Mittwoch, 17.10.2018 12:08 Uhr

Wunderschöne, stinkende Highlights in der Wilhelma

Verantwortlicher Autor: Julia Barthold Stuttgart, 14.09.2018, 23:39 Uhr
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Alle möchten die Blüte der Titanwurzknolle
Alle möchten die Blüte der Titanwurzknolle   Bild: Julia Barthold

Stuttgart [ENA] Am Abend des Dienstags, den 26. Juni, öffnete in der Stuttgarter Wilhelma endlich wieder eine Titanwurz ihren Blütenstand. Dieser Blütenstand kam völlig unerwartet und brachte gleich einen doppelten Rekord in die Wilhelma: Sie war die kleinste, jüngste und leichteste aller Aufzeichnungen.

Die Geschichte beginnt im Palmengarten Frankfurt, der sich zur Aufgabe gemacht hat, die Titanwurz auch über Kultivierung in Europa zu vermehren. Bisher entstanden neue Pflanzen nur im Reagenzglas, über vegetative, also ungeschlechtliche Vermehrung. Aus diesem Fundus erhielt die Wilhelma bereits 2005 eine Knolle, die mit 40kg, über alle Maße häufig, riesige Blütenstände von zwischen 2,50 m und knapp 3 m Höhe, hervorbrachte. Nach der letzten Blüte im Jahr 2011 starb diese Knolle aber leider ab. Möglicherweise hat sie sich übernommen, denn sie blühte regelmäßig von 2005 bis 2011 alle zwei Jahre, anstatt die üblichen 7 bis 10 Jahre Abstand zwischen den Blüten einzuhalten.

Da die Blüte der Titanwurz sich erst am Abend öffnet und nur maximal eine Nacht und einen Vormittag lang blüht, öffnet die Wilhelma eine Pforte speziell zu diesem Anlass bis um Mitternacht, damit Besucher den riesigen Blütenstand in seiner vollen Pracht bewundern (und erschnüffeln) können. Während der Blüte sind immer kompetente Mitarbeiter der Wilhelma vor Ort, um den Besuchern über die Besonderheiten dieser ganz besonderen Pflanze zu erzählen und auf Fragen zu antworten. Beheimatet ist die Titanwurz auf Sumatra im Tropenwald. Weltweit rätseln Forscher, wie die Pflanzen es schaffen, dass mehrere ziemlich gleichzeitig zu blühen, obwohl sie doch über die ganze Welt verteilt kultiviert werden.

Außerdem wird die Blühphase von einem Botaniker der Universität Hohenheim mit einem empfindlichen, teuren Messgerät begleitet, das den Wärmeverlauf genauestens messen und dokumentieren kann. Dies ist deswegen interessant, da über die Temperatur der Verlauf der Blühphase und deren Fortschreiten beobachtet werden kann. Im Laufe des Abends heizt sich der Kolben der Blüte über biochemische Prozesse nach und nach auf bis zu beinahe 40° Celsius auf, um über Wärme und Geruch bestäubende Insekten und Nachttiere anzulocken, und möglicherweise auch, um den Geruch darüber weiter zu verbreiten.

So erreicht sie, dass die Aas liebenden Bestäuber angelockt werden, die dann den Kelchboden besuchen, um ihre Eier in dem vermeintlichen Aas, dem warmen, stinkigen Kolben der Titanwurz, abzulegen und dabei den klebrigen Pollen der männlichen Blüten mitnehmen, um ihn, so sich die Gelegenheit bietet, zu einer anderen blühenden Titanwurz zu bringen, die sie vielleicht ebenfalls aufsuchen, um damit dann die weiblichen Blüten dieser Blüte zu bestäuben, die sich abends am Kelchboden öffnen. Lassen sich die Tiere täuschen und legen ihre Eier dort ab, ist deren Nachwuchs verloren. Denn die schlüpfenden Larven werden verhungern. Als Pflanze, die ihre Bestäuber nicht belohnt, zählt man die Titanwurz zu den Täuschblumen.

Die männlichen Blüten geben ihren klebrigen Pollen dann erst später, am frühen Morgen frei, wenn die weiblichen Blüten schon nicht mehr fruchtbar sind. Das ist clever gelöst, soll doch eine Eigenbestäubung ausgeschlossen werden, um eine möglichst große Genvielfalt für die späteren Samen, die Nachkommen der Pflanze, bieten zu können. Wird die Titanwurz tatsächlich bestäubt und bildet Früchte und Samen, so stirbt die Knolle im Anschluss danach allerdings ab.

Derzeit kultiviert der Zoologisch-Botanische Garten Stuttgart, die Wilhelma, drei Knollen der Titanwurz, Amorphophallus titanum, was wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt soviel wie „Unförmiger, erigierter Riesenpenis“ bedeutet. Diese Knollen erhielt die Wilhelma im März, ebenfalls aus dem Palmengarten Frankfurt. Zwei der Knollen wiegen derzeit ungefähr 30 kg und die dritte ungefähr 11 kg.

Diese dritte, kleinste und leichteste Knolle sorgte nun für eine Überraschung. Sie entwickelte eine Knospe. Erst nach einigen Wochen, wenn sich die Knospe zu öffnen beginnt, kann man sehen, ob sich ein Blütenstand, oder ein Blatt entwickelt. Bei dieser kleinen Knolle dachte man sich noch nichts dabei, als sich eine Knospe bildete, doch, oh Wunder, aus dieser Knospe spitzte nicht, wie erwartet, ein Blatt heraus, nein, es zeigte sich der Kolben eines sich entwickelnden Blütenstandes. In der Literatur ist angegeben, dass eine Titanwurzknolle erst mit 20 bis 30 kg überhaupt einen Blütenstand entwickeln kann. Darunter gab es bislang weltweit nicht einen einzigen, dokumentierten Fall.

Brunhilde öffnet nur wenige Wochen nach Alberich ihren Blütenstand.

Nun, schon einige Wochen später, öffnete eine weitere Knolle, Brunhilde, ihren Blütenstand. Zur besseren Unterscheidung, und da die Knollen in ihrer Kultivierung recht anspruchsvoll sind und sehr lange, über viele Jahre hinweg Teil der pflegenden Gärtnerfamilie sind, die die Entwicklung ständig akribisch beobachtet, haben die Knollen Namen erhalten. Die kleinste, leichteste Knolle, die bereits Ende Juni für den neuen Rekord gesorgt hat, ist benannt nach Alberich. Nicht etwa nach der sympathischen Gerichtsmedizinischen Assistentin aus dem Münsteraner Tatort, sondern nach dem König der Elfen und Zwerge aus der germanischen Mythologie, der auch im berühmten Nibelungenlied eine Rolle als Hüter des Niebelungenhort spielt.

Alberich brach mit seiner geringen Größe, dem geringen Gewicht der eigentlich viel zu jungen Knolle alle verzeichneten Rekorde. Als sich zeigte, dass die Knolle eine Blüte bildete, wurde sie mit ihren zu diesem Zeitpunkt 70 cm Höhe ins Schmetterlingshaus gebracht. Danach wuchs sie zwei Tage erstmal weniger schnell, wahrscheinlich irritiert durch die Vibrationen des Transports. Zum Tag der Blüte erreichte sie nur 125 cm Höhe. Der Kolben erwärmte sich auf bis zu ca. 40° Celsius und es schien, als wolle sie gar nicht mehr aufhören zu blühen, denn die Blüte stand noch beinahe den ganzen nächsten Tag.

Bis 1 Uhr früh standen Scharen von Alberichs Besuchern geduldig Schlange, um den kleinen Blütenstand zu sehen. Mit 6200 Gästen am Dienstag insgesamt, verzeichnete die Wilhelma den bis dahin besten Besucherwert des ganzen Jahres für einen regulären Arbeitstag unter der Woche. Davon wurden 711 zusätzliche Besucher registriert, die nur wegen der Titanwurz kamen, davon hatten etwa 270 Besucher Abendkarten gekauft, der Rest war im Besitz von Dauerkarten. Pressevertreter wurden nur teilweise in der Zählung erfasst. Zur Blüte von Brunhilde am Sonntag, waren insgesamt etwa 12.000 Besucher in der Wilhelma. Damit war dieser Sonntag einer der am stärksten besuchten Tage des bisherigen Jahres.

Brunhilde erreichte nun, mit einem Alter von ca. 15 Jahren, am 10. September 2018 insgesamt eine Höhe von 162 cm, wobei sie die letzten Tage kontinuierlich noch jeweils zwei cm pro Tag in die Höhe wuchs. Mit ihrem Wuchs ließ sie sich zwei Tage länger Zeit als die meisten anderen Blüten. Dann wollte sie es aber um so schneller hinter sich bringen und begann schon gegen 14 Uhr, den Kelch zu öffnen, was normalerweise erst ungefähr zwei Stunden später üblich ist. So ist jede Blüte immer anders, individuell und spektakulär. Auch geruchlich unterschied sich Brunhilde von Alberich, auch wenn sie beide keinen Duft produzierten, der der menschlichen Nase angenehm gewesen wäre, waren Unterschiede wahrnehmbar.

Beschreiben könnte man den „Duft“ in jedem Fall als Kadavergeruch oder Aasgeruch, der auch auf einige Entfernung schon an eine am Wegesrand liegende tote Maus erinnert. Kommt man dann ins Schmetterlingshaus, in den gleichen großzügigen Raum, so konzentriert sich der Geruch. Brunhilde roch wie eine Mischung aus tote Maus, Abflussrohr oder -Kanal und gefülltem Windeleimer. Alberich konzentrierte sich mehr auf Nuancen von toter Maus und alten Stinkekäse. Das äußerst herzhafte Stinkekäse-Aroma entfaltete sich dann in beiden unmittelbarer Nähe der Blüten, wobei sie auch darin unterschiedlich rochen. Auf jeden Fall wird deutlich erkennbar, warum die Einheimischen aus Sumatra (Indonesien) die Pflanze „Bunga Bangkai“ – „Leichenblume“ nennen.

Wenn die Blüte verwelkt und in sich zusammenfällt, stößt die Knolle die Reste nach einigen Tagen ab. Dann wird die Knolle aus dem Substrat gehoben, vorsichtig und gründlich gesäubert und auf eventuelle Faulstellen, Pilz-, Schädlings- oder bakteriellen Befall hin untersucht. Falls es solche Stellen gibt, werden sie medizinisch behandelt. Dann wird die Knolle in frisches Substrat gebettet. In der Natur wächst sie in kalkhaltigem Boden. Daher ist eine gute Drainage und viele mineralische Anteile wichtig, um Nässe zu vermeiden, die Nematoden und damit ein Faulen der Knolle verursachen könnte. Die Knolle ist sehr anfällig gegen Faulen. Gegossen wird die Knolle erst dann wieder, wenn sie einen Knospenansatz zeigt.

In den meisten Fällen entwickelt sich diese Knospe dann zu einem großen Blatt aus „Stamm“ und palmenartigen Schirm. Das Blatt simuliert einen massiven Stamm, was das gemaserte Muster, das an Flechtenbewuchs erinnert, noch unterstützt. So soll sie potentiellen Fressfeinde schon im Vorfeld ungenießbar erscheinen. Dieses Blatt ist jedoch so leicht, dünn und hohl, dass schon eine Maus den „Baum“ ohne weiteres umlegen könnte.

Das Kronblatt von Alberich schließt sich und beginnt zu welken.
Die Flugfüchse betrachten das bunte Treiben.
Die eigentlichen Stars des Schmetterlingshauses treten in den Hintergrund.

Weiterführende Links

# Über die weltweite Gleichzeitigkeit der Blüte *** https://www.atlasobscura.com/articles/why-are-so-many-corpse-flowers-blooming-at-once*** # Tagebuch mit Bildern vom Entstehen eines Blütenstands in Kiel *** http://www.uni-kiel.de/nickol/Garten/Titanenwurz2016.html*** # Wilhelma zu Alberich *** http://www.wilhelma.de/nc/de/aktuelles-und-presse/pressemitteilungen/2018/21062018-titanwurz-kleiner-riese.html*** # Wilhelma zu Brunhilde *** http://www.wilhelma.de/nc/de/aktuelles-und-presse/pressemitteilungen/2018/10092018-rueckblick-auf-die-titanwurz-nacht.html***

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