Montag, 15.07.2019 20:39 Uhr

Plovdiv, europäische Kulturhauptstadt 2019?

Verantwortlicher Autor: Helge Lindau Plovdiv, 08.07.2019, 22:08 Uhr
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Kulturhauptstadt Plovdiv 2019
Kulturhauptstadt Plovdiv 2019  Bild: Helge Lindau

Plovdiv [ENA] Offiziell ist Plovdiv schon, neben der italienischen Stadt Matera, eine der beiden Kulturhauptstädte Europas. Doch auf den Straßen der zweigrößten Stadt Bulgariens merkt man davon sehr wenig. Nur wenige der ausländischen Besuchern wissen, dass sie sich in einer Kulturhauptstadt befinden.

Die Fußgängerzone und Einkaufsstraße von Plovdiv ist an diesem Nachmittag nur mäßig besucht. Schuld daran mag wohl auch die Hitze sein, die an diesem Tag noch knapp 40 Grad erreichen sollte. Die Menschen drängen sich auf der schmalen Schattenseite der Flaniermeile. Doch trotz einiger kleinerer Banner und einer Installation mit dem Schriftzug „together Plovdiv 2019“ merkt man nicht, dass man sich in einer der diesjährigen Kulturhaupstädte Europas befindet. Größere öffentliche Bühnen oder etwaige Podeste für Kleinkünstler sucht man vergebens. Auch findet man keine Hinweise auf mögliche Veranstaltungen.

Nur in der Touristeninformation wird man auf Nachfrage fündig und bekommt die Termine der nächsten Veranstaltungen frisch auf einem Blatt Papier ausgedruckt. Auch gibt es eine Broschüre (sogar auf Englisch), als eine Art Veranstaltungskalender, doch die ist unübersichtlich gestaltet und das Suchen darin wird zur wahren Geduldsprobe. 
 Von offizieller Seite heißt es, dass 2 Millionen Menschen dieses Jahr die Stadt Plovdiv besuchen werden. Doch selbst optimistische Sachkundige halten diese Zahl für weit übertrieben.

Vom Kulturhaus, dass auch die ‚Oper Plovdiv‘ beherbergt, erfährt man Näheres zu den geplanten Veranstaltungen. So erzählt Frau Nina Dimovska, Leiterin des Kulturhauses, dass mehr als 400 Events unter dem Motto „together 2019“ organisiert werden. „Alle Veranstaltungen, die die Oper aufführen wird, sind sogar schon ausverkauft.“ erklärt Frau Dimovska. Von Open-Air-Opern in antiker Kulisse, über Rock- und Popkonzerten bis hin zu Lesungen, Workshops und Folkloreabenden reicht das Angebot des Festivals.

Eigentlich ein Programm, das viel Unterhaltung verspricht. Doch man fragt sich, wo die Besucher sind. Die meisten der Touristen, die durch die Altstadt spazieren, wissen nichts von einer Kulturhauptstadt und haken die Stadt nur als ‚besucht‘ auf ihrer Balkanroute ab. 
Dinko (Name geändert), ein Geschäftsmann, der einen kleinen Laden in der Altstadt betreibt meint: „Eigentlich habe ich wesentlich mehr Kunden erwartet. Doch die wenigen Leute bleiben kurz vor dem Laden stehen, gucken und gehen weiter.“ Tatsächlich ist sein Umsatz in den letzten Monaten sogar um 10 Prozent zurückgegangen. Seinen wahren Namen will er nicht veröffentlicht sehen, weil er Repressionen von Seiten der Stadt befürchtet.

Das gesamte Festival wird von der Stiftung „Plovdiv 2019“ organisiert. 
Victor Yankov, stellvertrender Leiter der Stiftung, legt Wert darauf, dass die künstlerischen Gruppen ihre Veranstaltungen selbst organisieren und auch die Locations dafür auswählen. Vielleicht sei deswegen so wenig vom alltäglichen Festival in den Straßen der Stadt zu spüren.
 Alle Fäden der verschiedenen künstlerischen Gruppen laufen aber in der Stiftung wieder zusammen.

Besonders stolz ist er aber einige Events, die, für bulgarische Verhältnisse, besonders mutig sind. Dazu zählt eine Fotoausstellung über die LGBT-Bewegung in den Balkanländern und ein Projekt, dass mit Künstlern und Roma-Kindern aus dem Roma-Stadtteil ‚Stolipinovo‘ realisiert wurde. Eigentlich ganz normale Veranstaltungen, doch für das erzkonservative Bulgarien, ist dies fast schon ein revolutionärer Akt.

Eine Kulturhauptstadt sollte das seinem Besucher bieten, weswegen er eine solche Stadt besucht: Nämlich Kultur zum Anfassen und zum Erfahren auf Schritt und Tritt. Nicht versteckt in irgendwelchen Nischen und möglichst noch mit einer Pay-Wall versehen. 
Und dabei wäre es doch so einfach gewesen, dem Beispiel der vorherigen Kulturhauptstädte zu folgen. Plovdiv 2019, eine Kulturhauptstadt in der man die Kultur erst einmal finden muss.

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