Donnerstag, 24.09.2020 16:13 Uhr

Fake News - und wie sie entstehen

Verantwortlicher Autor: Dr. Bernd Strecker Bad Schönborn, 16.07.2020, 12:32 Uhr
Kommentar: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 6463x gelesen
In: Die Welt, 06.06.20, S.4 (Auszug)
In: Die Welt, 06.06.20, S.4 (Auszug)  Bild: Dr. Bernd Strecker

Bad Schönborn [ENA] In unserer heutigen Zeit spielen Fake News eine wichtige Rolle. Sie geben vor, die Wirklichkeit genau und richtig abzubilden, tun es aber nicht. Das Gegenteil ist vielmehr der Fall: Fake News kreieren eine Schein-Wirklichkeit, die sich grundsätzlich von der eigentlichen Wirklichkeit unterscheidet.

Für den Leser kann es zuweilen äußerst schwierig sein, sie als Fake News zu erkennen und einzuschätzen. Im Folgenden möchten wir lediglich zwei Arten von Fake News nennen, obwohl es eine Menge unterschiedlicher Arten gibt. Auf der einen Seite ist deren Inhalt etwa von Verschwörungstheorien gesteuert; auf der anderen werden Sachverhalte in einer Weise dargestellt, die den vorgegebenen wirklichen Kontext insofern verändern, als das inhaltliche Ergebnis ein völlig anderes ist. Letztere kann man auch - leider - in seriösen Qualitätszeitungen finden, deren Autoren ansonsten über jede Art von Fake News erhaben zu sein scheinen. Wenigstens geben sie das vor.

Als Erläuterung für diese letztere Art der Fake News möge ein Artikel aus der überregionalen Zeitung „Die Welt“ vom 06.06.2020, S.4, dienen. Es handelt sich um den Bericht über das Fernsehinterview: „Was nun Frau Merkel?“ Dort heißt es in der Überschrift: „Merkel macht deutlich, dass sie Trump nicht vertraut. Im Untertitel lesen wir: „In einem Fernsehinterview lässt die Bundeskanzlerin gewaltige Distanz zum amerikanischen Präsidenten erkennen. [...]“. Der Autor ist Robin Alexander.

Dieser Artikel bezieht sich auf eine Unterredung Merkels am abendlichen Vortag (05.06.20), die sowohl im ZDF und wenig später auch in der ARD mit einem anderen Frageteam gesendet wurde. Der ZDF-Beitrag mit den Moderatoren Peter Frey und Bettina Schausten bildet die ausführlichere Grundlage für den Welt-Artikel. Derjenige, der die TV Sendung gesehen und dann den Welt-Bericht liest, muss sich verständlicherweise die Augen reiben, weil hier zwei verschiedene Welten aufeinander treffen, und zwar die des Originals und die des Weltartikels.

So kann der Leser überhaupt nicht verstehen, wie der Autor die angeblich extrem ablehnende Haltung Merkels zu Trump so prononciert in den Vordergrund stellen kann. Für den Leser, der die Originalversion im TV gesehen hat, ist der erwähnte Begriff im Untertitel des Artikels „gewaltige [!] Distanz zum amerikanischen Präsidenten“ überhaupt nicht nachvollziehbar. Denn auf die Frage der Moderatoren nach Trump, die erst ganz am Ende des Interviews gestellt wurde, hat sich Merkel äußerst diplomatisch verhalten und zudem den Namen Trump gar nicht erwähnt. Es gibt bei Merkel überhaupt keine abschätzige Festlegung.

Hier wird also von Robin Alexander eine unverhältnismäßig negative Einschätzung Trumps durch die Bundeskanzlerin aus dem Nichts konstruiert. Denn eine solche Beurteilung hat das TV-Interview überhaupt nicht hergegeben. Alexander wandelt offensichtlich auf merkwürdigen Wegen. Dies kommt an späterer Stelle des Artikels noch deutlicher zum Ausdruck. Der Autor zitiert dort zunächst Merkel: „Ich arbeite zusammen mit den gewählten Präsidenten auf der Welt und natürlich auch mit dem amerikanischen.“ Unmittelbar danach fügt Alexander als Quintessenz dieses Satzes und als seine finale Beurteilung Merkels hinzu: „Also kein Vertrauen.“

Man fragt sich jetzt zu Recht, was soll das vom Autor gesetzte Wort „Also“ in diesem Zusammenhang und dann noch in Verbindung mit „kein Vertrauen“? Vielmehr ist inhaltlich und syntaktisch dieses „Also“ widersinnig und völlig fehl am Platz. Denn „Also“ bezieht sich in der Version Alexanders sprachlich nicht nur auf den „amerikanischen Präsidenten“, wie es der Autor gerne haben möchte, sondern ebenso auf alle „gewählten Präsidenten“, wie die Bundeskanzlerin formuliert. Konsequenterweise müsste syntaktisch auch der Begriff „kein Vertrauen“ auf die anderen Präsidenten ausgedehnt werden!

Aber das kann doch wohl nicht sein. – Vielmehr hat der Autor Robin Alexander mit seinem Artikel eine echte Fake News abgeliefert. Das ist umso schlimmer, als gerade er dem amerikanischen Präsidenten die häufige Benutzung dieses Genres vorwirft. Wollte Alexander etwa hier mit gleicher Münze zurückzahlen? Das wäre in der Tat unverantwortlich und dem Leser gegenüber eine Zumutung.

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