Freitag, 30.10.2020 08:00 Uhr

Ethikrat lehnt Immunitätsnachweis derzeit ab

Verantwortlicher Autor: Bianca Bell-Chambers Korschenbroich, 22.09.2020, 20:09 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Special interest +++ Bericht 3675x gelesen
Immunitätsbescheinigungen in der Covid-19 Pandemie - Stellungnahme des Ethikrates
Immunitätsbescheinigungen in der Covid-19 Pandemie - Stellungnahme des Ethikrates  Bild: BBC

Korschenbroich [ENA] Nachdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Mai 2020 den Deutschen Ethikrat um eine Stellungnahme zur Einführung eines Immunitätsnachweises nach durchgemachter SARS-CoV-2-Infektion bat, lehnt dieser zum derzeitigen Zeitpunkt die Einführung mit umfassender Begründung einstimmig ab.

Heute gibt der Deutsche Ethikrat seine schriftliche Stellungnahme dazu ab. Auf 55 Seiten erklärt der Rat in einer öffentlich zugänglichen Pdf-Datei die Gründe für seine Entscheidung und Möglichkeiten für die Zukunft. Die Begründung gegen eine Immunitätsbescheinigung liegt in einer zur Zeit und nach heutigem wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht zuverlässigen Nachweisbarkeit einer Immunität. Die Einführung einer derartigen Bescheinigung ist an Voraussetzungen geknüpft. In der Stellungnahme heisst es:

"Erstens müsste der zuverlässige Nachweis über den Grad und die Dauer der Immunität, also den Schutz der betreffenden Person vor einer Infektion und ihre Nichtinfektiosität, gegeben sein. Dazu wären serologische Tests erforderlich, die nicht nur eine generelle, sondern eine für einen bestimmten Mindestzeitraum schützende Immunantwort gegen den Erreger SARS-CoV-2 mit einem Mindestmaß an Zuverlässigkeit nachweisen. Zweitens müssten die gesamtgesellschaftlichen Implikationen solcher Bescheinigungen nicht nur in medizinischer (insbesondere epidemiologischer) Hinsicht beurteilt, sondern auch mit Blick auf die unterschiedlichen Güter und Rechte verschiedener Personengruppen ethisch abgewogen werden."

Wäre eine Immunität zuverlässig nachweisbar, gäbe es darüber hinaus rechtliche Fragestellungen, die es vorab zu klären gilt. Beschränkungen der Grundrechte müssten gegenüber dem Infektionsschutz abgewogen werden. Würde eine prinzipielle Einschränkung der individuellen Grundrechte zulässig sein, müsste die Aufhebung individuell geprüft werden können, wenn die Sachgrundlage einer Infektion entfällt. Mangels Einführung des Immunitätsnachweises gibt es auch noch keine explizite Rechtssprechung dazu.

Der Ethikrat ist sich bezüglich einer möglichen zukünftigen Einführung eines Nachweises uneinig. Einige Mitglieder halten einen Immunitätsnachweis für praktisch, ethisch und rechtlich nicht vertretbar. Andere Mitglieder sprechen sich im Falle eines zuverlässigen Nachweises der Immunität für eine stufenweise, anlassbezogene und bereichsspezifische Einführung ein.

Die grundsätzliche Frage, warum ein Immunitätsnachweis sinnvoll sein kann, argumentiert der Ethikrat mit der Neuartigkeit des Virus und damit verbundenen Unsicherheiten, was Krankheit und Krankeitsverlauf, aber auch Spät- und Langzeitfolgen betrifft. Es sei noch nicht ausgeschlossen, dass eine bereits durchgemachte Infektion mit SARS-CoV-2 ähnlich wie beim Dengue-Fieber zu einer antikörperverstärkenden Infektion und damit zu einem schwereren Krankheitsverlauf bei Zweitinfektion führen könne.

Zum jetzigen Zeitpunkt seien aussagekräftige Studien zum zeitlichen Verlauf und zur Ausprägung der Immunantwort noch nicht vorliegend. Das läge einerseits daran, dass neben spezifischen Antikörpern auch weitere neutralisierende und virustötende Immunzellen für die Erregerabwehr verantwortlich seien. Andererseits sei unklar, ob und in welcher Menge sie gebildet würden und wie lange sie nachweisbar blieben. Auch sei nicht klar, wie lange die Immunantwort eine Schutzwirkung habe. Es gäbe darüber hinaus Hinweise, dass auch andere Coronaviren, die beispielsweise Erkältungen auslösen, einen Teil zur Immunantwort beitrügen. Diese Kreuzimmunität könne die Widerstandskraft gegen COVID-19 erhöhen.

Antikörpertests, die als Grundlage für eine Immunitätsbescheinigung dienen würden, seien in ihrer Aussagekraft eingeschränkt und damit nur bedingt nützlich. Sie können zwar mittels Antigentest Virusproteine nachweisen, aber auch auf andere Coronaviren positiv anschlagen. Zwar gebe es die Möglichkeit des direkten Nachweises einer neutralisierenden Wirkung von Antikörpern, diese sei aber aufwendig und dürfe nur in Laboren der Sicherheitsstufe 3 durchgeführt werden. Auch der direkte Nachweis spezifischer Immunzellen gegen das Virus sei wegen des hohen Aufwandes noch nicht praktikabel.

Für den Fall, dass Kenntnisse über die Immunität und dessen Nachweis hinreichend wären, halten einige Mitglieder des Rates einen Immunitätsnachweis als geeignetes Mittel, Grundrechtsbeschränkungen aufzuheben und negative wirtschaftliche Folgen zu minimieren. Das Risiko von Ansteckungen würde begrenzt. Ehrenamtliche Mitarbeiter, insbesondere aus Risikogruppen, würden wieder vermehrt einsatzfähig. Zudem könne sich eine Bescheinigung psychisch entlastend auf Mitarbeiter auswirken, die regelmässig Kontakt sowohl zu Überträgern als auch zu chronisch Kranken haben.

Die Risiken der Einführung eines Immunitätsausweises sieht der Ethikrat vor allem in freiheitseinschränkenden Maßnahmen. Diese könnten bei Einzelnen dazu führen, sich freiwillig zu infizieren, um Immunität zu erlangen und Freiheitsbeschränkungen aufzuheben. Gleichzeitig könnte die Immunität zur Mißachtung allgemeiner Infektionsschutzmaßnahmen im öffentlichen Raum führen und die Moral der Bevölkerung zur Einhaltung der Auflagen senken. Nicht immunisierte Personengruppen könnten diskriminiert werden. Falsch positive Tests könnten zu riskantem Verhalten führen und sich negativ auf vulnerable Gruppen auswirken. Weiterhin könnte es zu Mißbrauch und Fälschung von Immunitätsnachweisen kommen.

In jedem Falle müssten Risiken und Nutzen gegeneinander abgewogen werden und freiheitliche Einschränkungen auf das Nötigste begrenzt werden. Hoheitliche Freiheitsbeeinträchtigungen bedürfen der Rechtfertigung und dürfen beim Entfallen des Legitimationsgrundes nicht aufrecht erhalten werden. Dies müsste sicher gestellt sein. Die befristete Ausstellung von sorgfältig kontrollierten und regulierten Immunitätsbescheinigungen dürfte nach Ansicht des Rates nur von qualitätsgesicherten, akkreditierten Laboren erfolgen. Auf gegenseitige Anerkennung innerhalb der EU bzw. des Schengen-Raums müsste geachtet werden.

Ob es aus den genannten Gründen der Immunitätsunsicherheit, unzulänglichen oder aufwendigen Massentests, rechtlichen Abwägungen und weiteren, genannten Risiken überhaupt zu einer Einführung von Immunitätsnachweisen in der Zukunft kommen wird, bleibt fraglich. Die Prüfung, Ausstellung und Kontrolle wäre mit hohem administrativen Aufwand verbunden. Die Gefahr der weiteren Spaltung der Gesellschaft bleibt davon unberührt. Auch die Frage, wie eine individuelle Überprüfung der Aufrechterhaltung oder Aufhebung grundrechtlicher Einschränkungen praktisch erfolgen soll, bleibt offen. Es ist anzunehmen, dass es zu zahlreichen Klagen kommen könnte. Zu vieles ist trotz aller bisherigen Erkenntnisse noch unklar. https://t1p.de/xq02

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.