Dienstag, 11.08.2020 05:13 Uhr

Der Feind meines Feindes

Verantwortlicher Autor: Ronaldo Goldberger Jerusalem, 09.07.2020, 18:15 Uhr
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Jerusalem [ENA] Eigentlich hätten etliche arabischen Regimes kollektiv gegen Israel aufbegehren wollen, doch stattdessen herrscht eitel Sonnenschein. Dies ungeachtet der Option, dass ab Stichdatum 1. Juli eine unumkehrbare Entwicklung in Gang gekommen sein könnte, welche Israel zum Souverän von über 30% der seit dem Sechstagekrieg von 1967 umstrittenen, knapp 6000 km2 umfassenden Landmasse westlich Jordaniens erküren sollte.

Dabei war das Westjordanland oder die Westbank - historisch korrekt allerdings Judäa und Samaria geheissen - nie als Teil eines arabischen Staatsgebildes vorgesehen. Im Gegenteil: Vor 100 Jahren, als im Vertrag von San Remo von den Hauptsiegermächten des Ersten Weltkriegs die juristische Basis für die Gründung des jüdischen Staates gelegt wurde, wurde es explizit als Siedlungsgebiet für eine jüdische Heimstätte ausgeschieden.

Armeen aus sechs arabischen Nationen griffen jedoch Israel am Tag eins nach seiner Gründung 1948 an, wobei das jordanische Militär die Gegend westlich des Jordans okkupierte und sich 1950 faktisch einverleibte. Auch Ostjerusalem geriet unter Jordaniens Herrschaft. Lediglich Pakistan und Grossbritannien anerkannten diese widerrechtliche Besetzung. 2020 sollte alles anders werden: Israel erhebt Anspruch auf seine seit Jahrtausenden verbürgten Stammlande. Als geistiger Urheber der neusten Entwicklung gilt Premierminister Benjamin Netanyahu, wohl einer der gewieftesten Politiker weltweit.

Zwar hat er sich einen Namen als unumstösslicher Pragmatiker geschaffen, dafür aber ist er sattelfest im Anbahnen von Entwicklungen, die Israel dazu verhelfen sollten, endlich Herr über sein eigenes Schicksal zu werden. 460’000 Israelis leben mittlerweile in 131 Ortschaften innerhalb biblischer Gemarkungen, die weltweit fast unisono als „besetzt“ deklariert werden. Sie unterliegen militärischem Strafrecht, sind also streng genommen Staatsbürger zweiter Klasse.

Mit US-Präsident Trump fädelte Netanyahu den Jahrhundertplan ein, der nun dem über hundertjährigen arabisch-israelischen Dauerkonflikt über das Existenzrecht des jüdischen Staats ein Ende bereiten soll. Die Palästinensische Autonomie soll unter restriktiven Voraussetzungen über 70% der Landmasse herrschen, wobei sämtliche jüdischen Dörfer und Städte endgültig der rechtlichen Souveränität Israels unterstellt würden. Eine brachial erzwungene Umsiedlung von Israelis ins Kernland, wie 2005 aus dem Gazastreifen, würde sich so erübrigen Die Palästinenser würden neu in der Nähe des Gaza-Streifens mit ihnen zur Verfügung gestellten Gebieten in der Negev-Wüste entschädigt.

Spannenderweise vermelden arabische Nationen sunnitischen Prägung keinerlei Widerstand gegen die israelischen Pläne. Israel hat sich von Ägypten, Saudiarabien, den Vereinigten Emiraten am Persischen Golf, Bahrein und Oman hinter den Kulissen vergewissern lassen, dass es punkto Ausübung der Souveränität freie Hand für die Ausweitungspläne habe. Seit dem sog. Arabischen Frühling, als Ägyptens und Libyens Regime hinweggefegt wurden, klammern sich die arabischen Herrscher an ihre Throne. Ihr Feind, der sie zu zersetzen droht, ist mitsamt seinen Handlangern, der Hisbollah im Libanon, der Hamas im Gazastreifen sowie Syrien und Katar der Iran, welcher Israel erklärtermassen mit der angestrebten Atombombe von der Landkarte tilgen möchte.

Die arabische Sichtweise differiert von der europäischen. Sie ist nicht ideologisch fixiert, sondern betrachtet nunmehr den jüdischen Staat als natürlichen Verbündeten im Kampf gegen das klerikale Regime des schiitischen Irans. Die seit einigen Jahren schrittweise erzeugte Annäherung erbrachte zwar noch keine Aufnahme von diplomatischen Beziehungen über Ägypten und Jordanien hinaus, indes vorher als undenkbar erachtete Kooperationen auf wissenschaftlichem und gar militärischem Gebiet, in die sogar die israelische Luftwaffenindustrie involviert ist. Was für ein Kontrast zum jahrzehntelang aufgebauten Hass- und Zerrbild, dessen sich die Araber früher konsequent befleissigten.

Israelische Passagierflugzeuge überfliegen heutzutage das saudiarabische Wüstenreich, Etihad Airways, die Fluggesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, landet offen auf dem Tel Aviver Flughafen, man arbeitet bei der Bekämpfung der Covid-Epidemie zusammen, empfängt israelische Sportler, und lässt sogar eine bisher diskret im Halbdunkel operierende jüdische Gemeinschaft in Dubai in religiösen Bereichen wirken.

Einzig Jordanien, östlicher Nachbar Israels und Pufferzone zu den Unruhezonen Irak und Iran, stellt sich quer. König Abdallah befürchtet, dass seine zu drei Viertel sich als Palästinenser definierende Untertanen gegen ihn Unruhen anfachen könnten, um ihn zu stürzen, sollte Israel die strategisch bedeutsame Jordansenke, die zentralen Hügelketten Judäas und Samarias sowie etliche Siedlungsblöcke in seinen Besitz überführen. Jordanien hatte im Übrigen 1988 auf jegliche territoriale Ansprüche westlich des Jordans verzichtet.

Nun wird es also in den kommenden Wochen und Monaten recht spannend, wenn Israel mit primär amerikanischer Rückendeckung und mit der Duldung arabischer Staaten neue Fakten kreiert, die den Europäern zwar nicht in den Kram passen, aber geschaffene Fakten zementieren. Das Zeitfenster dürfte im Herbst zugehen, wenn der amerikanische Wahlkampf seinem Höhepunkt entgegenfiebert. Die Chance, dass dergestalt Bewegung in die verkrustete nahöstliche Gemengelage kommt, ist nicht von der Hand zu weisen.

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