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CeBIT Hannover 2016: "Die digitale Transformation"

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 12.03.2016, 22:56 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 8793x gelesen
Udo Schneider, Trendmicro, mit sicherheitskritischen Endgeräten...
Udo Schneider, Trendmicro, mit sicherheitskritischen Endgeräten...  Bild: Veranstalter

München [ENA] Von 14.-18. März trifft sich die IT-Branche wieder auf der CeBIT in Hannover, der die Messeleitung mit der Ankündigung "Die digitale Transformation ist da" einen ungewollt adventlich-weihnachtlichen Anstrich gibt. * *

Nach einigen Jahrzehnten Digitalisierung darf schon mal was ankommen, und weil "Disruption" im konsensbedürftigen Deutschland einen häßlichen Klang hat, spricht man von Transformation. Das heurige Partnerland ist die Schweiz, die für "Spitzentechnologie vom feinsten" steht. Für Startups hatte die CeBIT bisher die Innovationsplattform Code_n, die auch sehr erfolgreich war. Die Messeleitung hat dann aber das eigene Konzept Scale 11 in die Welt gesetzt - benannt nach der Halle 11 -, und dies führt nun dazu, daß in der kommenden Cebit Code_n nicht mehr vertreten sein wird. Im Vorfeld der Computermesse bot die CeBIT-Preview in München und Hamburg bereits im Januar erste Einblicke in Themen und Neuheiten der Aussteller.

Digital Science

Wie nötig deutsche Neugründungen sind oder vielmehr wären, hat nicht zuletzt Christoph Keeses Buch über das Silicon Valley drastisch vor Augen geführt, und davon hat sich die Münchner Beratungsfirma Alexander Thamm inspirieren lassen. Sie versteht sich als "erste echte Digital-Science-Beratung in Deutschland". Der Untertitel der Firma, "business analytics services" macht schon deutlicher, worum es geht, und vollends klar wird das Metier, wenn man den Begriff Big Data als Hauptgegenstand identifiziert. Bezeichnend genug, daß es für die Disziplin Digital Science erst gar keinen deutschen Begriff gibt, d.h. die deutsche Informatik hat dafür überhaupt kein genuines Interesse entwickelt.

Damit die deutschen Manager nicht noch länger nach Kalifornien pilgern müssen, um zu erfahren, wie Datenanalyse funktioniert, bietet Thamm mit etwa 50 Mitarbeitern entsprechende Dienste an. Obwohl erst 2012 gegründet, hat man schon 250 Projekte erfolgreich umgesetzt - der Bedarf ist offenbar enorm. Daß man sich mit Big Data auf schmalem Grat bewegt, wird beispielsweise am Teilgebiet Automobilbau deutlich. Dort wird "vorhersagbare Wartung" möglich, die vorab 75% der Autos mit einem bestimmten Fehlerauftritt in der Garantiezeit identifiziert und damit eine beträchtliche Reduktion der Kosten erreicht. Für das Prognosemodell ist dies eine beeindruckende Leistung, doch hat eine solche Infrastruktur natürlich auch eine Kehrseite.

Es bedarf keiner großen Fantasie, um zu erkennen, daß die prädiktive Wartung nahtlos in die geplante Obsoleszenz übergehen kann, also, um im Beispiel zu bleiben, die Fehler für die Garantiezeit zwar vorhergesagt, für die Zeit danach aber geradezu vorherbestimmt werden. Die prädiktive Wartung könnte außerdem den Hersteller von dem bisher gültigen Ziel eines wartungsfreien Betriebs abbringen.

In jedem Falle wächst der Verfügungsraum des Herstellers über die Nutzung seines Produktes oder seiner Dienstleistung, und daß dies in jedem Falle im Sinne des Nutzers ist, wäre noch zu beweisen. Thamms Vision "Wir wollen das Leben der Menschen grundlegend verbessern" klingt jedenfalls noch zu sehr nach kalifornischer Ideologie, um in der harten Marktrealität als Maßstab gelten zu können.

Dauerthema Sicherheit

Die Sicherheitslage in der IT ist, wie nicht anders zu erwarten, alles andere als erfreulich. Zwei renommierte Firmen, Trend-Micro und Eset, berichteten einschlägige Angriffsszenarien. Udo Schneider, Trendmicro, verwies auf den Fall des von Malware befallenen Rechners des Robotik-Baukastens Lego Mindstorms und führte dem Auditorium den Hack eines Artikels der "Ehe-Hygiene", näherhin eines Vibrators, vor. Die vierstellige PIN wurde mühelos erraten, und schon ließ sich das Gerät fremdgesteuert ein- und ausschalten und regulieren. Natürlich steht der Vibrator nur stellvertretend für ein allgemeines Problem, nämlich das vollständige Fehlen von Sicherheitsdesign in der rasant wachsenden Welt des Internets der Dinge, IoT.

Schneider rechnete vor, welchem ökonomischen Kalkül sich dieses Wachstum verdankt: eine Bluethooth-Anbindung für ein beliebiges Gerät kostet in der Serie etwa 50 ct pro Stück, WLAN etwa anderthalb Dollar. Die Sicherheit des Backends wird üblicherweise vernachlässigt, und am Gerät selbst sei ein Schutz ohnehin kaum herstellbar. Angesichts der herrschenden Goldgräberstimmung im IoT wird man sich auf einiges gefaßt machen müssen, wenn man sich nur erinnert, seit wie vielen Jahren wir uns beispielsweise mit schlecht oder gar nicht übersetzten Bedienungsanleitungen von chinesischen Billig-Importen herumschlagen müssen.

Schneider legte den Finger in die Wunde: die (deutsche) Forderung nach Datensparsamkeit macht bestimmte Geschäftsmodelle von vornherein zunichte - oder umgekehrt: solche Geschäftsmodelle machen deutschen Datenschutz zunichte. Raphael Labaca Castro berichtete für Eset von Erpressungssoftware, die mittlerweile auch Android-Systeme befallen hat und deren Quelle u.U. nicht mehr zurückverfolgbar ist, weil die Erpresser sich nun auch der Anonymität des TOR-Netzwerkes bedienen.

Der im Vorjahr bekannt gewordene Fall, daß wichtige Funktionen eines Jeeps über das Multimediasystems gehackt wurden, führt zu der skurril-makabren Vorstellung, daß künftig auch Autos ihre Patches brauchen werden und Fahrzeuge sich in unberechenbare Gerätschaften verwandeln könnten. Eine Art social hacking beschrieb der Internet-Soziologe Dr. Stephan Humer, der mit gehöriger Chuzpe bewies, "wie man Data Analytics austrickst".

Gemeint waren die Mechanismen, die bei Kreditvergabe und Kontoeröffnungsprozeduren von den Banken zu Grunde gelegt werden und die bei entsprechender Dreistigkeit schamlos ausgenützt werden können. Sogar eine Bahnreise ließ sich mit gesperrter Kreditkarte bezahlen. Offenkundig ist das Risikobewußtsein der Banken im Kleinen ebenso schwach entwickelt wie im Großen. *

Bewährte Technik kostümiert sich

Geradezu leid kann dem aufgeklärten Nutzer die Branche der Festplattenhersteller in all der Streaming- und Cloud-Euphorie tun. Western Digital sieht sich allen Ernstes genötigt, die Speichergeräte als MyCloud zu vermarkten, sozusagen die Wolke im Wohnzimmer. "Behalte es zuhause" muß als Leistungsmerkmal erst zu Bewußtsein gebracht werden - als ob die Netzbewohner nicht schon genügend Datendiebstahlsfälle und geheimdienstlichen Mißbrauch vor Augen geführt bekommen hätten. Western Digital hat sogar eine umfangreiche Studie in drei europäischen Ländern und den USA mit mehreren tausend Teilnehmern zum Speicherverhalten der Nutzer durchgeführt.

In Deutschland ist erwartungsgemäß der Wille zum digitalen Besitz (noch) gut ausgeprägt, so wie ja hierzulande auch der CD- und DVD-Absatz weniger stark als in anderen Ländern geschrumpft ist. Western Digital beziffert den Wert eines durchschnittlichen digitalen deutschen Archivs mit etwa 6000 Euro. Man stellte allerdings auch fest, daß der Speicherbedarf höher als die tatsächliche Speicherkapazität ist - so gesehen ein erfreulicher Ansporn für Umsatzwachstum. Als Nutzungsmodell der Wahl sieht der Hersteller die externe Festplatte am Router. Damit wird sowohl der Privatheit, wie auch dem Nutzungsbedürfnis von beliebigen Orten aus Rechnung getragen. Der Zugriff erfolgt dann über ein entsprechendes Web-Portal des Herstellers.

Ironischerweise sind die Router-Hersteller auf die gleiche Idee verfallen und bieten die Konfiguration aus ihrer Perspektive ebenfalls an. TP-Link kündigte in diesem Zusammenhang sogar einen "Smart-Home-Router" an, von dem bisher allerdings nur die beiden unterstützten Smart-Home-Systeme bekannt sind, der Preis aber nicht. Auch AVM, der Fritzbox-Hersteller, sieht den heimischen Router schon lange als Kommunikationszentrum zuhause.

Der Trend-Talk galt dem Generalthema "Wie wird die Digitalisierung Wirtschaft & Gesellschaft verändern?" Naturgemäß konnten in der von PCgo-Chefredakteur Jörg Hermann moderierten Diskussion nur einige Motive angesprochen werden. Daß durch Digitalisierung gesellschaftliche Spannungen verschärft werden können, zwischen Arbeitsplatzbesitzern und arbeitslos werdenden Digitalisierungsopfern, zwischen Bildungsgewinnern und digitalem Proletariat (wie Humer ungeniert sagte), zwischen kalifornisch inspiriertem Optimismus - digitaler Rücksichtslosigkeit, wenn man will - und mehr oder minder verzweifelter deutscher Ordnungspolitik - darüber war man sich einig.

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