Dienstag, 12.12.2017 22:50 Uhr

Alles Digitalisierbare wird digitalisiert: Münchner Kreis

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 05.02.2016, 19:06 Uhr
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Aus dem Vortrag von Peter Sany, TM Forum
Aus dem Vortrag von Peter Sany, TM Forum  Bild: Peter Sany

München [ENA] "Neue Produkte in der digitalen Welt – Chancen und Herausforderungen". Irritierend harmlos klingt der Titel dieser Fachkonferenz des Münchner Kreises Ende Januar 2016 - als ob die digitale Welt nicht seit mindestens 35 Jahren fortwährend und sich überstürzend neue Produkte auf den Markt brächte.

Noch in aller Erinnerung ist der Wettlauf um immer schnellere Prozessoren und immer größere Festplatten bis an die jetzt erreichten physikalischen Grenzen. Ein Computerhersteller wie Nixdorf ist dabei auf der Strecke geblieben und wirkt nun nur noch als Stiftung und Mitveranstalter der Fachkonferenz fort. Auch Siemens stellte einmal Rechner her, und gerade jetzt sah Dr. Norbert Gaus seine Firma "on its Way to a Digital Company". Ein digitales Unternehmen genau dann, wenn man keine Computer mehr baut?

Welche Digitalisierung brauchen und wollen wir?

Anscheinend brauchte es diese jahrzehntelange Inkubationszeit, zumindest hierzulande, ehe der Digitalisierungsprozeß wirtschafts- und gesellschaftspolitisch relevant werden konnte (oder durfte) und größere Aufmerksamkeit gewann. Auch die bevorstehende CeBIT im März in Hannover stellt eben erst fest: "Die digitale Transformation ist da". Offenbar liegt hier ein Mißverständnis vor, wie auch eine Bemerkung von Gaus nahelegte. Auf der tags zuvor stattgefundenen Siemens Hauptversammlung sei der Begriff "Digitalisierung" derart intensiv verwendet worden, daß der Aktienkurs daraufhin "am Ende des Tages" (wie die sonst so beliebte Vortragsfloskel lautet) tatsächlich um einige Prozent gestiegen sei.

Was Gaus als tatsächliche Digitalstrategie seines Unternehmens beschrieb, waren freilich alles andere als überraschende Einsichten und Fortschritte, vielmehr die sinnvolle und unvermeidliche Verwendung digitaler Instrumente bei Planung, Fertigung und Wartung der eigenen Produkte. Ins Werk gesetzt wird diese Strategie mit beträchtlichem methodischem Aufwand und trägt mit dem Motto "Ingenuity for life" auch ein zeitgeistkompatibles Etikett.

Was hier mit Digitalisierung gemeint zu sein scheint und was Prof. Dr. Michael Dowling, Vorstandsvorsitzender des Münchner Kreises, dann auch so präzisierte, ist die digitale Vernetzung bisher nicht vernetzter Produkte, Geräte und Dienstleistungen, d.h. der Umbau der Wirtschaft einerseits zu der hierzulande vielbeschworenen Industrie 4.0 (die freilich immer noch von der klassischen Industrie her gedacht ist), andererseits zur "Uberisierung" ganzer Branchen und zur Shareconomy. Technisch ist das nicht weiter aufregend, denn die Sensoren und Protokolle, Softwareherausforderungen und Sicherheitsarchitekturen sind seit langem bekannt.

Die Frage geht eher dahin: welche Volkswirtschaft bewältigt den Strukturwandel am Besten und welche Gesellschaft/Kultur bietet das innovationsfreundlichste Klima - oder setzt den Profitinteressen der Netzwerkkonzerne den geringsten Widerstand entgegen? Wie man weiß, ist die Zukunft immer schon da, nur sehr ungleich verteilt, und im Hinblick auf den Standort D ist man leicht geneigt zu fragen, wie viel Zukunftsverweigerung man sich hier wie lange noch leisten will oder ob man auch etwas anderes als nachholende Übernahme fremder Geschäftsideen zu Stande bringt.

Gesundheit

Der Münchner Kreis suchte dem Phänomen digitalisierter Branchen in vier Workshops näher zu kommen. Für den Bereich Gesundheit sahen wir unterschiedlich forschungsintensive Perspektiven. Dr. Bernhard Wolf, Heinz Nixdorf-Lehrstuhl der TU München für Medizinische Elektronik, sprach von Nanopillen (für die gastroskopische Untersuchung), intelligenter Asthmaprophylaxe aufgrund individualisierter Dosierung, personalisierter Chemosensitivität als Grundlage von Krebstherapie und auch von der Einsparung von Arzt- oder Klinik-Kontrollbesuchen durch Meßwertübermittlung von zuhause.

Daß er dabei unumwunden zugab, der Datenbestand des Expertensystems sei im Projektverlauf zweimal gehackt worden, unterstreicht einerseits seine Seriosität als Wissenschaftler, andererseits die Amateurhaftigkeit des IT-Standortes Deutschland, denn der betreffende Sicherheitszulieferer schien durch seine Zertifizierung für die Bundeswehr hinreichend qualifiziert... *

Daß in diesem Zusammenhang das staatliche Projekt der Gesundheitskarte (oder digitalen Krankenakte) entweder gar nicht oder nur mit achselzuckendem Bedauern erwähnt wurde, überraschte nicht, denn seit sehr vielen Jahren kümmert das Vorhaben, das die Vorteile der Digitalisierung ins Gesundheitswesen hätte bringen sollen, ohne nennenswerten Ertrag vor sich hin. In der Diskussion wurden die Gründe für das Scheitern namhaft gemacht, hauptsächlich die Weigerung der Ärzteschaft und, dahinter stehend, der Unwillen der Krankenkassen, sich auf neue Honorarverhandlungen einzulassen.

Die Einträge in der Gesundheitsakte seien abrechnungstechnische Fiktionen, aus denen der tatsächliche Diagnose- und Therapieverlauf nicht ablesbar sei. Diese Art der "doppelten Buchführung" wäre formal als Mißbrauch zu qualifizieren, folgt aber aus den unrealistisch niedrigen Abrechnungssätzen in der Gebührenordnung für Ärzte. Dieses prekäre Gleichgewicht der Heuchelei würde durch die mit der Digitalisierung unvermeidlich einhergehende Transparenz zerstört, und auf dieses Schlachtfeld will sich niemand begeben.

Ähnliches gilt für Dentisten, die etwa eine intelligente Zahnschiene (SensoBite) zum Abtrainieren von Zähneknirschen sabotieren, weil sie den Behandlungsbedarf und damit ihren Umsatz reduziert. Dazu kommt eine doch sehr deutsche Form von Regulierungsstarrsinn, der etwa im erwähnten Beispiel der Asthmatherapie dazu führt, daß eine solchermaßen, nämlich individualisierte Medikation eine Neuzulassung des Medikamentes erfordert, die natürlich niemand bezahlen kann.

Geradezu idyllisch nahm sich in solchen Rahmenbedingungen die Vorstellung der bekannten VR-Brille Oculus Rift durch das münchner Start-Up TNG aus, wo man über die naheliegenden Möglichkeiten einer dreidimensionalen Abbildung oder Überlagerung des menschlichen Körpers nachdenkt. Anwendungen können, abgesehen von der medizinischen Ausbildung, etwa ein intelligenter Blindenstock, eine Kakerlaken- oder Spinnendesensibilisierung oder eine Parkinson-Prävention mit einem Gyroskop auf der Hand sein.

Anja Gottschalk-Wenk, ebenfalls aus München, skizzierte die Parameter einer digitalen Optimierung der Fitness-Branche. Die Betreiber der Studios hätten bisher eine zu unstrukturierte Kundenverwaltung, unsystematische, zu wenig individuelle Trainingspläne, könnten zu wenig Motivation liefern usw. Bei eGym nun wurden die "dummen", nur mechanischen Geräte durch elektromotorische ersetzt, die elektronisch regelbare Widerstände lieferten. Weiters lassen sich die Geräte dadurch automatisch an jeden Übenden anpassen und das ganze Übungsprogramm im Ablauf und prospektiv bestmöglich entfalten. Die Studioauslastung steigt, der Trainingseffekt wächst und die Kundenzufriedenheit natürlich auch.

Finanzen

Die Perspektiven der Digitalisierung für den Bereich Finanzdienstleistungen lassen sich nur in großem strategischen Rahmen richtig beurteilen, wenn man den z.T. atemberaubenden, z.T. bedrückenden Ausführungen von Peter Sany und Ulrich Dietz folgte. Ersterer sprach für das schweizer TM-Forum über Insurance on Demand – Digitalization transforms insurance. Die Ad-hoc-Versicherung funktioniert offensichtlich am Besten, wenn die für die Risikobewertung nötigen Daten schon abrufbar vorliegen.

Das ist im wesentlichen das gesamte Leben des Betreffenden, idealerweise niedergelegt in der "Timeline" der "sozialen Netzwerke" und den "freiwillig" erhobenen Daten der Selbstvermessung. Dies ist aber nur eine Seite der Liquidierung der klassischen Versicherung, die ja auf Unkenntnis oder Streuung von Risiken beruht. Sany sah auch die Gelegenheit, Versicherungen wieder auf ihr ursprüngliches Prinzip zurückzuführen, als Versicherung auf Gegenseitigkeit, und es mit dem modernen Prinzip des Crowdfunding zu verbinden.

Ulrich Dietz, GFT, hatte auch ein Konzept für die Zukunft, nämlich: "Denken. Machen." Der digitale Wandel werde keinen Bereich des klassischen Bankgeschäfts unberührt lassen. Auch bei "Fin-Tech"-Unternehmen sei die Ökonomie der Plattformen wirksam, deren Vorteile die Bündelung vorhandener Angebote und Erschließung mit Big-Data-Verfahren sind, unabhängig von traditionellen Branchenstrukturen. So lange dort noch Hybris oder Ignoranz regierten, sei Disruption ein notwendiges Korrektiv.

Geläufig kam in der Diskussion die Rede vom "Rückstand" Deutschlands bei der Durchsetzung des mobilen oder zumindest bargeldlosen Zahlungsverkehrs daher. Auch hier reichen sich offensichtlich die staatlichen und wirtschaftlichen Interessen(ten) die Hände. Gerade weil ihnen die Anonymität des Bargeldes ein Dorn im Auge ist, müßte man diese um so mehr verteidigen. Die digitale Welt hat es trotz aller Kryptographie leider versäumt, für diese Eigenschaft Ersatz zu schaffen, denn die Kunstwährung Bitcoin, die an sich anonym wäre, ist mit anderen, schwerwiegenden Nachteilen verbunden und für einen universellen Einsatz ungeeignet.

Fertigung

Unter den Ausstellern, die die Konferenz bereicherten, befand sich die neu gegründete und von Intel in einem Wettbewerb preisgekrönte münchner Firma Pro-Glove, deren Datenhandschuh in Fertigung und Logistik einsetzbar ist. Hier wird der Handschuh klüger als sein Träger, oder anders gesagt: als Handlanger kann man dann jeden Deppen nehmen, so lange er beweglicher und billiger als ein Roboter ist. Nochmals anders betrachtet: es ist die perfekte Technologie, mit der der Chef seinen Arbeitssklaven buchstäblich und ununterbrochen auf die Finger schauen kann.

Die Taylorisierung der Arbeit wird damit vollendet und der Mensch jederzeit am digitalen Modell des "optimalen Arbeitsablaufs" meßbar. In den 90er Jahren bastelte man auch schon Datenhandschuhe. Damals aber war der digitale Kommerz noch nicht das Maß aller Dinge. Einen solchen Handschuh trug etwa ein Dirigent zum Dirigieren eines digitalen Orchesters (Tod Machover). Aus heutiger Sicht nimmt sich dies fast biedermeierlich aus.

Fazit

Das Fazit des Kongresses fiel, kaum überraschend, zwiespältig aus. Für den hiesigen Standort sind Rückstände und Versäumnisse zu beklagen, schlimmer noch: regulatorische Hemmnisse oder bürokratische Ignoranz. Der zweite Blick sieht aber vielleicht, daß das amerikanische Erfolgsmodell in Europa aufgrund seiner anderen Kultur gar nicht möglich gewesen wäre, also auch nicht versäumt wurde, und hinter der europäischen Herangehensweise Werte stehen können, die es wert wären, aufrecht erhalten zu werden, etwa die informationelle Selbstbestimmung.

Ubiquitäre, netzwerkfähige Sensoren ermöglichen ubiquitäre Datenerfassung und Überwachung. Intransparente Konzerne und Administrationen errichten daraus eine Transparenzdiktatur, die sich aber hinter der Fassade vermeintlich bequemer Nutzungsszenarien unsichtbar macht. Es ist wichtig, darauf zu bestehen, daß Digitalisierung mehr sein muß und kann, als was sich (gerade) rechnet.

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