Mittwoch, 19.12.2018 07:01 Uhr

LVR arbeitet „Anstaltswelten“ auf

Verantwortlicher Autor: Landschaftsverband Rheinland Rheinland/Köln, 10.10.2018, 15:45 Uhr
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Rheinland/Köln [ENA] LVR arbeitet „Anstaltswelten“ auf. Studie zum Projekt „Aufarbeitung und Dokumentation der Geschichte der Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Einrichtungen des LVR seit 1945“ erschienen. Wie sah der Alltag von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Einrichtungen des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) nach 1945 aus? Welchen Veränderungen war er unterworfen?

Diese Fragen bilden den Kern einer mehrjährigen Studie, deren Ergebnisse der LVR nun in Köln vorgestellt hat. Sie ist als dreibändiges Werk unter dem Titel „Anstaltswelten. Psychiatrische Krankenhäuser und Gehörlosenschulen des Landschaftsverbandes Rheinland nach 1945“ erschienen. Die Studie untersucht die Geschichte von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die Zeit der reformerischen Umbrüche in den 1970er Jahren zeitweilig in Einrichtungen des LVR lebten.

Durchgeführt haben die Studie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für die Geschichte der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf im Auftrag des LVR. Im Mittelpunkt der Untersuchungen standen die Kliniken sowie die Förderschulen, exemplarisch die „Gehörlosenschulen“. Ziel war aber nicht, die Geschichte einzelner Institutionen zu fokussieren, sondern deren Sozial- und Kulturgeschichte. Insbesondere die Diskriminierung und Ausgrenzung sowie die Rekonstruktion der Alltagswelten wurde dabei mit Hilfe der „Oral History“ erforscht – also dem Einbezug von Zeitzeuginnen und -zeugen, wie den Patientinnen und Patienten sowie Schülerinnen und Schülern.

„Mit der Studie ‚Anstaltswelten‘ liegt ein weiterer Baustein aus der bewegten, oft unrühmlichen Geschichte des LVR vor“, erklärte LVR-Direktorin Ulrike Lubek. „Die wissenschaftliche Aufarbeitung ist uns ein ganz zentrales Anliegen und wir setzen diese, wie auch den Diskurs darüber, intensiv fort. Dies ist in zweierlei Hinsicht wichtig: Die Vergangenheit mahnt uns für das Handeln in der Gegenwart und sensibilisiert uns für die Erfordernisse der Zukunft. Letztere heißen für den LVR: Er stellt sich kompetent den fachlichen Herausforderungen und trägt Sorge dafür, dass psychisch Kranke ebenso wie Menschen mit Behinderung die ihren individuellen Bedürfnissen entsprechende Zuwendung erfahren.“

Bisher wurde die Geschichte der Psychiatrie wie auch des Hilfs- und Sonderschulwesens für die alte Bundesrepublik als historiografisches Forschungs- und Aufarbeitungsfeld kaum in den Blick genommen. Daher besitzt das vom LVR finanzierte Forschungsprojekt Pilotcharakter. Im ersten Teilband beschäftigt sich Frank Sparing mit der Geschichte der psychiatrischen Krankenhäuser des LVR bis etwa 1970. Auch die Verhältnisse in der NS-Zeit erfahren in diesem Kontext – quasi als Vorgeschichte zum eigentlichen Untersuchungszeitraum – noch einmal eine zusammenfassende Beschreibung auf dem neuesten Forschungsstand.

Der zweite Teilband, verantwortet durch Karina Korecky und Andrea zur Nieden, setzt sich mit der Geschichte der psychiatrischen Krankenhäuser des LVR von den 1970ern bis Anfang der 1990er Jahre auseinander. Zentrale Gesichtspunkte wie erste Reformprozesse und die Umsetzung der sogenannten Psychiatriereform sind hier ebenso beschrieben wie defizitäre und skandalöse Zustände, zum Beispiel in der damaligen LVR-Klinik in Brauweiler. Im dritten Teilband setzt sich Anke Hoffstadt mit der Geschichte der „Gehörlosenschulen“ des LVR nach 1945 auseinander. In diesem wie auch dem zweiten Teilband sind ergänzend die Ergebnisse der Befragungen von Zeitzeuginnen und -zeugen eingeflossen.

„Alle drei Bände zeichnet aus, dass sie zu großen Teilen erstmalig die durch das Projekt vorgegebenen Themen in einer übergreifenden Studie aufgearbeitet haben“, betonte Anne Henk-Hollstein, Vorsitzende der Landschaftsversammlung Rheinland, bei der Studienpräsentation. „Unter Einbeziehung neuester Literatur und der einschlägigen Quellen in den Archiven stellt diese Studie auf Initiative der Landschaftsversammlung Rheinland einen wesentlichen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte dar – von der NS-Zeit bis in die Zeit der Psychiatriereform. Sie wirft damit für die Öffentlichkeit einmal mehr Licht auf die zentralen Aufgaben des LVR“, so Henk-Hollstein weiter.

Für die Studie wurden in erheblichem Maße im Archiv des LVR in Pulheim-Brauweiler liegende Quellen herangezogen. Das LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrums hat die gesamte Studie fachlich begleitet. Die Studien von Anke Hoffstadt und Frank Sparing wurden nachträglich als Dissertationen anerkannt. Der LVR stellt sich seiner Geschichte Der LVR setzt sich seit vielen Jahren sehr intensiv und offen mit seiner eigenen Geschichte auseinander.

Im Rahmen der Aufarbeitung ließ der Kommunalverband unter anderem bereits im Jahr 2011 seine Rolle als aufsichtsführendes Landesjugendamt und Träger eigener Jugendheime in den Jahren 1945-1972 wissenschaftlich untersuchen. Eine Studie zur NS-Vergangenheit des ersten LVR-Direktors Udo Klausa erschien 2016. 2018 hat der LVR bereits die Studie „Gestörte Kindheiten“ veröffentlicht. Ein weiteres Forschungsprojekt untersucht derzeit den Einsatz und die Erprobung von Medikamenten an Kindern und Jugendlichen in LVR-Einrichtungen.

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