Dienstag, 27.10.2020 10:17 Uhr

Ostern als Aufforderung?

Verantwortlicher Autor: SIR F.E.Eckard Prinz von Strohm Windeck, 21.04.2020, 16:29 Uhr
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Windeck [ENA] Manches scheint uns richtig real und derartig dicht vor Augen zu liegen, dass man das Gefühl hat: das ist schon beinahe mit Händen zu greifen. Zum Beispiel: Kennt ihr das Säbelzahn-Eichhörnchen aus Ice-Age? „Scrat“ heißt meine absolute Lieblingsfigur aus diesem Film. Sie sieht wie eine Kreuzung aus Eichhörnchen und Ratte aus. Für Scrat liegt die Eichel immer wie zum Greifen nah.

Und fällt dann doch urplötzlich und unberechenbar in tiefste Schluchten. Was mich besonders amüsiert und auch anrührt ist die absolute Unerschrockenheit mit der Scrat über Felsvorsprünge springt ohne zu wissen wo er landen wird, über Bäume klettert, sich in tiefste Abgründe fallen lässt - und alles nur, um diese bescheuerte Eichel zu ergattern. So nah, und doch so fern.

Oder nehmen wir nur Julia: Sie sitzt neben Dir in der Schule. Ihr fliegt alles zu, Mühelosigkeit ist ihr zweiter Name, sie scheint ausgeglichen, sogar freundlich, überhaupt keine spießige Streberin und dann auch noch so verdammt gutaussehend. Selbst die Narbe, die sie sich zugezogen hat, schmückt sie. Werde ich das je erreichen? So zu sein? Unendlich weit weg scheint das; und doch so nah.

Träume, Idealbilder, Ziele: Manchmal wäre es schön, das alles wenigstens einmal in Händen halten zu dürfen. In Berührung damit zu kommen. Als Belohnung für die Mühe. Als Bestätigung des nur Gehörten. Als Übereinstimmung mit dem bloß Gesehenen. Denn nur was sich mit Händen auch wirklich greifen lässt, ist auch wirklich wahr. Scheint uns real zu sein, wirkliche Wirklichkeit. Authentisch ist nur das, wo ich selbst dabei gewesen bin. Was ich selbst - ganz wichtiges Wort heutzutage - erlebt habe. Die Wertigkeit von Ereignissen orientiert sich heute mehr denn je am eigenen Erleben. Das gilt heutzutage auch, gerade auch, für religiöse Erlebnisse. Was dort nicht selbst erlebt wurde ist - in den Augen des mainstream - nichts wert.

Der Zeitgeist sagt: Allgemeine Wahrheiten helfen niemanden, solange sie nicht auch individuell erfahren und subjektiv erlebt wurden. Ich finde das erstmal nachvollziehbar. Dann ist es natürlich besonders blöd, wenn man ausgerechnet beim wichtigsten Event aller Zeiten gefehlt hat: Dem „greet & meet“ mit dem Auferstandenen persönlich. Jedenfalls denkt Thomas so, wir haben von ihm im Evangelium gehört. Wir kennen Jesus nur vom Hören-Sagen. Aus den biblischen Erzählungen.

Eine Woche nach Ostern darf Thomas Jesus anfassen. Habt ihr euch das auch schon mal gewünscht? So, dass er, sagen wir mal, neben dir an der Fußgängerampel steht und genau wie du gerade auf „Grün“ wartet? „Hey, Jesus, wo ich Dich gerade treffe, ist ja ein toller Zufall übrigens, da wollte ich dich doch mal fragen… …kannst Du echt über Wasser gehen? …wärest Du auch heute ein radikaler Pazifist? Ich meine, auch mit der IS und so? Würdest Du Dich ein zweites Mal einfach so hinrichten lassen? …ach, und wo Du gerade da bist: die Sache mit dem Heilen: kannst Du das immer noch? Ich wüsste da jemanden, der das gerade gut gebrauchen könnte.

Oder hättest du in einem solchen Moment vielleicht gar keine Fragen oder Anliegen und würdest gleich auf die Knie gehen und wie Thomas allerhöchstens noch die Worte: „Mein Herr und mein Gott!“ hervorbringen können? So ein ganz irdischer Jesus zum Anfassen ist doch eine komplizierte Sache. Würde es eurem Glauben wirklich helfen, den Jesus von damals anfassen und berühren zu können? Ich sage jetzt mal etwas - vielleicht - Unpopuläres und gestehe:

Mir ist - ehrlich gesagt - der Christus, der in den Erzählungen der Bibel, in unseren Liedern und Gebeten vorkommt, weitaus näher als der, der womöglich neben mir an der Ampel steht. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich es nicht anders kenne. Aber ich habe die Ahnung, dass es weitaus schwieriger sein könnte, an Christus zu glauben, wenn er einem direkt gegenübersteht, als wenn er „nur“ in der Bibel nahegebracht wird. Würden die Menschen heute wie damals sagen: „Was? Der da? Das soll Gottes Sohn sein?! Denn kennen wir doch noch als er klein war, als er mein Kollege war. Und der macht jetzt auf Heiland? Ist ja ein tolles Ding!“

So verstehe ich auch Jesu Bemerkung, wenn er sagt: „Siehe der Christus kommt wie ein Dieb in der Nacht. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ Das sind nicht die besseren oder edleren Menschen. Sondern: sie haben es - in gewisser Weise - leichter. Ihnen stehen die Sinne nicht im Weg. Sie brauchen sie nicht als Bestätigung einer Wahrheit, die ohnehin nicht mit Händen zu greifen ist. Auch zu Jesu irdischen Zeiten haben Menschen geglaubt oder nicht geglaubt, obwohl sie sinnlich gesehen, genau dasselbe gesehen und gehört haben oder anfassen durften. Auch damals haben sich manche mit Grausen abgewandt während andere Jesus fasziniert gefolgt sind.

Denn der Glaube, den Jesus meint, und den uns das Johannes-Evangelium nahezubringen versucht, ist eine andere Art des Glaubens als jene, dessen Thomas sich vergewissern möchte. Thomas möchte mit Mitteln der Haptik seine Zweifel beseitigen; er möchte erleben, was die anderen erlebt haben, ja sogar noch ein klein wenig mehr, denn nur das Sehen, die bloße Erscheinung genügt ihm nicht. Er will auf Tuchfühlung gehen mit dem Star. Das ist die eine Art des Glaubens, die ja auch ihr Rührendes hat: dieses Mehrwollen, dieses Sichnichtzufriedengeben.

Das Fürwahrhalten von Sachverhalten. Die Annahme von Behauptungen. Die Idee, dass glaubhaft nur das ist, was Du auch anfassen kannst. Aber es ist - finde ich jedenfalls - auch eine tragische Art, zu glauben. Denn Thomas will mehr und bekommt weniger. Weniger jedenfalls, als ich ihm gönnen würde. Denn die andere Art des Glaubens, die selige Art, wie Jesus es nennt, für die ich heute hier plädiere: Das ist der Glaube, der nicht mit den Augen glaubt, sondern der Glaube, der mit dem Herzen sieht. „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, heißt es bekanntlich im „Kleinen Prinzen“. Und Jesus sagt: das Reich Gottes ist inwendig in euch.

Glaube gleicht nicht der Haselnuß, der wir hinterherjagen als wären wir ein Säbelzahn-Eichhörnchen. Und Christus leuchtet als Licht der Welt anders als die schöne Sonne, die wir ungreifbar nah nur in der Ferne untergehen sehen können. Und auch wir selbst müssen nicht erst jemand anders werden. Nähe entsteht unsichtbar. Was ich nicht berühren kann, finde ich oft berührender. Angefasst bin ich von Unfassbarem. Und mein Herz ergreift, was haptisch nicht erfühlt werden kann. Was in Dir drin ist, ein Teil von Dir geworden, danach kannst Du nicht greifen. "So lebe nun nicht mehr ich, sondern was in mir lebt: das ist Christus." So beschreibt z.B. Paulus diese selige Art des Glaubens.

Jesus will uns noch viel näherkommen als Thomas es sich in seinen kühnsten Träumen gewünscht und sogar bekommen hat. Überlege mal: Wie wertvoll sind dir die Dinge, die du mit Händen greifen kannst? Haus, Auto, Boot? Und wieviel bedeuten dir jene, bei denen das nicht geht; schlicht unmöglich ist, weil sie sich nicht anfassen lassen - eben keine Dinge sind. Sondern Beziehungen. Gefühle. Erinnerungen. Inspiration. Begegnungen. Was ist dir wohl mehr wert? Was bestimmt dein Leben stärker? Die drei „hashtags“ des christlichen Glaubens: Glaube, Hoffnung und Liebe - die sind von genau der Art.

Gleichwohl bleibt auch der ungreifbare und gerade deshalb so besonders nahe Jesus nicht gänzlich ohne Anhaltspunkt. Wenn er schon nicht neben Dir an der Ampel steht, so ist er doch spürbar, und zwar durch seine Geistesgegenwart. Jesus "blies" seine Jünger an, so können wir lesen. Was sich für unsere Ohren vielleicht eher nach Alkoholtest anhört, ist biblisch gesehen nichts anderes als Einhauchung der Christuskraft die Leben spendet. Wie in der Schöpfungsgeschichte der Lehm vom Acker, der Staub der wir doch nur sind, belebt wird durch den Atemhauch Gottes ("So ward der Mensch ein lebendiges Wesen", lesen wir dort), so haucht Jesus den nach Ostern wie toten Jüngern das Leben neu ein.

Denn so wie sie sich da versammelt hatten: zurückgezogen, abgeschottet, angstbesetzt, hinter verschlossenen Türen: gleichen sie ja praktisch dem toten Jesus in seinem Felsengrab. So geht es auch vielen Menschen, die heute zuhause eingesperrt sind wegen einem Virus. Was sie brauchen, ist das, was Jesus selbst hinter sich hat und woran er ihnen Anteil schenkt: eine solide innere Auferstehung des Christus. Göttliche Sauerstoffzufuhr. Unsichtbar und lebensnotwendig.

Eine solche Reanimation, eine solche Auferstehung ist möglich, wenn ihr eurer eigenen inneren Wahrnehmung vertrauen lernt, wenn ihr an euch selber glauben könnt, wenn eure eigene Göttlichkeit durch den Christus in euch nicht weniger wert ist als das, was die anderen anfassen, sehen oder behaupten, gesehen zu haben. Wenn ihr euch selber voll als Teil Gottes annehmen könnt, wird auch kein Virus euch schaden. Erwecken wir an diesem Ostern den Christus in uns.

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