Montag, 17.06.2019 23:54 Uhr

„GIPS-Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte"

Verantwortlicher Autor: Julia Barthold Stuttgart, 27.02.2019, 15:13 Uhr
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Symbolbild zu Anna Wolters Buch: „GIPS – oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“
Symbolbild zu Anna Wolters Buch: „GIPS – oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“  Bild: Julia Barthold

Stuttgart [ENA] „Blut, Spinnen, Feuer speiende Vulkane, küssende Eltern – ich mache nie die Augen zu. Ich will alles sehen. Nur jetzt nicht. Überall um mich rum stehen Umzugskartons. Ich sitze auf dem Boden und halte eine Metallkiste in den Händen. Die Fächer sind mit Nägeln, Schrauben und Bolzen gefüllt. ...

… Viel glänzendes Silber, aber im hintersten Fach liegt Gold. Ein Ring.“ --- So beginnt das Buch „GIPS – oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“, von Anna Wolters. Obwohl der Nebentitel im niederländischen Original fehlt, nehmen gleich die ersten Zeilen das Thema des Buches in bildlicher Form auf. Es geht um die Scherben, die eine Scheidung unweigerlich hinterlässt. Bildlich hierfür der goldene Ring, das Symbol der Ehe, der Einheit der Familie, der, vielleicht achtlos, vielleicht voller Wut, Frust und Enttäuschung irgendwo in eine Ecke gepfeffert wurde.

In diesem Fall direkt in eine Kiste mit Werkzeug, bzw. Schrauben und Nägeln, was üblicherweise zum Aufbau und zur Reparatur genutzt wird. Der nutzlos gewordene Ring und das Werkzeug. Eine sinnige Einheit in all ihren Gegensätzen. Denn es bleibt doch auch bei allen Gefühlen der Zerrissenheit, Trauer, Wut, Hilflosigkeit auch die Hoffnung, dass die Familie „repariert“ werden und zur Einheit zurückfinden könnte.

Das Buch wird aus der Ich-Perspektive der älteren Tochter Felicia erzählt, die neuerdings bitte Fitz genannt werden möchte. Immerhin ist sie jetzt schon zwölf. Sie ist in der neuen Wohnung ihres Vaters und sieht aus dem Fenster, wie ihr Vater mit ihrer kleinen Schwester Bente mit dem Fahrrad schwer stürzen. Die Nachbarin ist glücklicherweise gleich helfend zur Stelle und auch Fitz tut, was sie kann. Sie trägt eine Papier-Tigermaske, denn auf ihr Gesicht hat sie mit wasserfestem Stift einen hässlichen Satz geschrieben.

Die Nachbarin bringt die drei ins nächste Krankenhaus, wo – man kennt das ja – sehr lange Wartezeiten verbracht werden müssen. In dieser Zeit streift Fitz durch das Krankenhaus, überfordert mit der neuen Lebenssituation, den Geschehnissen und nicht zuletzt ihren eigenen Gefühlen. Sie trifft dabei auf den gutaussehenden, fünfzehnjährigen Adam, der nicht nur gut zuhören kann, sondern sogar ein Freund zum Gipsstehlen ist.

Und sie trifft Primula de Winter, eine häufige Krankenhauspatientin, die etwas jünger als Fitz ist und auf der dringenden Suche nach einer Freundin. In dieser hochemotionalen Zeit im Krankenhaus setzt sich Fitz mit der frischen Scheidung ihrer Eltern auseinander und mit vielen anderen Angelegenheiten des Lebens. Dabei ist das Buch durchweg leichtfüßig und spannend zu lesen.

Am Ende dieses Katastrophentages ist sie mit dem Leben wieder einigermaßen versöhnt und voller Hoffnung. Es gibt noch so vieles mehr als Trauer über das, was vorbei ist. Jedes Gefühl hat seine Berechtigung und darf sein. Alles, was einem im Leben widerfährt, kann immer aus verschiedenen Sichtweisen betrachtet werden. In der Auseinandersetzung mit anderen können alle profitieren und darüber weiterkommen, weiter, als jeder nur mit sich alleine.

Dieses Buch ist wundervoll. Ein Lesegenuss für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene. Voll von überraschenden Wendungen, Humor und tiefer Weisheit. Dabei aber niemals moralinsauer oder mit erhobenem Zeigefinger. Direkt aus der Lebenswelt gegriffen und voll tiefer Emotionen der Charaktere aus ihren unterschiedlichen Lebenswelten. Es entsteht ein warmherziges, munteres Wirrwarr, ein sensibles Gefühlschaos, spürbar voll von Liebe zu den Protagonisten und ihren Geschichten.

„GIPS – oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“ von Anna Woltz ist 2016 im CARLSEN-Verlag in der deutschen Version erschienen. Das niederländische Original wurde von Andrea Kluitmann ins Deutsche übersetzt und ist als Hardcover im Buchhandel für 10,99€ erhältlich (ISBN 978-3-551-55676-9).

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