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Ralf Rothmann nominiert für den Premio Strega Europeo

Verantwortlicher Autor: Dr. Carlo Marino Rom, 01.07.2016, 15:44 Uhr
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Rom [ENA] Im Rahmen des internationalen Festivals „Letterature“ der Stadt Rom und in Hommage an die vielseitige und reiche Kultur des alten Kontinents und ihre enge Verbindung mit Italien übergibt, am Dienstag, den 5. Juli 2016 um 21 Uhr ,die Fondazione Bellonci, in Zusammenarbeit mit dem internationalen Festival der Stadt Rom „Letterature“ und der italienischen Vertretung der EU Kommission zum dritten Mal den Strega Europeo.

Die europäische Sonderkategorie des bedeutenden italienischen Literaturpreises wurde 2014 dank der italienischen EU-Ratspräsidentschaft eingeführt. Im Rennen um den Preis 2016 sind wieder fünf Autorinnen und Autoren, die in ihren Herkunftsländern wichtige literarische Preise erhalten haben und in jüngerer Zeit übersetzt und in Italien veröffentlicht wurden. Fünf Stimmen also, die für verschiedene literarische Traditionen und Sprachgebiete stehen, fünf Arten, die mögliche Bandbreite des zeitgenössischen Romans auszuloten, fünf Autoren, die uns ihren jeweils eigenen Blickwinkel darauf geben, was es heute bedeutet oder bedeuten könnte, Europäer zu sein.

Die fünf Autoren der Shortlist, ausgewählt durch die Direktionen der Fondazione Bellonci und der Casa delle Letterature, sind: Mircea Cărtărescu (Rumänien); Annie Ernaux (Frankreich); Kerry Hudson (Großbritannien, Schottland)Ricardo Menéndez Salmón (Spanien) und Ralf Rothmann (Deutschland) mit Morire in primavera (Originaltitel: Im Frühling sterben), übersetzt von R. Cravero, Neri Pozza 2016. Ralf Rothmann zählt bereits jetzt zu den Klassikern der deutschen Gegenwartsliteratur .

Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Hölderlin-PreisRalf Rothmann wurde am 10.05.1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin. Sein letzter Roman Im Frühling sterben (Suhrkamp, Berlin 2015) wurde mehrfach ausgezeichnet. Selten wurden Barbarei und Gewalt des Krieges so radikal und bezwingend dargestellt wie in diesem Roman. Selten nutzte die Literatur ihre Mittel auf so meisterliche Weise, um die moralisch-psychische Verelendung von Soldaten zu durchdringen.

»Sprach ich meinen Vater in der Kindheit auf sein starkes Haar an, sagte er, das komme vom Krieg; man habe sich täglich frischen Birkensaft in die Kopfhaut gerieben. Ich fragte nicht weiter nach, hätte wohl auch, wie so oft, wenn es um die Zeit ging, keine genauere Antwort bekommen. Die stellte sich erst ein, als ich Jahrzehnte später Fotos von Soldatengräbern in der Hand hielt und sah, dass viele Kreuze hinter der Front aus jungen Birkenstämmen gemacht waren.« Im Frühling sterben ist die Geschichte von Walter Urban und Friedrich – »Fiete« – Caroli, zwei siebzehnjährigen Melkern aus Norddeutschland, die im Februar 1945 zwangsrekrutiert werden.

Während man den einen als Fahrer in der Versorgungseinheit der Waffen-SS einsetzt, muss der andere, Fiete, an die Front. Er desertiert, wird gefasst und zum Tod verurteilt, und Walter, dessen zynischer Vorgesetzter nicht mit sich redenlässt steht plötzlich mit dem Karabiner im Anschlag vor seinem besten Freund ... In eindringlichen Bildern erzählt Ralf Rothmann vom letzten Kriegsfrühjahr in Ungarn, in dem die deutschen Offiziere ihren Männern Handgranaten in die Hacken werfen, damit sie noch angreifen, und die Soldaten in der Etappe verzweifelte Orgien im Angesicht des Todes feiern. Und wir erleben die ersten Wochen eines Friedens, in dem einer wie Walter nie mehr heimisch wird und noch auf dem Sterbebett stöhnt:

»Die kommen doch immer näher, Mensch! Wenn ich bloß einen Ort für uns wüsste ...« Seit 1976 lebt Ralf Rothmann in Berlin und veröffentlichte bereits mehrere Romane, Erzählungen und Gedichte, für die er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. : Messers Schneide, Suhrkamp, 1986; Kratzer und andere Gedichte, Suhrkamp, 1987; Der Windfisch, Suhrkamp, 1988; Stier, Suhrkamp, 1991; Wäldernacht, Suhrkamp, 1994; Berlin Blues, Ein Schauspiel, Suhrkamp, 1997; Flieh, mein Freund!, Suhrkamp, 1998; Milch und Kohle, Suhrkamp, 2000;

Gebet in Ruinen, Suhrkamp, 2000; Ein Winter unter Hirschen, Suhrkamp, 2001; Hitze, Suhrkamp, 2003;Junges Licht, Suhrkamp, 2004; Rehe am Meer, Suhrkamp, 2006; Feuer brennt nicht, Suhrkamp, 2009; Shakespeares Hühner, Suhrkamp, Berlin 2012; Sterne tief unten, Insel, 2013; Im Frühling sterben, Suhrkamp, 2015. Ursula März schrib (Beitrag vom 14.07.2015) für Deutschland Radio: "So markiert Rothmanns Roman auch eine Zäsur in der Geschichte der Sohnesliteratur: Die Zeit der ödipalen Abrechnung und Aburteilung ist vorbei. Die Zeit der differenzierten Anteilnahme hat begonnen. Dies ist ein großer Gewinn an Erkenntnistiefe ".

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