Mittwoch, 21.10.2020 14:35 Uhr

CH - Wie schlecht steht es um die NZZ?

Verantwortlicher Autor: Reto Turotti Zürich, 18.09.2020, 09:10 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Wirtschaft und Finanzen +++ Bericht 4059x gelesen

Zürich [ENA] Inflationäre Abo-Preise. Zusammenschluss mit Sonntagsausgabe, dafür Stellen für Berlin. Und Ärger mit Freiem. Die Neue Zürcher Zeitung hat ihren freien Kolumnisten Milosz Matuschek rausgeworfen. Grund: Eine Kolumne von Matuschek erschien als Zweitpublikation auf der kruden Seite KenFM. Die Aufregung unter den Abonnenten war riesig, von Hamburg bis Zürich. In der Szene geht man von Abokündigungen im dreistelligen

Bereich aus. Die NZZ schreibt auf Anfrage: nur 17 – „vor allem Probe – oder Monatsabonnements“. Wer’s glaubt. Die Auflage der NZZ sank von 100’421 (2018) auf 76’023 (2019). Jeden Wochentag verlor die Zeitung also über 66 Exemplare. Wer so Federn verliert, malt die verbliebenen umso bunter an. Im Geschäftsbericht (2020) präsentiert das Unternehmen ihre Abo-Entwicklung. Die Kurve geht seit drei Jahren ab wie eine Rakete. 165’852 Abonnenten wurden Mitte 2019 gezählt. „Aktuell verfügen wir übrigens über rund 193’000 Abonnenten“, schreibt die NZZ stolz. Der Clou: Die NZZ mischt sämtliche Abos in die gleiche Kennziffer. Angefangen vom Luxusabo „Print & Digital“ (814 Franken) bis zum Studentenabo (5 Franken pro Monat).

Mit Auflagenschwund kämpfen auch andere Verlage. Ärger mit freien Journalisten gehört zum täglichen Brot. Die richtig grossen Probleme liegen in der fast inflationären Preisentwicklung. Beispiel NZZ Folio. Das Monatsmagazin lag früher gratis in der NZZ bei. Später wurde dafür 5 Franken verlangt, dann 9.80 Franken und seit diesem Monat plötzlich 12.80 Franken (Inhalt: 74 Seiten). Die Abonnenten erfuhren dann by the way, dass ihr Heft nur noch alle zwei Monate herauskommt. Dazu kommt: Die NZZ ist wahrscheinlich die einzige Zeitung auf der Welt, die von ihren ausländischen Lesern weniger Geld verlangt als von inländischen. Wer in Deutschland wohnt, bezahlt für Print & Digital 572 Euro im Jahr. Schweizer zahlen 814 Franken.

Noch krasser ist der Unterschied, wenn man nur das Digitalabo löst: Deutsche zahlen 100 Euro pro Jahr (2 Monate geschenkt), Schweizer zahlen 220 Franken (1 Monat geschenkt). Der NZZ geht es schlecht, das erkennt man im Grossen und im Kleinen. Im Grossen: Natürlich verschwindet eine Zeitung wie NZZ nicht über Nacht. Der Cashflow aber sinkt seit Jahren. Die letzte grosse Akquisition war vor vier Jahren das Zurich Film Festival (ZFF). Man will nicht wissen, wie viel Geld da verbraten wird. Der Betriebliche Gesamtertrag hat sich in nur vier Jahren fast halbiert. Die ehemaligen Klassenkameraden Tamedia (TX Group) und Ringier sind dem Konkurrenten längst enteilt. Der NZZ fehlen die grossen Kisten wie Ricardo (TX Group).

Das Eigenkapital der NZZ ist von 426 Millionen (2010) auf 262 Millionen Franken (2019) geschrumpft. Zum Vergleich: Tamedia verzeichnete 2010 etwa 840 Millionen Eigenkapital in seinen Büchern, 2019 stiegen die Bestände auf über 2150 Millionen. Mit dieser Kriegskasse geht man fröhlich auf die Jagd. Bei der NZZ wird es langsam knapp um die Eigenbestände. Das hauseigene Druckzentrum Schlieren wurde 2015 verkauft, seither wird die Zeitung von der TX Group gedruckt. Der Hauptsitz an der Falkenstrasse, direkt neben dem Opernhaus, hat gemäss Kennern einen Wert von einer Milliarde Franken. Im Erdgeschoss wird vermietet, was nur geht. Im November soll das Lokal „NZZ am Bellevue“ eröffnet werden. Gescheiter wäre wohl ein Verkauf der Immobilie....

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