Mittwoch, 22.05.2013 01:19 Uhr

"Radfahren,so nennt sich das!" Niklas auf dem Weg zum Star

Verfasser: Christian Reimann Düsseldorf, 09.06.2012, 13:21 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Sport-Nachrichten +++ Bericht 54419x gelesen
Nohand-Air an der Oberkasseler-Rheinbrücke in Düsseldorf
Nohand-Air an der Oberkasseler-Rheinbrücke in Düsseldorf  Bild: Christian Reimann

Düsseldorf [ENA] Niklas fährt Rad am Rhein, jeden Tag. Allerdings auf einer kurzen Distanz und immer hin und her. Der junge Düsseldorfer begeistert die Spaziergänger mit seinen Tricks in der "Halfpipe" und über die "Box". Viele Besucher sind sich sicher: Da wächst ein neuer Star heran. Eine Visite vor Ort.

Tabletop an der Halfpipe
Nohand-Air, Like von Niklas
Ausruhen auf der Box

Niklas wirkt beim ersten Treffen am Rhein relativ bescheiden, trotzdem offen und kommunikativ, als Botschafter seiner persönlichen Leidenschaft. An seinem linken Arm zeugt noch eine runde Wunde vom letzten nicht ganz so optimal durchgeführten Trick. Aufgrund der Ähnlichkeit werden seine Freunde die Verletzung später – wenn das Foto bei Facebook eingestellt wird - als "Pizza" kommentieren. Ein sprachlicher Humor, eine gewisse Raffinesse der unterstreicht, dass man es hier offenkundig mit "coolen" Jungs zu tun hat, die über eine spezielle Gelassenheit verfügen.

Niklas plant den next Trick
Barspin über die Box
Tailtap an der Tonhalle

Niklas, 168cm groß, stämmig ist Düsseldorfer, 13 Jahre alt, in einem Monat wird er 14. Orientiert an der allgemeinen Altersdefinition befindet er sich somit offiziell gerade in der Übergangsphase vom spätalterlichen Kind hin zum Jugendlichen. Niklas wirkt allerdings viel reifer und erfahrener als seine altergleichen Freunde, dies mag zum Teil auch auf die Routine und Konstanz zurückzuführen sein, mit denen er seine Tricks, am liebsten den sogenannten "nohand air" vorführt. "Nice, nice" heißt es dann und es wird kurz geklatscht. Motivation und Zusammenhalt unter den Teenagern, wie Till, Christian, Maurice, Max und Louis, die sich heute im Ulenbergpark, einem neuen Skatepark in Düsseldorf-Flehe zum Fahren verabredet haben.

Standing on the Wall
Display kaputt, Musik läuft
Niklas ist Düsseldorfer

Was das Alter betrifft, so sind die Ursprünge der heutigen Form des "Radfahrens" weit zurückzuverfolgen. Ende der 60er Jahre des letzten Jahrtausends entstand in Kalifornien der Gedanke der Bicycle Moto Cross-Räder, kurz der BMX. Im Mittelpunkt standen allerdings kompetitive Rennen durch hügeliges Gelände, abseits von Straßen und Parks. Der Dokumentarfilm "On any Sunday" aus dem Jahre 1971 versuchte damals den neuen Trend mit hochkarätiger schauspielerischer Besetzung wie z. B. Steve McQueen in die breite Öffentlichkeit zu bringen.

360 über die Box
Schattenspiele
höchste Konzentration

In Amerika und vornehmlich Kalifornien konnte auch dauerhaft eine neue Bewegung etabliert werden, in Europa war das Bonanzarad Mitte der 1970er Jahre ein erster dezenter Hinweis auf eine beginnende Entwicklung. Der Gedanke jedoch, das Rad als Werkzeug zu benutzen, um Tricks anzuwenden, kam erst später auf, Mitte der 1980er Jahre. Heute gleicht das Aufzählen aller möglichen Tricks, die es offiziell und inoffiziell gibt, einer alten Briefmarkensammlung; zu jeder Marke, zu jedem Trick kann man was erzählen und es bedarf meistens einer kurzen Erklärung.

Formatfüllend
Flug über die Box
Box von oben

"X-up", "Barspin", "E.T.", "360°", "Nofoot", "Tailtap", "Tabletop" sind typische Namen verbreiteter Tricks, deren Namenskreation jedoch vielfach verborgen ist. Lediglich beim Trick "E.T." weiß man, dass dies auf eine Szene aus dem gleichnamigen Film rekurriert, bei der der Junge in der Luft fliegt und weiter in die Pedale tritt. Über diesen Film ist Niklas nicht zum "Radfahren" gekommen. Viele seiner Freunde fuhren BMX, das war der erste Anreiz. Die 20-Zoll Felgen waren ihm allerdings zu klein und so sattelte er schnell auf ein Mountainbike mit Front-Federung um. Dies verfügt über eine 26-Zoll Bereifung, und lediglich zwei Kettenblätter, das vordere zählt 26 Zähne, das hintere nur 10, ein sogenannter Single-Speed Antrieb.

Niklas mit Freund
Relaxing
besondere Koordination

Kostenpunkt des Bikes ca. 1.700 Euro. Zum - in Eigenregie mit etwas handwerklichem Geschick durchgeführten - "Customizing" gehört, dass Niklas seine einzige verfügbare mechanische Bremse abmontiert hat. "So lassen sich bessere Tricks machen!" lautet die lapidare und für normale "Radfahrer" schwer nachvollziehbare Begründung. Gebremst wird jetzt eben mit der Sohle auf dem Asphalt oder direkt – wie beim Prinzip ganz alter Bremsen – durch Druck auf die Bereifung, notfalls entstehen oder bewirkt dies neue Tricks.

Tabletop
Pausen sind notwendig
Niklas in der Wicked Woods

Niklas hat nicht nur Talent zum Fahren, das Schrauben am eigenen Bike gehört zwangsläufig dazu. Entweder wird die Federgabel justiert, der Vorbau variiert oder das gebrochene Kettenblatt gewechselt. Der mobile Werkzeugkoffer mit allen gängigen Maulschlüsseln, Schraubendrehern und überlebenswichtigem Flickzeug ist immer mit dabei an den Locations, an denen sich die Jungs treffen. In Düsseldorf sind es aktuell drei Locations, wo man sich - organisiert auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken - zusammenfindet, mit BMX-Fahrern, Skatern und Inlinern. Gerne nimmt man aber auch das Rad mit in den Zug und fährt zu anderen Hallen oder Parks, trifft dort bekannte oder neue Freunde.

Idealtypischer Tabletop
Detailstudie Tabletop
Tabletop von vorne

Beliebt sind z. B. der "Rheinpark" in Duisburg und die "wicked woods" in Wuppertal. Es sei eine 'besondere Atmosphäre', wie Niklas selber sagt, die an solchen Orten herrscht, viele nette Leute, aber manchmal "sind auch ein paar nicht so nette dabei." Nahezu bei jedem Wetter wird gefahren, lediglich der Wind verhindert manchmal das tricksen in der Luft. "Den Adrenalin-Kick merkt man" erzählt Niklas, als wir sonnengeschützt unter der Oberkasseler-Rheinbrücke in Düsseldorf sitzen. Besonders spüre er das, so erklärt er, wenn er seine Lieblingstricks wie z. B. den 360 auf der Box, den Nohand-Air über die Box oder den Tabletop macht. Dabei geht es nicht nur um den reinen wiederholten Adrenalin-Kick.

Dynamik und Eleganz zugleich
360 über die Box
Niklas Portrait

Niklas betont, dass das "Fahren" für ihn auch eine gewisse therapeutische Bedeutung habe. Ein Ventil, über das er Druck ablassen könne, wenn es Probleme mit der Familie oder in der Schule gebe. Zur Perfektionierung der Tricks gehören nicht nur die vielen Zuschauer am Rheinufer in Höhe der Tonhalle, sondern zwangsläufig auch die akustische Unterstützung. Niklas und seine Freunde fahren stets mit Stöpseln im Ohr, verbessern ihre Konzentration mit Musik der Richtungen Metal oder Dubstep. Niklas bezeichnet sich realistisch selber als Amateur, träumt natürlich von einer großen Karriere, die viele seiner Kollegen ihm auch vorhersagen. Notwendig ist es dazu, einen Sponsor zu finden.

So fing es typischerweise auch bei dem Idol von Niklas, dem Fahrer Marius Hoppensack an. Um seinem Ziel ein bisschen näher zu kommen, trainiert Niklas 2 bis 3 Stunden jeden Tag, am Wochenende häufig viel mehr, zu Hause unterstützend an einer Bank, dort drückt er 70 Kilogramm. Zusätzliche Kraft und Energie schöpfen Niklas und seine Freunde aus einem menschlichen Einfluß: "Faktor Mädels, ja, die geben einem einen gewissen Kick und mehr Power! Man traut sich dann schon mal mehr zu als normal!" Seine Eltern, sagt Niklas, sind zwar besorgt wenn er fährt, freuen sich allerdings, dass es ihm großen Spaß macht. Über das Thema Unfälle berichtet er in diesem Zusammenhang dann auch noch:

"So viel ist bisher nicht passiert. Ich habe mir bisher einmal den Arm verstaucht und den Lenker in die Leiste gerammt, ganz knapp an einer Ader vorbei, mehr eigentlich nicht!" Dass es - medizinisch betrachtet - eine überlebenswichtige Ader war, ergibt sich erst beim erneuten Nachfragen. Dieses Verhalten ist entweder jugendliche Bescheidenheit, Naivität oder einfach Coolness.

Nohand-Air über die Box
stetige Materialbelastung
Beeindruckend

Wer sich von seinem Fähigkeiten überzeugen will, ist jederzeit eingeladen, zum Rheinufer unter der Oberkasseler-Brücke zu kommen. Für jedes Lob ist Niklas dankbar, die Unterstützung durch einen Sponsor wäre natürlich "mega"! Niklas hat wie alle Jugendlichen einen Traum: "Ich will reich und berühmt werden!", sagt er und betont mit leicht ironischem Unterton: "Berühmt reicht mir auch schon!" Da war sie wieder, die sympathische unbelastete Coolness. Niklas und die anderen Jungs lächeln. Es handelt sich hier eben um Freestyler, in motorischer und mentaler Hinsicht.

Bemerkungen zu den Fotos:

Fotografisch gesehen, zählt das Freestyle Radfahren sicherlich zu einem der anspruchsvollsten Bereiche der Sportfotografie. Stets wiederkehrendes Problem ist meist der nicht korrekt sitzende Fokus. Niklas und die anderen Jungs mussten manche Tricks mehrfach fahren, bis die Bewegungsabläufe für den Fotografen bekannt und das Bild dann auch noch scharf war, richtig scharf. Folgende verschiedene Objektive (alle USM) kam zum Einsatz: 1. 35mm f/1.4L, 2. 85mm f/1.2L II, 3. 16-35mm f/2.8L II, 4. 70-200mm f/2.8L IS II, 5. 200mm f/1.8L. Sowohl die Fotos als auch die Texte sind urheberrechtlich geschützt. Eine Verwendung im Ganzen oder in Auszügen ist nur mit ausdrücklicher, schriftlicher vorheriger Genehmigung des Autors zulässig.

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