Online-Dating: Unterwegs im medialen Menschenmarkt
Salzburg [ENA] Neu, niveauvoll, besonders attraktiv! Auf der Suche nach einem Flirt, einer netten Freundschaft oder sogar nach einer festen Beziehung! Zahlreiche interessante Damen oder Herren (in allen Altersklassen) scheinen sich nach einer Partnerin / einem Partner zu sehnen. Täglich, nein stündlich, kommen auf zahlreichen Plattformen und Apps aktuelle und ansprechende Profile dazu.
Wem diverse Volkshochschulkurse („Italienisch für Anfänger“, „Workout für Junggebliebene“, „Töpfern wie die alten Griechen“ oder „Mediterranes Kochen“…) als Kontaktbörsen zu umständlich, langweilig und zeitraubend erscheinen, dem offenbaren sich mit ein paar Mausklicks ungeahnte Möglichkeiten: Wird es ein reizvolles Erlebnis, erotisches Abenteuer oder vielleicht sogar die ultimative große Liebe?
Ein Surfen gegen die Einsamkeit: Die weltweite digitale Vernetzung birgt – wie fast jede technische Innovation – Vor- und Nachteile. Mit einer Vervielfachung und Beschleunigung der Kommunikationsmöglichkeiten geht möglicherweise aber auch eine Verminderung unmittelbarer, sinnlicher und persönlicher Kontakte (lat. „contingere“ = „berühren, begegnen“) einher. Ein kleines, viereckiges Foto und ein kurzer, amüsanter Text sind kaum imstande die Aura eines Menschen wahrzunehmen oder den Zauber eines Kennenlernens zu erspüren. Allein der Unterschied zwischen einem altbewährten Brief und einer digitalen Botschaft darf nicht unterschätzt werden:
Im ersten Fall sucht man womöglich akribisch nach einer geeigneten Formulierung, poetisch-ausdrucksstarken oder eher nüchternen, vorsichtigen Sprache. Vielleicht verändert man manches oder verwirft den einen oder anderen Versuch, bis man sich endlich – mit Herzklopfen – zur handschriftlichen Reinschrift durchringt. Im zweiten Fall tippt man – vielleicht auch ohne allzu lange nachzudenken – die Botschaft in das Mobiltelefon und schickt den Text oder ein Selfie bedenkenlos ins weltweite Netz. Während die neue Art der Verständigung auf der Infoebene zweifellos eine praktische und „handgerechte“ Methode darstellt, gehen emotionale Zwischentöne und komplexe Sachverhalte vermutlich verloren.
Die vielsinnige Kontaktaufnahme – das Hören der Stimme, das Betrachten der Mimik und Gestik, der Bewegungen, das (völlig unterschätzte) „Beschnuppern“ des Gegenübers braucht Zeit, wobei ein Lustgewinn und Erfolg nicht von vornherein garantiert sind! Dennoch, in der Aufregung des Kennenlernens und Sich-Verliebens ereignet sich vieles (physisch, psychisch, neurobiologisch, biochemisch…). Sind diese unvergleichlichen Momente es nicht wert, ausgekostet zu werden? Oder ist beim Turteln & Tändeln ausschließlich Tempo gefragt?
Match oder nicht Match, das ist die Frage! Gewiss, ein Profil muss aussagekräftig sein und vor allem auffallen. Mit vorteilhaften und Erfolg versprechenden Fotos sowie originellen Texten wollen Frau und Mann Aufmerksamkeit erregen, müssen sie sich doch im Supermarkt der Kontaktsuchenden von anderen Mitbewerbern unterscheiden. Es geht wieder einmal um Angebot und Nachfrage, Konkurrenz und Wettkampf, technisch vermittelt, konsumentenfreundlich verpackt. Einer norwegischen Studie zufolge muss man bei „Tinder“ durchschnittlich fast 300mal swipen, also am Handydisplay nach rechts oder links wischen, um schlussendlich erfolgreich einen Partner / eine Partnerin für ein Date zu finden.
Das heißt: unaufhörlich liken und ablehnen, bis sich hoffentlich irgendwann ein Match ergibt. Den einzelnen Kandidaten oder die einzelne Kandidatin kann man in der Eile ja kaum wahrnehmen, man zieht nach dem ersten Eindruck lediglich den Finger aufgrund einer momentanen Stimmung in die eine oder andere Richtung. Wischen nun zwei Menschen wechselseitig in dieselbe Richtung, entsteht ein „Match“. Nach ungefähr 57 Matches und 5,1 Dates „probieren“ Tinder-User zumindest eine reale freundschaftliche Beziehung. Ausdauer ist in diesem Geschäft also gefragt…
Lebensgemeinschaft oder „immer offen für alles“. Viele Menschen suchen eine Beziehung, die von Exklusivität, Beständigkeit und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. Mit aufrichtiger Bewunderung schielen sie auf ältere oder alte Paare, die augenscheinlich eine glückliche und langjährige Beziehung führen. Im Gegensatz dazu sehen sich User von Dating-Apps einem unüberschaubaren, inflationären Angebot von immer neuen möglichen Partnern und Partnerinnen gegenüber. Das Swipen und die Möglichkeit auf ein Match laden die Teilnehmer ja geradewegs und immer wieder aufs Neue ein, nach möglichen Bekanntschaften zu suchen.
Und die Hoffnung auf ein prickelndes Abenteuer, auf den nächsten, noch spannenderen Kick scheint offensichtlich vorhanden zu sein. Allein die App von „Tinder“ wurde zwischen 2012 und 2023 über 530 Millionen Mal heruntergeladen. Höchstwahrscheinlich geben viele Menschen altruistische Eigenschaften auf ihrem Profil bekannt, wobei – Hand aufs Herz – wer ist nicht ehrlich, treu, empathisch und tierlieb; wer ernährt sich nicht gesund, treibt Sport und ist kulturell interessiert??? Schreiben kann man bekanntlich viel und das Foto ist möglicherweise auch schon einige Jahre alt…
In der wirklichen Welt zählen hingegen Erfahrungen und Erkenntnisse. Eine davon ist, dass man weder selbst noch der mögliche Partner / die Partnerin perfekt und vollkommen ist. Und mit diesen Ecken und Kanten, Fehlern und Schwächen der handelnden Personen müssen dieselben auch leben. Im tatsächlichen Leben zeigt es sich schnell, wie man mit diversen Problemen „klarkommt“ bzw. umgeht. Ein unschönes, aber bezeichnendes und glaubhaftes Stichwort ist „Beziehungsarbeit“ – auf diversen Plattformen ist es wohl kaum zu finden…
Männer und Frauen im Warenkorb. Das Spiel der Wahrscheinlichkeiten benötigt System. So macht es Sinn, dass ein partnersuchender Mensch sich vor dem ersten Einloggen fragt, wie er sich das weitere Leben eigentlich vorstellt und was bisher vielleicht gut oder weniger gut gelaufen ist. In der Folge ist er idealerweise imstande, Eigenschaften und Fähigkeiten zu bestimmen, die er unbedingt oder allenfalls (zu einem gewissen Teil) bei einem zukünftigen Partner sucht und erwartet. Bei zu vielen Kompromissen empfiehlt sich vielleicht doch weiterzusuchen.
Im Netz verhalten sich Menschen wahrscheinlich genauso gut und schlecht wie im richtigen Leben. Auch wenn man eine neue Bekanntschaft anschreibt, Nettigkeiten austauscht, sich vielleicht sogar schon zu einem Date verabredet hat: Phänomene wie „Breadcrumbing“ und „Ghosting“ können einem die Lust auf eine Bekanntschaft ordentlich vermiesen. „Breadcrumbing“ bezeichnet eine Dating-Praxis, wobei der Sender nur sporadisch Botschaften oder Likes sendet, um bei einem Empfänger das Interesse aufrechtzuerhalten.
Echtes Verlangen oder tiefere Gefühle sind nicht im Spiel. Prinzipiell geht es dem Sender um ein Machtspiel, bei dem er die Kontrolle über die Intensität und Richtung der Kommunikation behält. Mit „Ghosting“ wird der abrupte Abbruch des Kontaktes in einer (Online-) Beziehung beschrieben. Das Opfer wird vor vollendete Tatsachen gestellt und erfährt kein klärendes Gespräch bzw. wird völlig allein gelassen. Für den „Abbrecher“ hingegen ist es bequemer: Er braucht sich in die Gefühlswelt des Opfers nicht hineinfühlen – vielleicht, weil er es auch nicht kann und will. Möglicherweise versteckt sich hinter diesem Verhalten auch eine egozentrische oder narzisstische Persönlichkeit.
Wirkliche oder digitale Welt? Psychologen und Paartherapeuten raten, auf einer Dating-Plattform das eigene Profil nicht zu sehr zu „optimieren“, da der Stress, bei einem Treffen die perfekte Version der eigenen Identität spielen zu müssen, nur Enttäuschung beim Anderen hervorrufen wird. Tröstend oder nicht: Eine neue Studie aus Polen besagt, dass Paare, die sich online kennen lernen, öfter scheitern als Paare, die – ganz Oldschool – in der Wirklichkeit des realen Lebens zusammenkommen. Können wir unseren Sinnen und in der Folge dem Bauchgefühl doch mehr vertrauen, als wir glauben?




















































