Samstag, 06.06.2020 07:38 Uhr

Globale Lieferketten unter Druck

Verantwortlicher Autor: Hubertus C. Tuczek München, 30.04.2020, 08:41 Uhr
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Autoindustrie in Corona-Zeiten
Autoindustrie in Corona-Zeiten  Bild: Hubertus C. Tuczek

München [ENA] Die Corona-Pandemie hat die Wirtschaft hart getroffen, insbesondere auch die Autoindustrie. Im Zuge von Produktionsausfällen werden besonders die globalen Abhängigkeiten in den Lieferketten deutlich. Ein Wiederanfahren von Produktionen kann ohne internationale Koordination nicht funktionieren.

COVID-19 hat die Herausforderungen in der Automobilindustrie in eine massive Krise verwandelt. Der weltweite Fahrzeugverkauf ist ins Stocken geraten, Produktionsstätten wurden geschlossen und viele Lieferketten sind zum Erliegen gekommen. In China gingen die Fahrzeugverkäufe in den ersten 2 Monaten des Jahres 2020 um 84 Prozent zurück. In Europa gab es bis März Produktionsverluste von mehr als einer Millionen Fahrzeuge. Die globalen Lieferketten leiden unter Grenzschließungen, dem Ausfall von Zulieferern und den erschwerten Bedingungen der Versorgungslogistik im Allgemeinen. Die Aktienkurse der deutschen Hersteller haben sich in kurzer Zeit halbiert (z. B. Daimler von 60 € auf unter 30 €) und sind auf historischem Tiefstand gefallen.

Kein Land ist so stark in globale Lieferketten integriert wie Deutschland, wie aus einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hervorgeht. Der Grad der wirtschaftlichen Verflechtung der Bundesrepublik beläuft sich auf 88 Prozent, gemessen am Verhältnis des Handelsvolumens (Summe von Importen und Exporten) am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Im Jahr 2019 wurden Vorprodukte wie z.B. elektronische Bauteile für insgesamt 600 Milliarden Euro importiert. Das entspricht mehr als der Hälfte aller Wareneinfuhren. Diese wiederum werden zu einem guten Teil für die Herstellung von Produkten für den Export verwendet. Damit schafft Deutschland in seinen Partnerländern weltweit eine große Zahl von Arbeitsplätzen.

Anders als allgemein vermutet entfällt der Großteil dieser ausgelagerten Wertschöpfung nicht auf Asien, sondern zwei Drittel davon kommen aus anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union und nur jeweils ca. 5% aus USA und China, wie die IW-Forscher errechnet haben. Da diese Lieferketten nun ins Stocken gekommen sind, müssen Produktionen langsam hochgefahren werden, um die Engpässe transparent zu machen. Nachdem ein Großteil der europäischen Zulieferungen aus Frankreich und Italien kommen, kann dies nur gelingen, wenn in diesen Ländern die entsprechenden Voraussetzungen geschaffen werden können. Hier zeigt sich die Notwendigkeit einer europäisch aber auch international abgestimmten Vorgehensweise besonders deutlich.

Neben der politischen Dimension spielt dabei die finanzielle Unterstützung von Unternehmen in den jeweiligen Ländern zur Überwindung des Markt- und Umsatzeinbruches eine gewichtige Rolle. Sollte nur ein Teil zur Komplettierung eines Fahrzeuges fehlen – auch kleinere Lieferanten spielen hier oft eine Schlüsselrolle – können auch die Werke in Deutschland nicht produzieren. Somit können zu erwartende Insolvenzen schnell kritische Zustände für die gesamte Branche herbeiführen. Hieraus einen Handelskonflikt abzuleiten und auf nationale Produktion zu setzen, wäre sicher der falsche Weg. Unser wirtschaftlicher Erfolg beruht auf der effektiven Nutzung dieser globalen Lieferketten. Für kritische Medizinprodukte ist dies jedoch sicher zu diskutieren.

Die Krise bietet aber auch die Chance, die dringend gebotene Digitalisierung in den Unternehmen voranzutreiben. Im Supply Chain Management bedeutet dies, digitale Tools für die Transparenz der Lieferkette zu entwickeln, die Prognosen auf Basis von KI-gestützten Algorithmen erstellen. Auch in den kommenden Monaten und Jahren wird es aufgrund der vielen Unwägbarkeiten zu sofortigen Produktionsanpassungen kommen müssen. Das gilt natürlich auch für das Produkt Auto, bei dem laut dem VW-CEO zukünftig "Software 90 Prozent der zukünftigen Innovationen ausmachen wird". Im Vergleich zu einem Smartphone wird ein Auto damit ein Vielfaches der Software-Komplexität aufweisen (10 bis 1000x Anzahl Zeilen Software-Code). Darauf gilt es sich vorzubereiten!

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