Dienstag, 12.12.2017 22:51 Uhr

IFA 2017 - Fernseher, groß und hell und bunt wie nie

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 16.09.2017, 21:35 Uhr
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Tief in den Farbtopf gegriffen, so sah man's überall auf der Messe - hier Nanozellen von LG
Tief in den Farbtopf gegriffen, so sah man's überall auf der Messe - hier Nanozellen von LG  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] 4k Auflösung und Netzwerkanbindung sind jetzt im Markt etabliert; das nächste Schlachtfeld ist die Technik der Kontrasterweiterung, High Dynamic Range, HDR. Gebogene Geräte waren auf der IFA deutlich weniger zu sehen - erfreulicher Abschied von einer Skurrilität.

Das große Innovationsthema HDR ging in die nächste Runde, und wie immer ist es spannend und belustigend für den Zuschauer auf der Tribüne, die Vorstöße, Koalitionen und Hegemonialkämpfe zu betrachten, die ja nur deshalb aufkommen, weil hier keine nach europäischen Verständnis neutrale Normierungsinstanz die Feder führt, sondern ein undurchschaubarer Sumpf aus amerikanischen Inhalteanbietern (Filmindustrie) mitsamt Technologieführer Dolby und der asiatisch dominierten Geräteindustrie.

HDR - ein Verfahren diversifiziert sich

Offenbar hat die Lizenzpolitik von Dolby, wo mit Dolby-Vision sozusagen die reine HDR-Lehre vertreten wird, nun doch genügend Widerstand erzeugt. Hatte bisher schon das maßgeblich von der BBC initiierte Verfahren HLG den auf eine Übertragungsnorm angewiesenen Rundfunkanstalten eine sinnvolle Alternative eröffnet, hat nun auch die Geräteindustrie mit HDR10+ einen großen Schritt nach vorne getan, das teure Dolby überflüssig zu machen. Panasonic schloß sich dem von Samsung propagierten Verfahren an, und mit dem Einstieg von 20th Century Fox hat man auch ein großes Filmstudio gewonnen.

Amüsant mag man die Ignoranz der Beteiligten finden, die immer die gleichen Koalitionskriege ausfechten - bei der Einführung von NTSC, bei der Bildplatte, bei den Videosystemen, dem CD-Nachfolger und dem DVD-Nachfolger. Ärgerlich bleibt dabei, daß es stets Jahre dauert, bis sich der Pulverdampf verzogen hat und die Preise qua Massenmarkt ein akzeptables Niveau erreicht haben. So lange der physikalische Konstrastempfang der Bildschirme ohnehin noch eine technische Herausforderung darstellt, wird man mit dem dynamischen Näherungsverfahren HDR10+ gut bedient sein.

HDR wird einfach als eines der vielen Bildverbesserungsverfahren implementiert, die immer schon die Fernsehtechnik begleitet haben, angefangen beim Zeilensprung, über die 100 Hz-Technik und PALplus bis zur Hochskalierung und 3-D-Simulation. Bisher haben wir auch kaum Filme zu sehen bekommen, in denen HDR, und zwar ein dramaturgisch festgelegtes HDR, eine Rolle gespielt hätte. Von einem künstlerischen Innovationsdruck kann jedenfalls keine Rede sein. Vielleicht hat das auch damit zu tun, daß HDR eine Technik für gnadenlose visuelle Deutlichkeit ist. Nichts kann sich mehr im Schatten starker Luminanzkontraste verstecken; alles leuchtet und prangt in Farben.

Weitere Entwicklungspfade

Samsung griff eine alte Idee auf: der Fernseher als flaches Bild an der Wand, einem Gemälde vergleichbar. Der Kunstanspruch dieses Gerätes, das sich "Der Rahmen" nennt (The frame), dokumentiert sich einerseits in wechselbaren Gehäuserahmen, die Holz täuschend echt imitieren. Andererseits in einer von Samsung aquirierten und dem Kunden bereitgestellten Kollektion von hundert Kunstwerken, die dann gleichsam original auf dem Bildschirm stattfinden und so den möglicherweise etwas unheimlichen Anblick eines schwarzen Loches an der Wand vermeiden.

Früher hätte man Bildschirmschoner dazu gesagt, aber geschont wird der Bildschirm ja nicht. Immerhin leidet er nach Herstellerangaben auch nicht durch das Standbild. Aber aufgrund der hiesigen Strompreise ist es Kunst mit Folgekosten, 80 W verbraucht die Anzeige. Ein Bewegungsmelder schaltet das Gerät freilich ab, wenn sich niemand im Raum befindet. *

Was Samsung kann, können wir schon lange - hat man sich wohl bei LG gedacht und ebenfalls einen Fernseher mit Kunstattitüde in Szene gesetzt. Dieser kann sich allerdings biegen! So hat man dann ein Blumenfeld van Goghs in gebogenem Goldrahmen an der Wand hängen. * * * * * *

Es gibt noch eine gewissermaßen entgegengesetzte Strategie, das schwarze Loch zu vermeiden, jedenfalls bei den selbstleuchtenden OLEDs: der durchsichtige Bildschirm. Panasonic stellte einen solchen vor, freilich nur als Prototyp. * * * * * * * *

Firmenkarussell - Rückkehrer

"Sharp is back", verkündete der Vizepräsident Bob Ishida auf der Pressekonferenz des einst hoch angesehenen Unternehmens. Möglich wurde dies durch Kooperationen mit den Firmen und Zulieferern UMC und Foxconn. Tatsächlich scheint Sharp vorerst stabilisiert und geht mit einigem Elan die (hauptsächlich japanischen) Herausforderungen an. Diese bestehen in einer Produktionskette für 8k-Fernsehen, das von der japanischen Fernsehanstalt NHK zu einem Prestigeprojekt gemacht worden ist. In Japan geht bereits ein Empfangsgerät mit 70" in die Produktion und soll im kommenden März auch in Deutschland verfügbar sein.

Beiläufig stellte Sharp auch den weltgrößten LCD-Bildschirm mit 120 Zoll Diagonale aus. Nach wie vor beschäftigt sich das Unternehmen mit flexiblen Bildschirmformaten, neudeutsch "Free form display", die etwa an Litfaßsäulen angebracht werden könnten. Sharp möchte die LCD-Kompetenz auch in die Smartphones bringen und zeigte ein Modell mit 4k Auflösung, HDR-Fähigkeit, Ultraweitwinkel und 120 Hz Bildfrequenz.

Metz meldete sich ja schon im Vorjahr zurück, ist aber noch dabei, die neue Unternehmensform in Abstimmung mit dem Mutterkonzern Skyworth zu stabilisieren. Dieser tritt seit diesem Frühjahr hierzulande auch unter dem eigenen Namen auf, jedoch im Massenmarkt, von dem Metz weit entfernt ist. Das Vertrauen des Fachhandels hat Metz zurückgewonnen, der Umsatz ist gestiegen, und man hegt auch - wie freilich die meisten Hersteller - eine luxuriöse Zukunftsvision, den "Wallpaper OLED".

Wie eine Tapete soll dieser Bildschirm an der Wand hängen, der nurmehr 4 mm dick ist. Für die Elektronik und erst recht die Lautsprecher ist da natürlich kein Platz; sie müssen in einen separaten Riegel ausgelagert werden. Zwischen beiden Geräteeinheiten ist ein unauffälliges Flachbandkabel zu denken. * * * *

Konsolidiert stellte sich auch Loewe dar, deren Firmenmotto "Eine Erfolgsgeschichte aus Deutschland" freilich nicht mehr so ganz wörtlich zu nehmen ist. Wie bisher schon wird mit Designideen eine Hochpreispolitik gerechtfertigt, auch wenn einzelne Modelle mit Einsteigerpreisen deklariert werden. Daß ein Lautsprecherpaar, das in der Hifi-Ära lediglich in der Mittelklasse angesiedelt gewesen wäre, bei Loewe als "Klang 9" mit knapp 6000 Euro zu Buche schlägt, also ebenso viel wie mancher Fernseher, müßte ein Kunde auch erst verdauen.

Als Rückkehrer könnte man leicht sarkastisch auch Nordmende bezeichnen, von denen wir einige Radios zu sehen bekamen und deren Fernseher Wegavision ebenfalls vor einer Wiederbelebung stehen. Technisat hat die Markenrechte gekauft und möchte damit vermutlich das eigene Qualitätsmerkmal der inländischen Produktion unterstreichen. Daß künftig aber unter der Marke TELEFUNKEN auch neue E-Bike-Modelle vermarktet werden, strapaziert die Nachsicht des Publikums doch sehr. Karcher präsentierte solchermaßen einige Trekking-E-Bikes und Mountainbikes. Notabene hat Technisat neuerdings ebenfalls Fahrräder im Programm.

Auch Polaroid, das Sofortbildsystem, tauchte auf der Bühne der digitalen Bildproduktion wie ein Zombie auf. Offensichtlich wird hier nur Nostalgiebedürfnis bedient, denn jede Digitalkamera ist heute eine Sofortbildkamera, die das Teilen der Bilder meist auch per Funk ermöglicht. Wenn jemand unbedingt einen Papierausdruck haben wollte, hätte es vor etlichen Jahren schon kleine portable Fotodrucker mit entsprechendem Papier gegeben. Nun aber vermarktet eine Firma namens Polaroid für knapp 250 Euro erneut ein proprietäres Fotosystem mit einem eingebauten proprietären Drucker, und Filter in der Software stellen auch die gewünschten Farbstiche von damals wieder her - neudeutsch "Vintage-Look".

Ein wenig Organisationskritik zwischendurch

Die Informationsinfrastruktur der Messe zeigte gelegentlich Lücken. Daß man selbst in der Pressestelle zunächst nicht wußte, daß und wo Samsung seine Pressekonferenz anberaumt (oder vielmehr geheimgehalten) hatte, gibt doch zu großer Verwunderung Anlaß. Kriterium kann ja hier wohl nicht sein, daß der Ort nicht auf dem Messegelände lag - sondern im Tempodrom in Berlin Mitte, wofür uns noch heute jegliche Begründung fehlt. Immerhin ist Samsung der Hauptmieter im City-Cube.

Die Neubelegung der Halle 26 mit der IFA next, den Keynotes und dem IFA+Summit, ist topologisch sehr gelungen, im Detail allerdings verbesserungswürdig. Die Akustik in dem für Vorträge genutzten Zentrum ist ohne Schallschutzwände unzulänglich, die Beschilderung der Hallenausgänge ungenügend. Das neu gestaltete Pressezentrum kann man nur loben, auch wenn dafür die Gepäckablage zum Eingang Ost verlagert werden mußte.

Praxis und Prognosen bei Programmachern und Plattform

In der PTKO, dem Presseforum der Produktions- und Technik-Kommission von ARD und ZDF, wurde diesmal ein genauerer Blick auf die Praxis der Programmherstellung geworfen, plakativ unter dem Begriff Produktion 4.0. Strategische Neuerungen stehen bis auf weiteres nicht an, die DVB-T2-Einführung geht seit dem Stichtag im März planmäßig voran. Wie also verändern die seit Jahrzehnten erfolgten Effizienzsteigerungen der technischen Ausstattung den Produktionsalltag? Immerhin konnte man dem Grußwort der Intendantin des gastgebenden RBB, Patricia Schlesinger, entnehmen, daß sie dies überhaupt dürfen. "Wir müssen unsere Strukturen verändern", lautete ihre von zarter Selbstkritik umwehte Einsicht, "die Zeit des Gigantismus ist vorbei".

Zu dieser Einsicht hätte man gewiß auch schon vor zwanzig Jahren gelangen können, aber wenn ihr wenigstens jetzt Taten folgen würden, wäre auch schon viel erreicht. Mutig hatte man auch einen Fachmann für Produktion 4.0 aufs Podium geholt, Prof. Dr. Key Pousttchi, Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung in Potsdam, der sicherlich sehr gerne einmal die Strukturen der ARD auf ihre Disruptionsfestigkeit hin durchleuchtet hätte. Jedenfalls zeigte er sich skeptisch, was die intrinsische Innovationsfähigkeit eines solchen Gebildes wie der ARD anging.

Wie effizienzsteigernd und kreativ sich Kostendruck in einer nicht monopolgeschützten Konstellation auswirken können, zeigte Guido Baumhauer von der (aus sehr kritisierbaren Motiven) sehr kurz gehaltenen Deutschen Welle. Mit geringstem Aufwand wird dort in Nachrichtensendungen die Verbindung zur Social-Media-Sphäre hergestellt, Flexibilität mit Interaktivität in Einklang gebracht. Die Moderatorin einem kleinen Studio bedient mit einem Fußschalter zwei automatische Kameras, und auf dem Berührungsbildschirm können die jeweiligen Kommentar- und Nachrichtenquellen ausgewählt werden.

Martin Decker zeigte, wie im SWR "Mobile Reporting" funktioniert, nämlich Bilderfassung und Nachbearbeitung im Smartphone mit der SWR-Video-App. Demonstriert wurde dies sinnvollerweise auch in Echtzeit, mit einem Beitrag für die SWR-Nachrichtensendung, der noch während des Vortrages geschnitten und sendefertig gemacht wurde. Daß die Software hierfür sehr intuitiv bedienbar sein muß, versteht sich, und daß gleichwohl nicht alle lokale Berichterstattung künftig auf diese Weise erledigt werden kann, versteht sich auch. Doch wäre es ein Versäumnis, die enormen technischen Möglichkeiten der Geräte, deren Auflösung mit 4k ja bereits über der Sendefähigkeit liegt, nicht so weit als möglich zu nutzen.

Die Deutsche TV-Plattform

Die Deutsche TV-Plattform legte eine Bestandsaufnahme vor: "Wo stehen wir bei UHD und VR?" Mit einem Vortrag des Audi Digital-Managers Nils Wollny und einer eigenen Broschüre "Mediennutzung beim Autonomen Fahren" lehnte man sich freilich weit aus dem Fenster. Dazu verführte wohl der große Abstand zwischen der in präparierten Umgebungen erreichbaren und der im realen Straßenverkehr erlaubten Autonomie. Man verteilt das Fell des Bären gewissermaßen, bevor er überhaupt erlegt ist. Für Mediennutzung wird in deutschen Großstädten im Auto noch lange keine Zeit übrig sein.

Daß sich durch autonome Fahrzeuge die Wartezeit auf ein Taxi in New York von 5 min. auf 36 sek. reduzieren ließe, ist in einer deutschen Stadt, wo man 10 min. auf eine U- oder S-Bahn zu warten gewohnt ist und die Vermehrung des Taxiangebotes durch die Firma Uber auf erbittertsten Widerstand stößt, offensichtlich irrelevant. Daß sich der Wert der durch autonomes Fahren frei gewordenen Zeit (bei einem angenommenen Bruttosozialprodukt von 5 $/h) auf 2 Billionen $ belaufen soll, ist ebenfalls irrelevant, wenn damit nicht einer Ausweitung der Arbeitszeit das Wort geredet werden soll.

Die Furcht der Automobilhersteller, daß dem Fahrer durch autonomes Fahren der Fahrspaß und damit die Akzeptanz des Produktes schwinden könnte, hat bereits zu einem euphemistischen Gegenentwurf geführt. Für Wollny gibt es einen Paradigmenwechsel "Vom Fahrerlebnis zur Erlebnisfahrt". Daß mit einer solchen Formel die Realität in deutschen Großstädten mit ihren absichtsvollen Verkehrsobstruktionen nicht einmal gestreift wird, bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Nachzudenken wäre indes auch darüber, daß es bisher und seit Jahren schon eine keineswegs kleine Gruppe mehr oder weniger unfreiwillig autonom fahrender Zeitgenossen gibt, die Nutzer des ÖPNV. Es ist nicht bekannt geworden, daß sich deren Mediennutzung gravierend und auffallend wertschöpfungssteigernd vom Durchschnitt der Mobilnutzer unterschiede und hier unversehens und unbemerkt eine Wachstumsbranche für Unterhaltung, Kommunikation und Kreativität entstanden wäre.

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