Donnerstag, 13.08.2020 08:29 Uhr

Israels schillerndes Universum erfindet sich täglich neu

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 04.07.2020, 21:43 Uhr
Kommentar: +++ Politik +++ Bericht 5676x gelesen

Jerusalem [ENA] Wieso ist das kriegsgebeutelte Israel ein ökonomischer Riese mit einer Krisenfestigkeit, das die Welt dauernd beschäftigt? Wozu zerreisst sich das Nachrichtenwesen andauernd den Mund über diesen erstaunlichen Kleinstaat? Woher rührt diese beinahe irrational anmutende Fokussierung? Was aber, wenn das Wunder über einen handfesten Grund verfügt? Eine tastende Spurensuche.

Es ist klein und zerbrechlich wie eine Nussschale, schwimmt irrlichternd-tapfer in der Gischt eines aufgewühlten Ozeans, wird umflutet von Warnleuchten sonder Zahl und dominiert laufend als Aufmacher in den wichtigsten Nachrichtensendungen - dabei ist es mit der Ausdehnung eines Bundeslandes Hessen bloss ein müder Klacks auf der Weltkugel. Man kann Israel als Projektionsfläche drehen oder wenden, wie man möchte: es ist in aller Munde, entweder mit boshaft-hämischem Anstrich oder mit einer gehörigen Prise von Bewunderung.

Woher stammt diese Unrast, dieser satte Bekanntheitsgrad allerorten, der praktisch niemanden unberührt lässt? Wieso hat fast jede Person eine Meinung von Israel, obschon ihr Wissensstand bezüglich anderer vergleichbarer Ländern eher gegen null tendiert? Sind Juden einfach gut fürs Geschäft, weil sie seit Jahrtausenden überlebt haben, obschon ständig angefeindet, beargwöhnt, jedenfalls fast nirgends wohl gelitten?

Fragen über Fragen, die sich nicht einfach beantworten lassen, zumal kaum Vergleichsmöglichkeiten bestehen. Fleissige, innovative Völkerschaften befinden sich auf verschiedenen Kontinenten, man nimmt sie zur Kenntnis, verliert vielleicht ein wohlfeiles Wort über sie, geht dann aber zur Tagesordnung über. Auch schlimme Ereignisketten werden irgendwann, meist ziemlich schnell, von der Vergesslichkeit eingeholt.

Doch Israel mit seinen heute 9 Millionen Einwohnern, hiervon rund 74% Prozent Juden, 21% Araber sowohl muslimischer als auch christlicher Denominationen, im Weiteren Drusen, Tscherkessen, Beduinen und auch eine ganze Reihe aus der vormaligen Sowjetunion eingewanderter Religionsloser, ist ein Konglomerat von Völkerschaften, das sich aus über 100 Nationen speist. Die Fertilitätsrate mit 3,1 Kindern pro Frau ist überdurchschnittlich, zeugt mithin von Zuversicht in Bezug auf die Zukunft.

Explizit definiert als Staat mit jüdischem Selbstverständnis, besticht Israel durch demokratische Strukturen, die sich wohltuend abheben vom Meer diktatorisch oder mittels absolutistischer Monarchie und tribalistischer Selbstherrlichkeit geleiteter Staaten rundum, die meist in einem sozial, bildungsmässig und wirtschaftlich desolaten Zustand befindlich sind. Ob es die geistige Überlebenskraft ist, die ein während 1875 Jahren in der Diaspora verharrtes Volk dergestalt überleben liess, dass es heutzutage meteorenhaft zu den Spitzenreitern in Technologie und Innovationen auf sämtlichen Ebenen aufgestiegen ist?

Notabene als globales Start-up-Unternehmen in Hightech, in militärischen, wissenschaftlichen, landwirtschaftlichen Belangen, dazu in Kunst und Kultur, zwischenzeitlich mündend in ein Brutto-Sozialeinkommen, das per capita gar die französische Grande Nation bereits überholt hat? Israels Erfolge im Kreise der obersten Liga von Nationen im Weltenbund lesen sich dermassen berauschend, dass es eigentlich nicht nachvollziehbar ist, wie dies zustande kam - ungeachtet aller kriegerischer Auseinandersetzungen und Kalamitäten im Inneren, die einen einzigen Flickenteppich voller Zerreissproben bilden.

Vielleicht wird man 2048, in einer Rückschau aufs erste Zentenarium seines Bestehens, einen abgeklärteren Blick dieser wie Phönix aus der Asche auferstandenen Nation gewinnen. Im Trubel des täglichen Überlebenskampfs scheint sich dauerhaft bloss ein wesenhaftes Element einzuprägen: es scheint nicht ganz unerheblich zu sein, dass vor 3333 Jahren der legendäre Bund am Berg Sinai, als dem Judentum die Thora verliehen wurde, geschlossen wurde. Erinnern Sie sich? Moses, die steinernen Tafeln, der Dekalog, der Tanz ums Goldene Kalb, die 40-jährige Wüstenwanderung durch den Sinai, die schliesslich mit der Einnahme Kana’ans, äquivalent mit dem heutigen Territorium Israels, kulminierte.

Dieses tief in den Gehirnen und den Seelen jüdischer Menschen weltweit eingeprägte Narrativ hat nicht unerheblich dazu beigetragen, dass Israel wohl die einzige Nation auf dem Erdball ist, die nach fast zwei Jahrtausenden der Vertreibung aus angestammten Landen ins Exil eine vollumfängliche Wiederauferstehung erlebt hat, mitsamt der nie ganz verloren gegangenen hebräischen Sprache als Lingua franca.

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