Freitag, 27.11.2020 12:17 Uhr

Der Frieden vertreibt Wirtschaftsmigranten

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 26.10.2020, 19:04 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Politik +++ Bericht 5182x gelesen

Jerusalem [ENA] Am Anfang war Infiltration, nun ist Rückführung angesagt: Zehntausende illegal nach Israel über die Wüstengrenze vom ägyptischen Sinai über den Negev in israelische Handelsstädte abgedriftete Eriträer und Sudanesen müssen gewärtigen, innert nützlicher Frist in ihre nunmehr als sicher geltenden Herkunftsländer abgeschoben zu werden. Doch noch ist nicht aller Tage Abend - dank internationalem Völkerrecht.

Israel war bislang nicht sonderlich dafür bekannt, begehrtes Zielland für Arbeitssuchende aus aller Welt zu sein. Doch ‚Einschleichtouristen‘ von hüben nach drüben, insbesondere aus Osteuropa, begaben sich in Massen über Flugrouten oder auf den Spuren von Schlepperbanden durch den Wüstensand ins vermeintliche Arbeitsparadies. Natürlich ist alles eine Frage der Perspektive: als Eriträer einem obligatorischen Militärdienst ohne Entlassungsdatum entkommen wollten oder Sudanesen der Misere ihrer vom Bürgerkrieg und Diktatur gezeichneten Heimat, bot sich ihnen, als die Grenze zwischen Ägypten und Israel noch nicht mit engmaschigem Zaun elektronisch abgesichert war, ein einfach zu passierendes Schlupfloch in eine verheissungsvollere Zukunft an.

Angestrebter Asylstatus

Einmal drüben, versuchten sie sich durchzuschlagen, steuerten primär Tel Aviv an, wo sie im ärmlicheren Süden der Stadt rund um den alten Busbahnof in vergammelten Häusern Unterschlupf fanden, oder strandeten in Eilat am Roten Meer. Die Zahl erfasster Infiltranten, die weg von repressiven Regimes in eine lichtere Zukunft zu gelangen suchten - auf dem Weg nach Israel nicht selten von beduinischen Menschenhändlern in Ägypten missbraucht, teils gefoltert, bis den Angehörigen genügend Erpressungsgeld für ihre Freilassung abgetrotzt wurde - dürfte rund 70'000 Menschen umfasst haben, ein Fünftel hiervon Sudanesen. Mittlerweile sind noch die Hälfte im Land. Wegen Corona haben vier Fünftel ihre Arbeit in der Gastronomie und auf dem Bau eingebüsst.

Anfänglich versuchte Israel, der Flut an Ankömmlingen aus Schwarzafrika Herr zu werden. Um die Eriträer und Sudanesen, meist junge Männer, zu verdriessen, wurden Tausende von ihnen zunächst in einem halboffenen Wüstengelände in den Dünen von Cholot, das mehr gefängnishafte Auffangstation denn Asylanstalt war, interniert. Bis ein Jahr lang sollte die Abschiebehaft dauern dürfen. Hundertschaften machten sich lautlos auf die Sandalen und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Der von diversen NGOs und Menschenrechtsgruppierungen angerufene Oberste Gerichtshof verfügte, dass die Festhaltepolitik Israels nicht rechtens sei. Als sich im Süden Tel Avivs im Verlaufe der Jahre Parallelgesellschaften bildeten, war es für eine Ausweisung schon zu spät.

Finanzielle Anreize zur Abreise

Jahre gingen ins Land, es bildeten sich Familien, Kinder mussten eingeschult werden, Aufenthaltsrechte wollten erworben werden. Die Absicht, die Wirtschaftsmigranten loszuwerden, wurde durch einen Rückbehalt von 20% des Lohns bekräftigt: er sollte zur Auszahlung gelangen, wenn sich die Afrikaner freiwillig auf den Weg retour in ihre Ursprungsländer machten. Hinzu käme noch eine ordentliche Summe von ein paar Tausend Dollar, damit sie über Kapital für eigene Miniunternehmungen verfügten. Kürzlich verbot der Oberste Gerichtshof die Zwangsverwendung des einbehaltenen Lohndepots. Trotzdem gab es ständig einen Fluss von Rückkehrern. Ursprünglich waren Ruanda und Uganda als vertragsmässige Abschiebeländer vorgesehen. Das hat sich nun erübrigt.

Die Stimmung in der israelischen Bevölkerung kippte, als sie gewahr wurde, dass die ärmliche einheimische Bevölkerung von den sich häufig offen als quasi 'Herrenmenschen' in ihrem Revier antisemitisch gebärdenden Afrikanern verdrängt wurde. Eriträer und Sudanesen rissen sich, öfters kriminell vorgehend, das lokale Gewerbe unter den Nagel, handelten mit Rauschgiften, bemächtigten sich des Rotlicht-Milieus, fochten Bandenkriege aus, vergewaltigten auf offener Strasse. Das ohnehin schon schludrige Ambiente der südlichen Quartiere von Tel Aviv wurde dermassen anrüchig, dass es zunehmend gemieden wurde. Einige wenige Anwohner versuchten sich in zaghaften Demonstrationen den Mantel einer "Befreiungsfront" umzustülpen.

Verkommener Stadtteil

Zeitweilig verkam der Süden Tel Avivs zum negativen Vorzeigequartier, das durch Laissez-faire-Politik in eine irreversible Sackgasse hineinmanövriert wurde. Die Polizei lässt sich kaum blicken, und wenn, dann eher, um renitenten Quartierbewohnern Ordnungsbussen aufzubrummen. Über ein Dutzend Mal wurde die Anführerin der fiktiven „Befreiungsfront“, die ehemalige Linksaktivistin, heute auf der rechten Seite politisierende Sheffi Paz (67), verhaftet. Nebst Menschenrechtsorganisationen liess sich auch schon mal Premier Netanyahu ostentativ blicken, als er in einem der letztjährigen Wahlkämpfe auftrumpfen wollte. Unterm Strich geblieben ist das Bild einer gesellschaftlich irreversibel kaputt gerichteten, in Beschlag genommenen Stadtgegend.

Mit dem unter amerikanischer Ägide zustande gekommenen formellen Friedensschluss zwischen Sudan und Israel sowie der verbesserten Ausgangslage in Eriträa dürfte die Stunde der von Menschenrechtsaktivisten beschworenen „Unabschiebbarkeit“ von Eriträern und Sudanesen - letztere eine Minderheit von einem Fünftel der illegal Anwesenden - vorbei sein. Bislang vermochten dank üppig sprudelnder Spendengelder aus dem westlichen Ausland Anwälte publikumswirksam das humanitäre Gewissen der israelischen Bevölkerung zu bearbeiten. Die Bereitschaft, Migranten im Lande zu belassen, hält sich in Grenzen. Die Diskussion umfasst mittlerweile auch das Schicksal von Kindern philippinischer Altenpflegerinnen sowie russischer und ukrainischer Schwarzarbeiter.

Zumutbare Rückkehr

Aufgefallen und mit Quittungen belegt ist, dass in Israel ansässige Eriträer auf der Botschaft ihres Landes Gelder zur Bewältigung der Corona-Epidemie in ihrem Heimatland aushändigten. Dies dürfte ein Indiz mehr sein, dass ursprüngliche Fluchtgründe nicht mehr zwingend vorlägen. Vor Kurzem hat die eritreische Botschaft in Washington zudem namens der Regierung in Asmara verlautbart, dass es fortab ungeachtet grassierender Pandemie Prozeduren für eine sichere Rückkehr in die Heimat für geflüchtete Landsleute gebe. Ein verantwortlicher Anwalt für die Gestaltung israelischer Migrationspolitik forderte das Innenministerium auf, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, um baldmöglichst die Infiltranten abzuschieben.

Von Corona nicht Infizierte würden Bescheinigungen erhalten, sodass sie in gecharterten Flugzeugen zurück nach Afrika verbracht werden könnten. Was die ungefähr noch 6000 im Lande verbliebenen Sudanesen anbelangt, rätselt man, ob in den Vertragsbestimmungen des jüngsten Friedensvertrags Israels mit arabischen Ländern - es gab derer gleich drei innerhalb von sechs Wochen! - entsprechende Klauseln für eine Repatriierung eingebaut wurden. Vielleicht „erkauft“ sich Israel solche Rechte mit Landwirtschaftshilfe. Eine Spende von Weizen im Gesamtwert von 5 Mio. $ ist Teil des Abkommens zwischen Jerusalem und Khartoum. Um künftig unliebsame Langzeitaufenthalter abzuhalten, führt Israel ein elektronisch gesteuertes Erfassungssystem für Visa ein.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Photos und Events Photos und Events Photos und Events
Info.