Sonntag, 25.07.2021 02:22 Uhr

Die Corona-Pandemie und das Komplexitätsmanagement

Verantwortlicher Autor: Hubertus C. Tuczek München, 26.05.2021, 21:28 Uhr
Kommentar: +++ Wirtschaft und Finanzen +++ Bericht 5040x gelesen

München [ENA] Die Corona-Pandemie wirkt wie ein Brennglas für verschiedene technologische und gesellschaftliche Phänomene. Zum einen werden die Defizite im Bereich der Digitalisierung deutlich sichtbar, zum anderen lassen sich Probleme und Schwächen im Umgang mit Komplexität ausmachen. In diesem Kontext hilft es sich die Prinzipien des Komplexitätsmanagements zu eigen zu machen und anzuwenden.

Zunächst einmal ist Komplexität ein natürliches Phänomen und sie beschreibt sowohl die uns umgebende Natur wie auch uns Menschen. Es handelt sich dabei um nicht-lineare Systeme, bei denen die Vorhersagbarkeit der Systemantwort auf einen bestimmten Eingangsimpuls nur bedingt bzw. nicht gegeben ist. Ein anschauliches Beispiel liefert das Wetter. Die Zuverlässigkeit der Wettervorhersage kann eine Woche betragen, manchmal aber sind es auch nur 24 Stunden. Auch reagieren Menschen auf gleiche Anfangsbedingungen sehr unterschiedlich. Die Entwicklung des Börsenkurses folgt ebenso keinem deterministischen Muster.

Die faktenbasierte Bewertung eines Unternehmens wird durch eine Vielzahl von Interpretationen, Erwartungen und Interessen der beteiligen Akteure überlagert, so dass Erklärungsversuche zu dem resultierenden Börsenkurs oftmals nur in der Rückschau gegeben werden können. Darüber hinaus zeichnen sich komplexe Systeme durch exponentielles Wachstum aus. Womit wir bei der Corona-Pandemie wären. Die rasante Verbreitung des Covid-19-Virus über die gesamte Welt ist dieser exponentiellen Ansteckungslogik geschuldet. Das ist auch insofern problematisch, da wir gewohnt sind, in linearen Zusammenhängen zu denken und wir so Schwierigkeiten haben, diese exponentiellen Entwicklungen tatsächlich zu verstehen.

Besonders tückisch wird es durch die Tatsache, dass die exponentielle Kurve zunächst sehr flach beginnt. Das lässt sich mit dem Kaffeefiltereffekt sehr anschaulich beschreiben. Zunächst läuft Wasser in den mit Kaffeepulver gefüllten Kaffeefiltern ein, ohne das am unteren Ende des Filters Flüssigkeit hinausläuft. Erst wenn die Befeuchtung des Kaffees einen bestimmten Grad erreicht hat, wird er durchlässig und der Kaffee kann in die Kanne einlaufen. In der Physik ist dieses Phänomen unter Perkolation bekannt. Epidemiologen nutzen es, um Infektionsgeschehen in einer Population zu untersuchen. Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité, hat mit diesem nachvollziehbaren Beispiel die Ausbreitung des Coronavirus beschrieben.

Der sogenannte Schwelleneffekt tritt ein, wenn das Virus von einem Cluster (Menschengruppe) auf ein anderes Cluster überspringt. In diesem Moment beginnt der steile Anstieg auf der exponentiellen Kurve (Verdopplungseffekt) und die Ausbreitung des Virus gerät schnell außer Kontrolle. Der sogenannte R-Wert (die Reproduktionsrate) beschreibt die Steilheit der Kurve und ist damit ein Maß für die Anzahl der Zeiteinheiten (auch Generationen genannt) bis zur Verdopplung der Ausbreitung. Daher gilt das Ziel den R-Wert unter 1 zu halten, um die Epidemie einzudämmen.

Was heißt das für das Management dieser komplexen Situation? Zunächst einmal heißt es die Komplexität der Situation zu verstehen, anzunehmen und damit umzugehen. Nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik muss in jedem lebenden System eine Ordnung gefunden werden, die den Energieaufwand zur Erhaltung der Funktionen so gering wie möglich hält, um das Überleben dauerhaft zu sichern. Die geringste Energie wird in dem Zustand verbraucht, wenn der Mensch das Gefühl hat, die Situation zu verstehen und zu erleben, dass alles zusammenpasst und dass man die Aufgabe bewältigen kann. In der Wissenschaft nennt man diesen Zustand Kohärenz.

Laut Gerald Hüther, Deutschlands bekanntestem Hirnforscher, ist unser Gehirn laufend damit beschäftigt einen Zustand der Kohärenz herzustellen, um mit möglichst wenig Energie die verschiedenen Lebenssituationen bewältigen zu können. Das erklärt die Anfälligkeit für sogenannte Verschwörungstheorien, die grundsätzlich darauf beruhen Sachverhalte zu vereinfachen und damit leicht verständliche Erklärungsmuster zu liefern. Man kann zwar in der Kommunikation zum Beispiel durch die Auswahl einzelner Kennzahlen die Wahrnehmung und den Umgang mit der Problemstellung vereinfachen, allerdings geht die Komplexität dahinter deswegen nicht weg.

Die moderne Managementlehre hält für den Umgang mit Komplexität die Prinzipien der Agilität bereit. Da das Ergebnis einer Intervention in einem komplexen System nicht vollständig vorhersehbar ist, muss man in kleinen Schritten agieren. Es bedarf konstanter Rückkopplungsschleifen, um festzustellen, inwieweit der gewünschte Effekt eingetreten ist, und die nächste Intervention entsprechend auszurichten. Vor diesem Hintergrund muss man den Politikern und handelnden Akteuren zugestehen, dass es für die Behandlung dieser neuen und komplexen Situationen der Pandemie keinen Masterplan geben kann, sondern man situationsbezogen reagieren muss.

Die Abarbeitung von bürokratischen Prozessen jedoch ist das genaue Gegenteil von Agilität. Ein wesentliches Prinzip der Agilität beruht auf Selbstorganisation. Im komplexen Kontext bedeutet dies, die Verantwortung für das Handeln dorthin zu legen, wo auch die Auswirkungen des Tuns spürbar sind. Bezogen auf die Pandemie heißt das, Verantwortung für die Maßnahmen in die Landkreise und Kommunen zu geben, da wo Ursache und Wirkung zusammenkommen. Aus einer systemischen Sicht reicht es aus, zentral die Rahmenbedingungen und übergeordnete Ziele für das selbstorganisierte Handeln festzulegen, um eine einheitliche Ausrichtung des Gesamtsystems zu erreichen.

Auf der anderen Seite ist ein übergeordnetes Systemverständnis vonnöten, um Gesamtzusammenhänge zu sehen und als Entscheidungsgrundlage heranzuziehen. So macht es zum Beispiel keinen Sinn bei der Beschaffung von Impfstoffen zu sparen, um dann für jede Woche, die der Lockdown länger dauert, Milliarden an volkswirtschaftlichen Verlusten zu haben, die dann mit teuren Unterstützungsprogrammen aufgefangen werden. Gleiches gilt für Aufwendungen für zusätzliche Testzentren, die z.B. Schließungen im Bereich der Gastronomie vermeiden helfen. An der Stelle kommt es auf kompetente Führung an, die – ausgestattet mit Systemverständnis – diese übergeordneten Zusammenhänge erkennt und in die Entscheidungsprozesse konsequent und rechtzeitig einbringt.

Mut und Entschlossenheit sind wesentliche Merkmale dieses Führungsanspruches, da in der arbeitsteilig organisierten Welt die Gesamtzusammenhänge oftmals in den geteilten Befugnissen untergehen. Es werden lokale Optimierungen durchgeführt, die zwar gut gemeint sind, aber nicht zum Ziel führen. Die Corona-Pandemie hat uns die Schwächen unseres politischen und gesellschaftlichen Systems schonungslos vor Augen geführt. Es bietet sich jetzt die Chance aus den gewonnenen Erkenntnissen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dazu gehört es bürokratische Prozesse zu entschlacken, Datenverantwortung neu zu definieren und wieder mit Mut und Entschlossenheit die Zukunft zu gestalten. Ich wünsche uns allen viel Erfolg dabei!

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