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Identitätssuche: "Wir sind der Osten!"

Verantwortlicher Autor: Richard J. Flohr Berlin, 23.10.2019, 15:38 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 4561x gelesen

Berlin [ENA] Die neue Initiative #WirSindDerOsten will mit Portraits vielfältig engagierter Ostdeutscher Mut für Engagement machen und mit dem Klischee vom "rechten Jammer-Ossi" aufräumen. Zudem soll 30 Jahre nach dem Mauerfall offen über Gründe und Auswege eines noch immer latent vorhandenen Zweitklassigkeitsgefühls vieler "Ossis" diskutiert und damit eine Identitätsfindung initiiert werden. Am Mittwoch gab es den Startschuß.

Im prall gefüllten b-part, einem hippen Coworking-Center der internationalen New Economy-Szene am Gleisdreieck, einem Schnittpunkt Berlins zwischen ehemaligem Osten und Westen, erlebten am Mittwoch etwa 150 Teilnehmer die Lancierung von "Wir sind der Osten!". Melanie Stein, Journalistin und Psychologin, hatte im Sommer die Idee zu dieser Initiative und gewann schnell über 20 ehrenamtliche Mitstreiter. Allesamt, wie sie, sogenannte Wende-Kinder. Die Wiedervereinigung hat sie geprägt. Und sie alle verbinden nun beeindruckende Werdegänge. 30 Jahre nach dem Mauerfall sehen sie es als notwendig an, mit dem Bild vom oft beschriebenen „rechten Jammer-Ossi“ aufzuräumen und ein differenziertes Bild Ostdeutscher zu schaffen.

Ostdeutsche ZukunftsgestalterInnen als Vorbild

Auf ihrer Webseite wirsindderosten.de präsentieren sie bereits mehr als 200 Portraits von ostdeutschen Zukunftsgestalterinnen und Zukunftsgestaltern. Jeder Ostdeutsche kann mitmachen, egal, ob im Osten "geblieben", dorthin "zurückgekehrt" oder anderswo hin "gegangen". Ihre Antworten zu identischen Fragen über ihr Leben und ihre Erfahrungen werden dort dargestellt und lebendig pointiert. Die Seite soll wachsen. Schon jetzt zeigt sie eine Frau aus dem Vogtland, die sich heute in Chemnitz für Unicef engagiert, den Unternehmer, der in Brandenburg Coworking-Spaces errichtet. Die Initiative will MacherInnen aus möglichst vielen Lebensbereichen ein exemplarisches Gesicht für den weltoffenen, engagierten Osten geben.

Stein macht zudem auf die besondere "Transformationskompetenz" der Ostdeutschen aufmerksam, die sich aus der Wiedervereinigungserfahrung ergäbe. Und die per Live-Stream aus Tel Aviv zugeschaltete Autorin Greta Taubert wünscht sich eine Wiederbelebung des "besonderen Gemeinschaftsgefühls", das früher aus dem wirtschaftlichen Mangel erwuchs und in der heutigen Zeit helfen könne, Resilienz und mehr Verbundenheit der Gesellschaft herzustellen. "Wir glauben, die Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland denkt fortschrittlich. Und genau das zeigen wir", weist Stein auf besondere Beiträge hin, die Ostdeutsche in das geeinte Deutschland einbrächten.

"Ostdeutsche 68er Bewegung" zur DDR-Geschichtsaufarbeitung?

Die von Johanna Maria Knothe moderierte und ausschließlich mit ostdeutschen Wende-Kindern besetzte Podiumsdiskussion sollte die Frage klären, ob ostdeutsche ZukunftsgestalterInnen wirklich Mangelware oder nur unsichtbar sind. Selbst in dieser so scheinbar homogenen Gruppe wiesen Ziele, Sichtweisen und Ausblicke zum "Ossi-Sein" in ganz unterschiedliche Richtungen. So hält der Rapper Testo, alias Hendrik Bolz (mit seinem Team niedersächsischen Partner als „Zugezogen Maskulin“ bekannt), eine ehrliche und schonungslose Aufarbeitung der DDR-Geschichte mit der spezifischen Rolle ihrer Eltern und Großeltern durch seine Generation nach dem Vorbild der westdeutschen 68er-Bewegung für erforderlich. Nur so könne sich der Osten wirklich emanzipieren.

Michael Nattke, Fachreferent für den Wissenschaft-Praxis-Transfer beim Kulturbüro Sachsen e.V., will eine Verklärung ostdeutscher AfD-Wählerscharen nicht gelten lassen, wonach dies verharmlosend nur aus Protest und Frustration über erlebte Ungleichheit zum Westen geschehe: "Jeder einzelne trifft mit seiner Wählerstimme eine ganz bewußte Entscheidung. Das ist höchst alarmierend und darf nicht verharmlost werden." Einen nachhaltig praxis-erprobten Tip für inner-familiäre Diskussionen zu diesem Thema hielt Melanie Stein bereit: "Opa, wenn Du AfD wählst und die was zu sagen kriegen, verliere ich erst meinen Job und dann lande ich im Knast."

"30 cm kleiner" nach Ossi-Outing?

Jeannine Koch, Direktorin der re:publica, einer jährlich stattfindenden Digitalkonferenz, malt die gemeinsame Vorstellung: "eine Unterscheidung von Ost und West darf im heutigen Deutschland überhaupt keine Rolle mehr spielen!" Allein die Gründung der Initiative belegt, wie weit wir davon noch entfernt sind. Und eine Besserung scheint nicht in Sicht: Anja Heyde, deutschlandweit jahrelang als Gesicht des ARD-Morgenmagazins bekannt und ebenfalls unter den Gästen, fühlt sich nun "seit 3-4 Jahren ostdeutsch", gerade weil man ihr immer sagt, daß man ihr ihre ostdeutsche Herkunft nicht anmerkt. - Ich bin irritiert. Wie kann man sich gerade dann stigmatisiert fühlen, wenn man keinem gängigen Klischee entspricht?

Doch ein exzellent ausgebildeter Mann von großer Statur, der bis vor kurzem bei der Weltbank in Washington beschäftigt war und nun in einem Bundesministerium tätig ist, schlägt in dieselbe Kerbe: "Wenn ich mich als Ossi oute, fühle ich mich sofort 30 cm kleiner." Um dies zu verstehen, schickt er gleich die Anregung hinterher, als Westdeutscher bei der nächsten Party spaßeshalber eine ostdeutsche Herkunft zu behaupten. Erhellende Erfahrungen seien dann garantiert. Darauf bin ich gespannt.

Mit gutem Beispiel: Mut für Engagement & Identitätsfindung

An wen wendet sich die Initiative also? Und wie kann sie helfen, die wohl nach wie vor bestehende Mauer in den Köpfen zu überwinden? "Wir Ossis wissen ja, wie wir ticken", richtet Stein den Blick nach Westen. Christian Bollert, Head of Media Relations der Initiative, will mit den portraitierten "sogenannten ostdeutschen Helden ... anderen Menschen in den Regionen Mut machen", sich aktiv in Wirtschaft und Gesellschaft zu engagieren. 'Wir sind der Osten!' will aber auch "offen über Gründe und Auswege diskutieren". Vielleicht öffnet sie sich dabei ja auch bald für westdeutsche Unterstützer. In jedem Fall ist sie ein positiver, sympathischer und weltoffener Ansatz zur Identitätssuche im Osten und mehr Verständnis im Westen.

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