Donnerstag, 18.06.2026 19:41 Uhr

Deutscher Stiftungstag 2026 in Hamburg, 20.-21.Mai 2026

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Hamburg, 02.06.2026, 13:46 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 4261x gelesen
Saal 3 - CCH – Congress Center Hamburg
Saal 3 - CCH – Congress Center Hamburg  Bild: Kurt Lehberger

Hamburg [ENA] Das Motto des Stiftungstages ist „Aus Freiheit handeln“. Über 2.000 Menschen kamen zusammen und diskutierten in über 100 Workshops aktuelle Themen. Im Mittelpunkt standen der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Rolle von Stiftungen in der Demokratie als Teil der Zivilgesellschaft.

Eröffnung: Aus Freiheit handeln: Teresa Ribera, Vizepräsidentin der EU-Kommission, gab einen ersten Impuls. Es folgte ein Gespräch mit Giovanni di Lorenzo. Teresa Ribera, Vizepräsidentin der EU-Kommission, betonte dass die modernen Gesellschaften in Europa auf den Pfeilern Frieden, Wohlstand und Demokratie aufbauen. Wir müssen handeln, um den Frieden zu erhalten. Kritisches Denken sei dazu notwendig. Die Demokratie muss sich täglich behaupten. Familien sollten ein anständiges Leben führen können. Wir müssen aufstehen, die Stimme erheben, uns für die Demokratie einsetzen. Bedrohungen durch KI, die voreingenommene Meinungen verbreitet, müssen wir erkennen und gegensteuern. Wir müssen unsere Errungenschaften bewahren und respektieren.

Giovanni di Lorenzo, ZEIT Journalist, meint, dass wir zu sehr in der eigenen Blase gelebt haben. Die Skepsis in der Bevölkerung sei teilweise berechtigt. Die Medien sind homogen und sollten auf die Sorgen der Bürger*innen mehr eingehen. Die Jüngeren haben es heute schwerer. Wir haben viele Schul- und Studienabbrecher*innen. Wir müssen die Vielfalt aushalten und Chancen bieten, auch wenn die Voraussetzungen nicht optimal sind. Wir wollen uns nicht bevormunden lassen. Eine Bevormundung beispielsweise in der Presse wäre schrecklich. Kritisch wird das Interview mit Höcke durch Ben Berndt gesehen, das über vier Stunden dauerte und der Interviewer keine kritischen Fragen stellte, also die journalistische Rolle nicht wahrgenommen habe.

Freiheit ist Verantwortung, das gelte auch für die Medien. Wir sollten die Freiheit nicht nur erhalten und verteildigen, sondern sie neu gestalten. Die Zivilgesellschaft ist kein Risiko, das man begrenzen muss. Stiftungen sind in der Bildung engagiert. 80% der Stiftungen sind in der Förderung der Demokratie tätig. Weitere Stimmen zur Freiheit wurden gehört. Masih Alinejad hielt eine engagierte, mutige Rede zur Freiheit. Sie schilderte die Unterdrückung der Freiheitsbewegung im Iran und beklagte die vielen Tote. Sie warb für die Solidarität und für Aktionen gegen das IRAN-Regime.

Die Chefvolkswirte: Kippen die Kapitalmärkte oder geht es weiter aufwärts? Referierende: Carsten Klude Chefvolkswirt, M.M.Warburg & CO, Dr. Robin Winkler Chefvolkswirt Deutschland, Deutsche Bank, Michael Dittrich Stellv. Generalsekretär, Deutsche Bundesstiftung Umwelt, Dr. Jörg Krämer Chefvolkswirt, Commerzbank. Die Moderation übernahm Sissi Hajtmanek, Moderatorin und Wirtschaftsjournalistin. Die Unruhen an den Kapitalmärkten erleben wir seit Jahren. 2002 und 2010 waren Einbrüche mit der Wirkung, dass die Kapitalmärkte etwa 4 Jahre brauchten, um sich davon zu erholen. Corona und der Krieg in der Ukraine hatten keine Krisen an den Kapitalmärkten zur Folge. Die Märkte sind relativ stabil, trotzt der Krisen.

In den letzten Jahren konnten die Unternehmensgewinne gesteigert werden, die wirtschaftliche Situation war also eher positiv. In USA sehen wir eine kognitive Dissonanz. Die Gewinne sind hoch, der Energiesektor profitiert, trotz neuer Krisen (Iran). Die Gewinne sind in den USA um 20% gestiegen. Wenn wir durch den USA-Iran Krieg in eine Ölkrise geraten, gehen die Gewinne zurück. Die Krise USA Iran kann lange dauern. Die deutsche Wirtschaft ist isoliert zu betrachten. Etwa Zweidrittel der Umsätze der DAX-Unternehmen werden in Ausland erwirtschaftet. Wir haben strukturelle Problem. Die Transformation der Autobauer und deren Zulieferer sind eine Herausforderung.

Wir hätten es geschafft in Wachstum zu kommen, doch die geopolitische Lage macht es schwer. Die Finanzierung helfe nicht, die Reformbereitschaft fehle. Die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik, der keynesianische Ansatz, kann durch die hohen Investitionen des Staates die Wirtschaft ankurbeln. Die Rüstungsindustrie und die Infrastrukturunternehmen profitieren davon. Die Rüstungsindustrie kann mit Innovationen, der gesamten Wirtschaft nutzen. Die Wettbewerbsfähigkeit der Rüstungsindustrie ist dabei unabdingbar. Das deutsche Exportmodell sei nicht haltbar. Die Zölle in USA erschweren den Export. China wendet unfaire Mittel an. Der Staat lenkt die Wirtschaft. Er subventioniert Industrien in erheblichem Ausmaß.

Die Abhängigkeit von USA und China sollten wir reduzieren. Eine stärkere Diversifizierung sei von Vorteil z.B. durch Mercosur. BASF macht alle Gewinne in China. Wir sollten in Asien z.B. Indien und Vietnam mehr investieren, ebenso in erneuerbaren Energien. Erwartet wird eine starke Erhöhung der Produktivität in USA durch KI. Trotz hohem KGV in USA, das Kursgewinnverhältnis liegt bei 20 – 21 (in Deutschland bei 13 – 14) sind die Aktien wegen der Aussichten auf Produktivitätssteigerungen durch KI attraktiv. Die Inflation in der EU und in Deutschland wird zunehmen. Wenn sie dauerhaft bei 3% liegt, müssten ca. 6% Rendite mit Aktien erzeugt werden, um den Kapitalstock z.B. von Stiftungen zu erhalten.

Mit Humor und Haltung: Demokratiebildung mit Jugendlichen. Gespräch mit Kabarettist Alfons (Emmanuel Peterfalvi). Alfons erzählt humorvoll in seinem neuen Kabarettstück von seinen Erinnerungen an seine Großmutter Erica. Sie und ihr Ehemann wurden 1944 nach Auschwitz deportiert. Erica überlebte die Deportation, André ihr Ehemann, wurde in den Gaskammern ermordet. Seine Großmutter hatte Humor und hatte Alfons sehr viel Positives mitgegeben. Die neue Stiftung Grand-Mère – Großmutter - ist auch ein Zeichen der Versöhnung, aber auch ein Nicht-Vergessen an den Holocaust und die Verbrechen der finsteren Zeit.

Alfons spricht mit Jugendlichen in Schulen darüber. Er geht vor dem Theaterstück in eine Schule und diskutiert mit den Jugendlichen. Es gelingt ihm, eine gute Beziehung mit ihnen aufzubauen. Danach gehen in Jugendlichen in das Theaterstück zusammen mit den anderen Theaterbesuchern. Nach dem Theaterstück geht er ein zweites Mal in die Schule und diskutiert das Theaterstück mit den Jugendlichen. Er ist so begeistert von den Begegnungen mit den Jugendlichen, dass er nun eine eigene Stiftung, die “Grand-Mère” Stiftung, gegründet hat, um seine Idee und sein Engagement mit den Schüler*innen fest zu verankern.

Ein Zitat zeigte er uns auf dem Stiftungstag. Das passt auch sehr gut zu dem Motto der Stiftung „Aus Freiheit handeln“: Das Zitat ist von Simon Wiesenthal und lautet: „Damit das Böse gedeiht, braucht es nur gute Menschen, die nichts unternehmen.“ Alfons spricht damit eine Warnung aus. Wir, sowohl in Frankreich als auch in Deutschland, müssen die Demokratie verteidigen. Noch können wir das, weil wir in Freiheit leben, dazu bedarf es nun Haltung und Handeln, um den Rechtsextremen keinen Platz zu geben.

Die Grenzen der Freiheit: ein gesellschaftspolitisches Gespräch mit Nora Bossong und Steffen Mau. Referierende: Nora Bossong, Schriftstellerin und Essayistin, Prof. Dr. Steffen Mau, Soziologe und Autor. Unsere Gesellschaft wird herausgefordert. Konflikte und ein Dissens sind spürbar. Die Normen werden in Frage gestellt. Die territorialen Grenzen verschwinden zunehmend. Die nationale Identität ist nicht mehr aus der Norm zu bestimmen. Die dynamische Veränderungsgesellschaft bringt neue Fragestellungen hervor. Die Friktion der Teile der Gesellschaft erzeugt Hitze. Die zunehmenden Veränderungserwartungen führen zu einem Stress in der Gesellschaft. Gegensätzliche Ideologien stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber.

„Das Ende der Geschichte“, die These von Francis Fukuyama, ist nicht eingetreten. Im Gegensatz sind die heutigen Probleme komplexer als im Dualismus des kalten Krieges. Die „libertäre“ Philosophie und die neuen Machtzentren der Superreichen fordern unsere Grundprinzipien der Demokratie heraus. Die Literatur kann uns helfen, die Menschen zu verstehen. „Wir denken uns ein in die Protagonisten, denen wir folgen“, sagt Nora Bossong.

Nora Bossong mahnt an, dass die Literatur nur rudimentär gefördert werde, die Wissenschaft dagegen viel mehr Geld erhält. Ein deutscher Literaturpreis bringt wenig Geld ein, weniger als ein/e Schriftsteller*in braucht, um ein Thema gut zu recherchieren. Das Geld reicht nur für ein paar Monate. Die Bildung hat eine wesentliche Funktion in der Demokratiebildung. Der Dissens in der Gesellschaft führt zur Frustration. Steffen Mau betont, dass Kunstfreiheit eine Grundvoraussetzung für unsere Demokratie sei. Ein vorauseilender Gehorsam bei Kunstschaffenden sei der falsche Weg. Die Freiheit der Wissenschaft sei ebenso gefährdet. Was gefördert wird sollte allein wissenschafts-intern entschieden werden.

Der Markt und die Macht sollten sich der Wissenschaft unterordnen. Der Staat sei nach wie vor der größte Geldgeber der Wissenschaft. Die Stiftungen spielen eine bedeutende Rolle, indem sie die Themenfelder ihres Engagements selbst auswählen und z.B. die Kunstfreiheit und die Bildung fördern. Die Ideologien, einerseits die libertäre „Erlösungsideologie“ von Peter Thiel und Frau Weigel und die autoritäre Politik der USA unter Trump, andererseits die demokratische, partizipative, menschenrechtsorientierte Ideologie, wie sie in Deutschland und Europa vertreten wird, stehen sich konträr gegenüber.

Wir müssen uns im Handeln bewusst sein, welche Freiheit wir haben und erhalten wollen. Es sollte nicht der über alles gesetzte Individualismus sein, der die Entstaatlichung predigt, die Superreichen bevorzugt und die Menschen autoritär unterwirft. *** Der Deutsche Stiftungstag 2027 findet am 2. und 3. Juni 2027 in Dresden statt.

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