Mittwoch, 24.04.2019 04:36 Uhr

Ferdinand von Schirach: „Die Mandantin"

Verantwortlicher Autor: Dr. Bernd Strecker Bad Schönborn, 15.04.2019, 19:33 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 2208x gelesen
Die Welt, 02.03.2019, S. 25
Die Welt, 02.03.2019, S. 25  Bild: Dr. Bernd Strecker

Bad Schönborn [ENA] Aufbau, Entwicklung und Parallelität von Handlungssträngen --- „Die Mandantin“ wurde in Die Welt vom 02.03.2019, S. 25, mit einer Illustration von Katja Fischer veröffentlicht, und zwar als Vorabdruck zu Schirachs neuem Buch „Kaffee und Zigaretten“ (Luchterhand Verlag).

Im genannten Buch ist die Erzählung Text „40“, S. 153 bis 163 - ohne weiteren Hinweis. Der Titel „Die Mandantin“ wurde offensichtlich durch den Lektor der überregionalen Zeitung gegeben. Das scheint uns zwar möglich, jedoch ist unseres Erachtens die zentrale Figur in der Erzählung: „Baumann“. Warum wurde also nicht diese Person als Titel gewählt? Das wäre völlig legitim und außerdem - textlich gesehen - zielführender. Des Weiteren werden von uns nicht die Seiten des Buches, sondern die entsprechenden Abschnitte zitiert, nämlich bezogen auf unsere Erstinformation in der Zeitung.

Die Erzählung ist ein fiktionaler Text, brillant geschrieben und sehr treffend. Der Text (20 Abschnitte) ist klar komponiert und stilistisch überzeugend. Die Sätze sind weitgehend kurz und deshalb nicht überladen Sinn-voll. Ihre Übergänge sind nachvollziehbar und zugleich thematisch weiterführend. Die Spannung für den Leser wird durchweg hoch gehalten, weil sich an den ‚Gelenkstellen’ des Textes unterschiedliche Entwicklungen ergeben könnten. Schirach vermeidet es aber geschickt, dem dadurch entstehenden etwaigen Kitsch eine Chance zu geben. Dies kann man leider von vielen anderen Texten heutzutage nicht behaupten.

In der Erzählung agieren drei Personen: der Jurist Baumann, der Ich-Erzähler, ebenfalls Jurist, welcher - wie bekannt - nicht unbedingt der Autor Ferdinand von Schirach sein muss - obwohl auch dieser von Hause aus Jurist ist - und die Mandantin, die in einer der entscheidenden Phasen innerhalb der Erzählung Baumann schroff zurückweist und brutal seine widersprüchliche Handlungsweise offenlegt (Abs. 18 und 19). Interessant ist, dass Baumanns Vorname nicht genannt wird, obwohl der Ich-Erzähler während der gemeinsamen juristischen Ausbildung den Kollegen sehr gut kennengelernt hat und einzuschätzen weiß.

Wegen der genauen Kenntnis des Anderen scheint sich aber bald eine gewisse emotionale Distanz zwischen dem Ich-Erzähler und Baumann zu verfestigen. Andererseits verabreden sich beide nach 20 Jahren zu einem gemeinsamen Essen in einem „italienischen Restaurant“ („Wir erzählen uns Geschichten aus dem Referendariat“ (Absch. 4 )) und anschließend in Baumanns Wohnung („Sie ist so kahl und so streng wie sein Büro eingerichtet. Im Wohnzimmer stehen nur ein Sofa, ein Fernseher und ein Bücherregal“ (Absch. 5).

Im folgenden Satz wird dann diese spartanische Qualität unmittelbar auf die Person des Juristen übertragen: „Baumann ist nicht verheiratet, er hat keine Freundin, keine Kinder, keine Geschwister, seine Eltern leben nicht mehr“ (Absch. 5). Jegliche Art einer positiven Hinwendung zur Umgebung fehlt. Hier deutet sich bereits der große Krach mit seiner Mandantin (Absch. 18) an. Wie soll eine Person wie Baumann - so lässt sich fragen - überhaupt eine einigermaßen natürliche oder menschliche Beziehung aufbauen?!

Später bietet Schirach eine phantastische, an sich widersprüchliche, aber dennoch, im Textganzen gesehen, in sich logische Version an. Zu deren Verständnis benötigt der Autor kleine Mosaiksteine von Hinweisen. Je ‚unspektakulären‘ sie in den Text eingebaut sind und dennoch vom Leser wahrgenommenen werden sollten, um so besser! Fiktionale Texte setzen ein hohes Maß an Lesetraining voraus.

An dieser Stelle zeigen sich z.B. auch formal-funktionale Vorteile eines fiktiven Ich-Erzählers. Dieser kann nämlich ohne Kommentar und Begründung z.B. der Einladung Baumanns folgen und dadurch den Leser intensiver „dessen [Baumanns] Geschichte“ (Absch. 7 ff), also einen wesentlichen Teil der Erzählung, begleiten und nachvollziehen lassen. Handelte es sich beim Ich-Erzähler jedoch um eine ‚normale‘ fiktionale Gestalt, wären zusätzliche - auch wertende - Erläuterungen erforderlich. Diese würden aber die fortschreitende Spannung keineswegs erhöhen, sondern eher retardierend wirken.

Nach klassischer Theorie könnte man Bauman, die Hauptperson der Erzählung, nicht als ‚round character‘, sondern eher als ‚flat character‘ bezeichnen, weil er im fiktionalen Rahmen keinerlei grundlegende Entwicklung durchmacht. Im Grunde bleibt er derjenige, der er schon als Jugendlicher war: intellektuell interessiert und später beruflich erfolgreich, menschlich aber - besonders was seine Beziehung zu Frauen angeht - völlig außer der Norm: „Baumann war damals sehr schüchtern. Wenn eine Frau in seine Nähe kam, verstummte er, wurde rot und sah zu Boden“ (Absch. 3). Und später erfahren wir: „Er starrte auf den Mund der Frau [der Mandantin], und dann verlor er seine Souveränität“ (Absch. 9).

Das Einzigartige an der Erzählung ist unseres Erachtens die Tatsache, dass Schirach sowohl die genannten beiden konträren Eigenschaften Baumanns auf interessante Weise miteinander verbindet, als auch gleichzeitig die zwei Charaktere - Baumann und seine Mandantin - in ihren Verhaltensweisen individuell-logisch wie auch für den Leser nachvollziehbar agieren lässt. Das ist nicht einfach. Aber Schirach bereitet sein Vorgehen textlich äußerst behutsam und dennoch stringent vor. Manche Stellen sind doppeldeutig, andere beinhalten gezielte Rück- oder in die Zukunft weisende Bezüge. Dies möchten wir ein wenig näher analysieren.

Auf Empfehlung ihrer „Bekannten“ kam die Frau zu Baumann und wurde später seine Mandantin. „Sie sei angezeigt worden“ (Absch. 8), gibt sie als Grund an, und zwar in Verbindung mit einem größeren, ihr zur Last gelegten Geldtransfer. Die genannte „Empfehlung“ ist eine indirekte Bestätigung und Verstärkung der hohen qualitativen juristischen Arbeit, die Baumann auszeichnet. Bereits zuvor heißt es: „Er hat ein hervorragendes Examen gemacht, danach hat er ein Jahr an der Columbia in New York studiert. Seine Dissertation hat er mit ‚summa cum laude‘ [der besten Note] abgeschlossen, eine sehr aufwendige Arbeit über das römische Recht“ (Absch. 3).

Sozusagen als Veredelung der Alltagstauglichkeit seiner Juristerei und damit als ideale Anlaufstation seiner Mandantin erfährt der Leser: „Nach seiner Zulassung hat er [Baumann] mit hohem Einstiegsgehalt in einer der großen Kanzleien angefangen, die sich nach dem Mauerfall in Berlin niedergelassen hat“ (Absch. 3). Das hier als einfache Information ‚versteckte‘ „hohe Einstiegsgehalt“ bekommt später bei Baumanns Phantasien zum möglichen Leben mit seiner Mandantin eine zusätzliche, fast tragische Bedeutung: „Er hatte genug Geld gespart, er könnte für sie sorgen, sie beschützen“ (Absch. 18).

Nach Übernahme des Mandats macht sich Baumann an die Arbeit und sieht genau die Prozessakten durch, und zwar gründlicher als alle Beauftragten vor ihm. So findet Baumann unter den Akten ein Notizbuch, das zum Dreh- und Angelpunkt eines möglichen Prozesses werden könnte - aber bisher von keinem Anderen auch nur ansatzweise beachtet, geschweige denn gewürdigt wurde. Soll dieser Hinweis etwa eine versteckte Rüge sein in Hinblick auf die anderweitig zuweilen schludrige Handhabung von Beweismitteln durch Gerichte oder Teile ihrer Repräsentanten?! Jedenfalls unterstreicht der Fund textmäßig Baumanns bereits bekannten überaus exakten Arbeitsstil.

Als Erklärung für die allgemeine Nichtbeachtung des Notizbuches heißt es In der Erzählung: „Bisher hatte die Polizei es nicht für die Akte kopiert, vermutlich, weil es den Ermittlern belanglos erschien“ (Absch. 12). Das könnte durchaus der Fall sein, zumal die hier benutzten Wörter „vermutlich“ und „erschien“ die vage Einschätzung noch unterstreichen. Aufhorchen lässt allerdings, dass am Anfang des zitierten Satzes das zeitlich offene „Bisher“ steht.

Es bezieht sich zwar syntaktisch auf die Polizei (oder das Gericht), realiter aber wird hier ein direkter Bogen zu Baumann und seiner präzisen Arbeitsweise geschlagen. Wir lesen: „Er arbeitete so sorgfältig wie in den Insolvenzverfahren, er fertigte Listen, Aktenauszüge und Vermerke“ (Absch. 12). Kein anderer als Baumann ist es, der an dieser Stelle die erwähnte implizierte Offenheit des Wortes „Bisher“ radikal beendet. Ab jetzt gibt es das „Bisher“ nicht mehr. Um aber diesen definitiven (Text-)Zustand zu erreichen, bedient sich Schirach zusätzlich eines höchst raffinierten Tricks, der in sich und für die notwendige Fortführung der Erzählung jedoch völlig logisch erscheint.

Der Autor teilt nämlich bewußt das Notizbuch in zwei längere(!!!) Teile, wobei nur der 2. Teil gerichtsrelevant ist. Es heißt in der Erzählung: „Auf den ersten dreißig Seiten hatte die Mandantin auch nur Einkaufs- und Aufgabenlisten notiert, die keinen Bezug zu der angeblichen Straftat hatten“ (Abschn. 12). Schirach spielt hier gekonnt mit dem verbreiteten oberflächlichen Leseverhalten von Menschen.

Selbst wenn - so das berechtigte Kalkül des Autors - irgendjemand im Notizbuch angefangen hätte nach gerichtlich bedeutenden Beweisen zu suchen, wäre er höchstwahrscheinlich nie bis zur „Seite 30“ vorgedrungen, sondern hätte - entsprechend des Inhalts - schon nach ein paar Seiten die Lektüre des Notizbuchs insgesamt beendet. Damit wird auch textuell rückwirkend das lückenhafte Vorgehen der Polizei ‚legitimiert‘.

Nur Baumann fällt auf diesen Trick nicht herein! Nach der genauen Lektüre jeder Seite des 1. Teils findet er im 2. Teil die relevanten Argumente. Sie sprechen allerdings klar gegen (!) seine Mandantin. Wir lesen: „Das Tagebuch war eindeutig: aus Wut, Kränkung und Rache überwies sie sich das Geld von seinem Konto, während er [ihr Liebhaber] im Hotelzimmer unter der Dusche stand. ‚Er muss bezahlen‘, schrieb die Mandantin“ (Absch. 13). Ab diesem Moment hält Baumann alle Trümpfe in der Hand und ist zudem in der Lage, der Erzählung eine ganz neue, andersartige Richtung zu geben.

Nun zündet Schirach sein brillantes Feuerwerk der verwobenen Parallelität zweier völlig unterschiedlicher Charaktere. Wohl wissend und zugleich berechnend baut Schirach den genauen Beziehungsablauf der Mandantin mit ihrem Liebhaber in den Kontext des Notizbuches ein. Diese Zeilen tragen eine wichtige kontextuelle Doppelbödigkeit. Einmal bringen sie - klärend - die Erzählung um entscheidende Momente weiter.

Zum anderen sind sie eindeutig auf Baumann bezogen. Sie könnten nämlich sozusagen als eine ‚potentielle Handlungsdirektive‘ für sein imaginäres Verhalten gegenüber seiner Mandantin dienen. Wir lesen: „Baumann versank in den Dialog der Liebenden“ (Absch. 14). Und dann zusammenfassend und abschließend sein eigener(!) Kommentar mit der herrlichen Formulierung: „Nie verrutschte Ihnen ein Wort, jeder Satz klang aufrichtig“ (Absch. 14).

An dieser Gelenkstelle der Erzählung könnte der Leser den Eindruck gewinnen, dass Baumann endlich seinen eigenen, individuellen Stil gefunden hat, dass er seine Position gegenüber seiner Mandantin richtig einschätzt, und dass er im Folgenden ‚angemessen‘ handelt. Zudem hat er ja seine Aufgabe als Jurist souverän erfüllt. Die Argumente und Beweise liegen für ihn offen auf dem Tisch.

Aber all dies ist keineswegs der Fall! Bei Baumann hat sich überhaupt nichts geändert. Vielmehr und unglaublich geht er weiterhin total in der anderen Welt seiner Mandantin mit ihrem früheren Liebhaber auf. Schließlich hat sich Baumann vollkommen auf der Ebene der medialen Spiegelung anderer Personen eingerichtet und sieht sich selbst als Teil dieser Welt. Ein Hinterfragen dieses Zustandes findet bei ihm nicht statt.

So haben es ihm besonders jene Fotos seiner Mandantin und ihrem Liebhaber angetan. Davon heißt es: „Gegen fünf Uhr ging er ins Bett. Ein paar Minuten später stand er wieder auf. Er sah sich nochmals die Fotos an. Auf einem Bild saß die Mandantin auf der Beifahrerseite in einem offenen Cabriolet […]. Baumann nahm das Foto mit ins Schlafzimmer und schlief mit ihm in der Hand ein“ (Absch. 15).

Es ist schon erschütternd (oder eher doch: kindlich?), wie dieser Intellektuelle mit seinen 33 Jahren (Absch. 8) den zeitweise wichtigsten Teil seiner Existenz immer wieder falsch beurteilt. So auch in den beiden letzten Begegnungen mit seiner Mandantin. Der Jurist Baumann macht sich bewußt strafbar, indem er das Notizbuch auf dem Tisch liegen lässt und kurz den Raum verlässt. Darüberhinaus biedert er sich ihr gegenüber regelrecht an. Im Text heißt es: „Baumann wusste genau, was er tat, jedes Wort, jede Bewegung hatte er sich überlegt. Er sah seine Mandantin an und wartete, bis er sich sicher war, dass sie verstanden hat“ (Absch. 16).

Schließlich, als ,krönender’ Abschluss, hofft Baumann noch fälschlicherweise, dass sich seine Mandantin ihm gegenüber als dankbar erweist. Aber auch hier lässt er die richtige und angemessene Verhaltensweise vermissen. Am Ende lautet sein schaler Kommentar, zum Ich-Erzähler gewandt: „Baumann macht eine lange Pause. ‚Sie hatte recht‘, sagt er dann. Und nach einer weiteren Pause: ‚Heute sehe ich lieber zu‘“ (Absch. 20).

Dieser Punkt der Erzählung könnte als weitere Gelenkstelle fungieren. Es gibt nämlich sicherlich Autoren, welche die Dankbarkeit für die Straffreiheit (der Mandantin) als größeres Gut versuchen darzustellen, mit welcher Begründung auch immer. Doch nicht so Schirach! Wir meinen, in diesem Zusammenhang ist sein Vorgehen in der Erzählung völlig konsequent. Denn die sich ergebende Folge wäre eher ein Abgleiten in eine realitätsferne Pseudosicherheit.

Was die Mandantin angeht, so ist sie in ihrem Handeln allseits(!) das genaue Gegenteil von Baumann. Sie weiß als Frau exakt, was sie will. Sie setzt alles konsequent und zu ihrem Vorteil um. In der Erzählung ist sie zwar namenlos, aber dennoch von höchster Wichtigkeit als integrale Figur und große Nutznießerin. Ihr Ausspruch „Sie sind genau das gleiche Schwein“ erinnert stark an die augenblickliche #Me too Debatte.

Die anfangs genannten, eng miteinander verwobenen ‚Handlungsstränge‘ werden in einem verhältnismäßig kurzen fiktionalen Text dargestellt und machen die Erzählung sehr kompakt. Außerdem beleuchtet sie - wie wir meinen - in brillanter, unaufdringliche Art ein spezielles Phänomen unserer heutigen Gesellschaft. Immer mehr Menschen lassen sich nämlich bei nahezu allen Fragen des täglichen Lebens auf eine medial gefilterte Realität ein, die sich aber grundsätzlich von der eigentlichen Wirklichkeit unterscheidet. --- Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten. München 2019. (Luchterhand Literaturverlag 192 S., 20 €).

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