hatte ab November 1868 eine Stellung am Hof- und Nationaltheater.

Kuboth wertet seinen Fund in mehreren Kapiteln in der vorliegenden Veröffentlichung „Fritz Brandt, König Ludwig II. und der Pfauenwagen“ aus und gibt diese in der im Eigenverlag erscheinenden „Edition Geschriebene Geschichte“ heraus. Die Kapitel und deren Reihenfolge sind tatsächlich etwas gewöhnungsbedürftig. So teilt er die Biographie des Autors der Handschriften in zwei weit auseinanderliegende Kapitel ein (1. Teil – Seite 29, 2. Teil – Seite 177). Die Biografie-Teile selbst sind lückenhaft, zum Teil beinhalten sie Fehler (Brandt hat bspw. das Deutsche Opernhaus in Charlottenburg bei Berlin 1912 nicht gebaut!).

Über den im Titel erwähnten Pfauenwagen erfährt der Leser gleich zu Beginn etwas auf drei Seiten. Dieser „Pfauenwagen“ ist allerdings eigentlich der Kern, der Türöffner zu Ludwig. Beide – Ludwig und Brandt – sind ebenso technikverliebt, wie fantasiereich und der König ist sehr an den Arbeiten des Bühnentechnikers, aber eben zunehmend an der Person des ein Jahr jüngeren Fritz Brandt interessiert. Es folgt dann ein kurzes Kapitel zu Richard Wagner, den Brüdern Brandt und Bayreuth. Dies ist verwunderlich, da Brandts Kontakt zu Wagner wohl nur oberflächlich war und bis 1876 überhaupt kein enger war. Dem im Vorwort erwähnten „Krimi“, also der sicherlich spannenden Geschichte um die Autographe, widmet sich Kuboth im dritten Kapitel.

Das Kernstück der Publikation bildet das fünfte Kapitel, in dem einzelne Jahre von Brandts Kinder-, über die Jugendzeit, bis zur ersten Anstellung in München aneinandergereiht werden. Es sind dies die Jahre seit der Geburt bis 1852, dann die einzelnen Jahre bis 1871. Ein neues Kapitel widmet sich den Jahren 1872 bis 1875 und 1876, ein weiteres einigen Einzelheiten der Reise nach Bayern zu Ludwig im Jahre 1883. Gerade im letzten Kapitel, dem bereits erwähnten 2. Teil der Biografie, merkt man das Fragmentarische doch sehr deutlich an. Den Abschluss bildet je ein Personen-, Stichwort- und Ortsverzeichnis. Es fehlen Erläuterungen und ein Literaturverzeichnis.

Wer war nun aber jener Fritz Brandt?

Brandt wurde 1846 in Darmstadt als 13. Kind in recht einfache Verhältnisse geboren. Mit seinem Halbbruder Carl (1828-81) verbanden ihn technische Begabung und vielseitige Interessen, die sie durch die Arbeit am Hoftheater in Darmstadt/Großherzogtum Hessen erlernten. Fritz reiste viel durch deutsche Länder und landete nach Berlin und Wien endlich in München, am Gärtnerplatz-Theater. Hier fiel er dem damaligen Intendanten der bayerischen Hoftheater, Karl von Perfall, auf. Von 1868 bis 1875 hatte Brandt dann eine Stellung am Hof- und Nationaltheater in München.

Da er sich derart engagiert in die Stücke einbrachte, auch und gerade in die, die König Ludwig II. interessierten, war es nur eine Frage der Zeit, bis seine Fähigkeiten in dessen Fokus gerieten. 1869 kam es zu einem ersten persönlichen Treffen der beiden und es entstand eine „sehr enge persönliche Beziehung“ zwischen den beiden. Brandt wurde auf persönlichen Wunsch des Königs zuständig für die Separatvorstellungen, den Wintergarten auf der Residenz und letztlich den Pfauenwagen und die Fluggeräte generell.

Eine unglaublich spannende Beziehung begann und man kann in Brandts Ausführungen spüren, wie nah sich die beiden kamen. Ludwig bezeichnete Brandt in einem Brief im Oktober 1869 als „der Einzige auf der ganzen Welt, von allen Menschen, die ich kenne, der Einzige der für die Ideale, für die ich schwärme u. zu realisieren suche mit Begeisterungsgluth u. edlem Feuer erfüllt ist, der sie mit tiefinnigen Verhältniß erfaßt. (…) Seien Sie versichert, daß ich Ihnen ewig ein aufrichtiger und bis zum Tode getreuer Freund sein werde, auf den Sie fest bauen können zu allen Zeiten. Ich sende Ihnen tausend herzliche Grüße“ (Transkription auf Seite 99).

Laut Brandt trafen sich die beiden mehrfach, er durfte Ludwig duzen, sie speisten und rauchten zusammen – allein. Ja, sie besuchten sogar zusammen 1869 die Venusgrotte bei Schloss Linderhof. Brandt beschreibt diesen Besuch zweimal recht ausführlich. Allein, die Venusgrotte wurde erst im Dezember 1875 begonnen und 1877 fertiggestellt. Brandt kann die Grotte bei diesem ersten Treffen 1869 gar nicht gesehen haben... (S. 96) Er will sogar mit Ludwig alleine in das Boot in der Grotte gestiegen sein. Das gemeinsame Essen soll in Linderhof in zwei Speisezimmern stattgefunden haben – es gibt aber nur eines.

Vermutlich ist dem alten Herrn, als er zum Ende seines Lebens diese Notizen machte, doch etwas die Phantasie durchgegangen. Es kann aber auch sein, dass jemand anderes beim Abtippen der Notizen einiges ergänzt hat. Historisch korrekt sind die Angaben jedenfalls nicht und damit muss man leider die Verwertbarkeit dieser und anderer Angaben doch etwas in Frage stellen. Tatsache ist aber, dass sich die beiden mehrfach getroffen und sicher lebhaft ausgetauscht haben.

Es findet sich auch eine Haarlocke von Brandt im Archiv – die beiden dürften sich also wirklich sehr nahegestanden haben. Beide waren sehr euphorisch, begeisterten sich für Technik und waren vielbelesen. Beide waren wohl auch impulsiv und nachtragend, ja, beide hatten große Selbstzweifel und Suizid-Gedanken. Man kann wohl durchaus von ähnlichen Charakteren sprechen. Neben der persönlichen Sympathie waren es eben auch die technischen Dinge, die die Beziehung der beiden auch für uns heute so interessant macht.

Brandt legte viel Wert auf historische Treue auf der Bühne und hatte auch zahlreiche Ideen, die im Wintergarten umgesetzt wurden. Er schreibt über seine Arbeiten an den Flugmodellen (bzw. deren Abbildung/Umsetzung): Frickas von Widdern gezogenen Wagen, Wotans Schwebewagen, Oberons Pfauenwagen, Apollo freischwebend und schließlich den Pfauenflugwagen. Ludwig war wohl auch persönlich auf der Bühne, um sich die Umsetzung anzusehen. Im Wintergarten haben die beiden über die Idee gesprochen, einen Pfauenwagen zu fliegen (S. 118). In dem Zusammenhang schreibt Brandt mehrfach von dem "in Vollendung begriffenen Bau von Schloß Herrnstein" - allerdings gibt es kein Schloss mit einem solchen Namen in Ludwigs Umfeld.

Entweder wurde es falsch transkribiert oder Brandt konnte sich nicht mehr an den richtigen Namen erinnern - das Schloss, zu dem der Pfauenwagen mit einer "an eine gespannte Doppelseilbahn an kleinen Ballon freischwebend und einer an der Seilbahn geführten, von einem Ballon hängend getragener Gondel" fliegen sollte, war die "Neue Burg Hohenschwangau", heute Schloss Neuschwanstein. Nach mehreren – für Ludwigs soziales Umfeld typischen – Brüchen in der Beziehung der beiden, kam es im Februar 1883 erneut zu einem persönlichen Treffen.

Kuboth berichtet von weiteren Autographen bzw. Abschriften, die in einem Antiquariat verfügbar sind, ihm aber doch zu teuer waren. Darin soll Brandt anlässlich jenes Besuchs geschrieben haben: "ich bin auch verrückt, habe meinen Dolch stets in der Tasche. Würde etwas Sexuelles angedeutet, … ich glaube ich tue ihm Unrecht". (S. 171). Dem widersprechen aber doch Brandts eigene Äußerungen auf der nächsten Seite, es habe "viele intensive Gespräche", darunter "um die Kindheit der beiden Herren" gegeben, Brandt wird mit "vielen Geschenken" und "Luxus" bedacht und in jenen Texten schreibe Brandt auch über Neuschwanstein und die "vielen Schätze in den Gemäuern" und, "dass er als erstes im Königszimmer übernachten durfte.

Ludwig betonte wohl, dass er das für Fritz ausdrücklich bestimmt hat, während seine Majestät im alten Schloss nächtigte." (S. 172) Es ist Kuboth durchaus zu danken und anzuerkennen, dass er die wohl recht chaotischen Aufzeichnungen und lückenhaften Texte durchgearbeitet hat. Zum Teil fehlten Originalseiten, Details wurden ausgelassen, andere falsch oder fehlerhaft ergänzt. Vieles aus Brandts Nachlass sei in alle Winde zerstreut und auch für die bei jenem Antiquariat verbliebenen Dokumente erhofft sich Kuboth noch Unterstützung.

Man sieht – trotz vieler Tippfehler, die sicher vermeidbar gewesen wären – dass er sich sehr viel Mühe gemacht hat bei der Recherche zur Erstellung des Buches. Und doch wäre etwas mehr von beidem besser gewesen. Leider gibt es sehr wenig Bilder – dabei hätte sich gerade bezüglich der Bühnenbilder und technischen Details einiges angeboten. Die Dokumente zeigen generell eine andere Sicht, aus der Perspektive Fritz Brandts und sind so eine gute Ergänzung zu der bisher vorliegenden Sicht Ludwigs. Weitere Informationen finden Sie auf www.Ludwigiana.de

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